Die Krise und der moralische Katzenjammer

Nachdem das konservative Urgestein Charles Moore den Neoliberalismus infrage gestellt hat, folgt ihm Frank Schirrmacher in der „FAZ“ nach.

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Es ist ein starker Titel – und wenn er über einem Leitartikel der „FAZ“ steht, diesem Flagship-Store konservativer Ideen, dann erst recht: „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“, ist dort zu lesen, aus der Feder von Mitherausgeber Frank Schirrmacher. Gut, es ist ein Zitat, brav durch Anführungsstricherln kenntlich gemacht, und in der Folge hält sich Schirrmacher mit eigenen Ideen auch eher zurück: Er hantelt sich an der Argumentationslinie von Charles Moore entlang, einem konservativen Urgestein. Der hat im „Daily Telegraph“ heftige Kritik an der Entwicklung des Neoliberalismus geäußert.

Kurz und bündig zusammengefasst: Er führe Richtung Oligarchie. „Es zeigt sich, dass ein System, das angetreten ist, das Vorankommen von vielen zu ermöglichen, sich zu einem System pervertiert hat, das die wenigen bereichert. [...] Die Stärke der Analyse der Linken liegt darin, dass sie verstanden haben, wie die Mächtigen sich liberal-konservativer Sprache als Tarnumhang bedient haben, um sich ihre Vorteile zu sichern.“ Und dann wählt Moore eine Formulierung, die sonst nur Gähnen auslöst und kurzes Augenrollen, weil man sie so oft gehört hat (allerdings von der Linken oder der Caritas): „Die Reichen werden reicher, aber die Löhne sinken“, schreibt er. „Fast alle arbeiten heute härter, leben unsicherer, damit wenige im Reichtum schwimmen. Die Demokratie, die den Leuten dienen sollte, füllt die Taschen von Bankern, Zeitungsbaronen und anderen Milliardären.“

Charles Moore war einst Feuer und Flamme für Thatchers Ideen, er hat ihre Umsetzung journalistisch begleitet, jetzt ist er sich nicht mehr sicher: „Ich habe dreißig Jahre gebraucht, um mir diese Frage zu stellen. Aber heute muss ich es tun: Hat die Linke doch recht?“ Frank Schirrmacher teilt diese Zweifel. „Es gibt Sätze, die sind falsch. Und es gibt Sätze, die sind richtig. Schlimm ist es, wenn Sätze, die falsch waren, plötzlich richtig werden. Dann beginnen die Zweifel, ob man richtig gelegen hat, ein ganzes Leben lang.“ Linke Ideen, so Moore und Schirrmacher, werden wieder gebraucht.

Und zwar, weil die bürgerlichen Parteien ausgerechnet jene im Stich gelassen haben, die angeblich ihre Klientel bilden sollten: die Häuselbauer, die auf einen guten Start für ihre Kinder hofften und eine anständige Pension, so Charles Moore. Oder wie Schirrmacher es ausdrückt: „Jene gesellschaftlichen Gruppen, die in ihrem Leben nicht auf Reichtum spekulierten, sondern in einer Gesellschaft leben wollen, wo eindeutige Standards für alle gelten, für Einzelne, für Unternehmen und für Staaten, Standards von Zuverlässigkeit, Loyalität, Kontrolle.“ Lehrer, Polizisten, Krankenschwestern nennt er unter anderem.

Fazit Schirrmachers: „Ein Bürgertum, das seine Werte und Wertvorstellungen von den gierigen wenigen (Moore) missbraucht sieht, muss die Fähigkeit zu bürgerlicher Gesellschaftskritik wiederfinden.“


bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2011)

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