Pizzicato

Das Eiland der Dichter

Seitdem auf dem Apennin Ruhe und Langeweile herrschen – zumindest, bis Silvio Berlusconi sich wieder aus der Asche erhebt – und sich die Iberer wegen eines Fleckens im Nordosten in den Haaren liegen, sind neuerdings zwei Nationen Europameister im Wahlkampf, die vordergründig nichts miteinander gemein haben.

Island, das Volk der Fischer und Fußballgötter, und Österreich, die Heimat der Stehgeiger und Skiheroen, verbrachten die vergangenen eineinhalb Jahre damit, den Gegner in der Politarena in den Schmutz zu zerren. Das blieb nicht ohne Folgen für die nationale Psyche. Hierzulande tobten sich analfixierte, erotomanische Verbalakrobaten in der Tradition des Wiener Aktionismus als Erben von Günter Brus und Co. an Plakaten und allerlei Verballhornungen aus. Aus dem Kurz-Slogan „Jetzt oder nie“ wurde so „Jetzt Onanie.“

Die Isländer dagegen wurden ihrem Ruf als Eiland der Dichter gerecht. Bei der zweiten Neuwahl innerhalb eines Jahres warfen sie neulich Gedichte und Vierzeiler samt der Wahlzettel in die Urnen. Womöglich riefen sie darin die nordischen Götter an oder die Erdgötter, die Geysire und Vulkane. Odin, hilf! Apropos: Auf den Namen des Gottvaters, des Gottes des Krieges und der Dichtkunst, hört in der Alpenrepublik nicht nur H.-C. Straches Labrador (Odi), sondern auch der Lieblingsmaler Norbert Hofers. Oh, Germania! (vier)

Reaktionen an: thomas.vieregge@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2017)

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