Natascha und ihre Freunde Die anderen - Bestien und Meute!

Jean-Paul Sartre hat es gewusst: L'enfer, c'est les autres. Aber sind die moralischen Reflexe unseres Landes wirklich kaputt?

Man ist versucht, Jean-Paul Sartre zu zitieren: L'enfer, c'est les autres. Die Hölle sind die anderen. Wer sind die anderen? Jene, die nicht zu Nataschas Freunden zählen. Also wir, die nicht alles glauben. „Wer lügt da wirklich?“, wollte ich schon vor Monaten, ja Jahren wissen. „Alle!“, wurde mir von Leuten, die sich meiner Meinung nach auskannten, unverblümt geantwortet. Das war, noch bevor Nataschas Märchenbuch erschienen war, noch immer ein Bestseller, obgleich seither etliches passierte.

Die Hölle sind die anderen. Jene, die von den Freunden Nataschas als „Meute“ bezeichnet werden. Sie hat viele Freunde, vor allem auch im ORF und, wie sich herausgestellt hat, natürlich auch unter den Moderatoren jener Diskussionssendungen, die sich in letzter Zeit mit dem Fall Kampusch befasst haben.

Es ist zwar ungewöhnlich, ja ungehörig, dass die jeweiligen Gesprächsleiter ganz unverblümt zeigen, auf welcher Seite sie stehen, aber Peter Pelinka ließ diesbezüglich keinen Zweifel aufkommen, und auch Peter Rabl machte aus seinem Herzen keine Mördergrube – Florian Klenk, einer der Teilnehmer dieser Runde, hatte ihn im jüngsten „Falter“ mit einer – nun, sagen wir: despektierlich anmutenden Bemerkung über die alten Höchstrichter zitiert.

In der Tat: Natascha hat viele Freunde. Kollege Klenk gehört dazu, und natürlich auch sein Chef, der „Falter“-Boss Thurnher. „Die moralischen Reflexe dieses Landes sind so kaputt wie seine Öffentlichkeit, und sie werden durch deren Aktionen immer weiter zerstört“, schrieb er. Denn „ist ein Verdacht erst einmal öffentlich geäußert, ist der Verdächtige so gut wie vernichtet“.


Nein, Thurnher meinte nicht Grasser, sondern Natascha. Es kommt ja, meint er, „nicht auf den Wahrheitsgehalt einer Äußerung an, sondern auf deren Eignung, die Bestie zum Brüllen zu bringen“. Eine der Bestien ist die Politikerin, die in der Vorwoche versucht hat, einschlägige polizeiliche und juristische Erhebungen infrage zu ziehen. „Die Ausmerzung der Moral gellt uns in den Ohren wie das hysterisch-elefantöse Trompeten jener freiheitlichen Abgeordneten im ORF-Zentrum.“ O-Ton Thurnher.

Der „Falter“ gehört zu Nataschas Freundeskreis. Er ist, wie gesagt, groß. Auch Sibylle Hamann ist dabei, die vom „Willen der Meute“ spricht. Wie gesagt: Die Meute ist die Hölle, und die Hölle sind wir, die nicht alles glauben, was Natascha sagt. Im Gespräch mit ihrem journalistischen Mentor Christoph Feurstein, der das letzte Interview mit ihr offenbar genau geprobt hat. Feurstein, einer der PR-Berater des Entführungsopfers. Apropos: Was ist denn aus dem Kinderpsychiater Friedrich geworden, der auch dazugehört hat?

Er hat jedenfalls keine Verschwiegenheitspflicht gebrochen, was etliche, die zur Amtsverschwiegenheit verpflichtet waren, sehr wohl getan haben. Etliche „Aufdecker“ konnten demnach mit ihren Enthüllungen einen Rechtsbruch lukrieren. Aber sie gehörten nicht zur Hölle. Und ihre moralischen Reflexe sind auch nicht so kaputt wie die Öffentlichkeit dieses Landes.

Ein niederschmetterndes Urteil über sie, oder? Bleibt festzustellen, dass diese Öffentlichkeit, soll heißen: die öffentliche Meinung, mit der veröffentlichten eines Teils der Medien (es sind nicht alle) selten so wenig einig war wie im Fall Natascha. Irgendetwas stinke, sagen die Leute. Etwas sei faul, sagt die Meute, die Bestie. Das sind die anderen.


Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2012)

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