Scheitert der Euro, wenn Deutsche Deutsche, Griechen Griechen bleiben?

CHRISTIAN ORTNER (Die Presse)

Warum es ein fataler Fehler aller Fans der „Europäischen Republik“ ist, an das Absterben der unterschiedlichen Mentalitäten der europäischen Völker zu glauben.

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Dass Griechenland laut einer neuen Studie von „Transparency International“ etwa so korrupt ist wie Indien, der Senegal oder Kolumbien – also sehr korrupt – gehört jetzt nicht wirklich zu den ganz großen Überraschungen. Wenn etwa griechischen Medienberichten zufolge die Mutter des ehemaligen Ministerpräsidenten Papandreou schlanke 550 Millionen Euro in der Schweiz gebunkert hat, ist das nicht wirklich ein Indiz für die Sauberkeit der Athener Eliten.

Doch das wirklich Betrübliche daran ist nicht das Ausmaß der Korruption in Griechenland (über die sich allzu sehr zu echauffieren gerade dem diesbezüglich auch nicht grad untalentierten Österreich nicht zusteht), sondern ein ganz anderer Umstand: Dass sich an der besonders hohen Neigung Griechenlands zur Korruption auch nach 30 Jahren EU-Mitgliedschaft nichts verändert hat.

Damit gerät nämlich die (leider auch von mir in romantischer Fehlinterpretation der Fakten allzu lang vertretene) These, wonach in der EU die unterschiedlichen Mentalitäten, Lebenseinstellungen und Wertvorstellungen der Völker Europas langsam, aber doch gemeinsame würden („Konvergenz“), ziemlich ins Wanken.

Immer mehr deutet vielmehr darauf hin, dass gerade auch in der EU die Deutschen unvermindert Deutsche bleiben wollen, die Griechen Griechen, die Franzosen Franzosen; von den Briten ganz zu schweigen.

Dabei geht es nicht nur um Korruption, sondern um nahezu alle relevanten Grundüberzeugungen. Setzen die Franzosen auf die Segnungen staatlicher Planung, hängen die Deutschen der moderaten Wettbewerbswirtschaft an; Atomkraft gilt westlich des Rheins als Segen, östlich des Rheins als potenzielles Armaggedon.

Während die Tschechen gerade dabei sind, staatlich kontrollierte Mietzinse als Relikt des Kommunismus gänzlich abzuschaffen, stößt die Wiedereinführung diese Relikts in Österreich auf erhebliche Zustimmung.

Die Liste völlig unterschiedlicher Mentalitäten, Einstellungen und Überzeugungen ist nahezu unerschöpflich. Daran ändert auch der Zeitablauf nur wenig. Die Annahme, Europas Völker würden einander im Laufe der Zeit und unter dem Dach der EU immer ähnlicher werden, hat sich weitgehend als Illusion erwiesen.

Das wird – leider – ganz erhebliche praktische Konsequenzen haben. Denn langfristig funktionieren können der Euro und die von ihm erzwungene unfreiwillige Transferunion nur, wenn die unterschiedlichen Mentalitäten zumindest teilweise planiert werden.

Denn dass Deutsche oder Österreicher auf unabsehbare Zeit etwa Griechen alimentieren, die an ein gleichsam gottgegebenes Grundrecht für alle glauben, den eigenen Staat nach Kräften zu betrügen, ist eher nicht anzunehmen. Genauso wenig wie wahrscheinlich ist, dass Deutschland, etwa im Wege von Eurobonds, mit Vergnügen die Rechnung für das parteiübergreifende französische Bedürfnis übernimmt, einen schon jetzt grotesk überdimensionierten Staat noch weiter zu mästen. Das wird so nicht funktionieren.

Damit steht Europa vor einer wenig erquicklichen Alternative. Entweder wird auf mirakulöse Art und Weise plötzlich zustande kommen, was in den letzten Jahrzehnten nicht zustande kam – die Konvergenz der Kulturen innerhalb der EU. Oder die Transferunion und mit ihr der Euro werden am Ende doch nicht zu halten sein.


