Alles über Schubert! Wofür man Subventionen braucht

22.04.2012 | 18:18 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Zwar müssen Institutionen wie die Akademie der Wissenschaften hierzulande mittlerweile um ihre Existenz bangen, funktionieren aber noch.

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Wie oft hat Franz Schubert die „Forelle“ komponiert? Kluge Musikfreunde antworten vermutlich etwa so: zwei Mal, ein Mal als Lied, ein zweites Mal als Klavierquintett – mit Variationen über besagte Liedstrophe.

Das ist nicht ganz falsch. Aber Genauigkeitsfanatiker informieren sich, bevor sie antworten, selbstverständlich umfassend. Das geht zum Beispiel, indem sie die Bände der neuen Schubert-Gesamtausgabe zu Rate ziehen. Walther Dürr hat jüngst mit dem Band IX den letzten der 14 Liedbände – die bei Schubert, versteht sich, das Herzstück des Œuvre-Katalogs bilden – abgeschlossen.

Und in diesem Band finden sich allein fünf verschiedene Versionen des Liedes „Die Forelle“. Alle sind „originaler“ Schubert. Interpreten dürfen nun also wählen, gustieren und bleiben doch „authentisch“

Die „Neue Ausgabe“ sämtlicher Werke Franz Schuberts ist seit 1965 im Entstehen. Gefördert von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Union der deutschen Akademien. Tübingen und Wien sind die Standorte. Und auch hierzulande sind die Forscher nicht untätig. Walburga Litschauer hat eben in den Räumen der Gesellschaft für Musik den Schlussstein ihres umfangreichen Beitrags zur Gesamtausgabe vorgestellt.

Im Verein mit Werner Aderhold hat sie Band III der Werke für Klavier zu vier Händen fertiggestellt. Im Rahmen eines Gesprächskonzertes hat man in Wien gleich die Probe aufs Exempel gemacht.

Was nützt uns eine Neuedition von längst in Dutzenden Ausgaben greifbaren Kompositionen?

Da ist einmal die Tatsache, dass sich akribische Wissenschaftler wie Litschauer darum bemühen, sämtliche Lesefehler älterer Editionen auszumerzen. Darüber hinaus verschafft das Quellenstudium allerdings noch aufschlussreiche Informationen über den Schaffensprozess.

Ein Genie wie Schubert, der bekanntermaßen – wie Mozart – seine Werke in unglaublicher Geschwindigkeit zu Papier brachte, arbeitete doch in vielen Fällen nicht spontan, sondern entwarf seine Werke umsichtig, legte Skizzen an, tauschte zuweilen auch Passagen aus.

Das Klavierduo Egri & Pertis ließ die Interessenten der Gesellschaft für Musik nun teilhaben an der Entdeckerfreude, die ein Gesamtausgabenband bei Musikern wecken kann. Auch Schubertianer vom Format eines Paul Badura-Skoda oder Hans Petermandl lauschten mit Interesse Sektionen in der wunderbaren, späten f-Moll-Fantasie, die so wahrscheinlich überhaupt noch nie zu hören waren.

Wer das ebenso bedeutende wie populäre Stück in Hinkunft aufführen möchte, hat nun die Qual der Wahl. Via Notenband (Bärenreiter) darf er sozusagen in einen imaginären Dialog mit Schubert treten...

 

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2012)

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