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Zum Autor:

Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2012)

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12 Kommentare

Das Problem ist nicht das der Deutsche Deutsche bleibt und der Grieche Grieche;

das Problem ist das der Deutsche nur an den Deutschen denkt und der Grieche nur an den Griechen. Und woran liegt das? An dem erstarken der Nationalisten quer durch Europa. Und dann wundern wir uns warum die EU nicht funktioniert wenn jeder jeden bescheißt nicht nur der Süden den Norden sondern genau so vice versa.

Aber ich vergas das menschliche Ego ist das einzige was zählt im Kapitalismus. Es wird zum Unschlagbaren Argument erhoben das der Mensch schlecht ist. Und weil es Dogma ist das die anderen schlecht sind muss ich mich davon nicht ausnehmen. warum auch? Schließlich muss ich ja auf meinen Profit schauen. Und nach mir die Sinnflut. Das Problem des Kapitalismus ist nicht die Gier sondern das moralische Vakuum das es in den Köpfen der Menschen hinterlässt vom Politiker bis zum Häuslbauer... wirklich traurig

Ja, die EU hat schon Fehler.

Doch wie sieht die Alternative aus?
Nicht Austritt oder Zerstörung der EU sind die Lösung, sondern Beseitigung der Mängel.

Andere Perspektive

Wenn die (ungewählten) EU Vertreter Papiere produzieren, die tatsächlich die Abschaffung von wesentlichen Teilen der Hoheitsrechte der nationalen Parlamente zum Ziel haben, dann gehts hier in riesen Schritten Richtung Diktatur.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2012/12/07/eu-papier-nationale-parlamente-schaden-der-eu/

leider feiern alte vorurteile fröhliche urständ

da denkt man leicht an die völkerkarte aus dem 18. jhdt., wo zu lesen stand: schwede, stark und groß, grausam oder ungar, untreu und allergrausamst usw. usf.

"der deutsche" zahlt seine steuern nicht lieber oder eher, das system macht den unterschied. ein griechischeer geschäftsmann muss in deutschland seinen verpflichtungen genauso nachkommen wie ein deutscher geschäftsmann. man sollte halt bei der öffentlichen verwaltung schauen was falsch läuft (hier hilft ein blick nach skandinavien, wo z.b. die steuermoral am besten ist) und hier mit simonie und job-schieberei aufhören. wenn nicht alle allen irgendwie "verpflichtet" wären könnte auch kontrolle der säumigen bürger weniger zur willkür verkommen.

grundsätzlich sollte man das in ö erkannt haben - alles nur eine frage der umsetzung...

Re: leider feiern alte vorurteile fröhliche urständ

Sie haben den Nagel ziemlich auf den Kopf getroffen! Dennoch habe ich während der Zeit meiner Berufstätigkeit bei sehr vielen europäischen (Industrie-)Projekten die Erfahrung gemacht, dass mit Ausnahme der Spanier und einer nur einmaligen italienischen Teilnahme auch auf den Projektübersichten anderer Projekte sich kaum Südeuropäer gefunden haben. Griechenland war diesbezüglich überhaupt nicht vorhanden.
Dies gibt natürlich aber nicht Herrn Ortner recht, da gerade auch bei europäischen Aktivitäten der Fisch beim Kopf zu stinken beginnt und das sowohl positiv als auch negativ . Dies hat nichts mit Mentalitäten zu tun, sondern mit politischen "Spitzenrepräsentanten", die wahrlich keine Europafans sind, sondern vor allem auf die eigene Position und den eigenen Vorteil schielen und die Bevölkerung durch völlig verwirrende Informationen zwischen allen Sesseln sitzen lässt. Dass diese dann wie Herr Ortner keine andere Möglichkeit mehr hat, als in der Kiste mit den alten verstaubten Vorurteilen zu wühlen, ist also kein Wunder.

"Die Annahme, Europas Völker würden einander im Laufe der Zeit und unter dem Dach der EU immer ähnlicher werden, hat sich weitgehend als Illusion erwiesen."

wann ist ortner das letzte mal aus dem haus gegangen?
wann ist ortner das letzte mal zu besuch in einem anderen eu-land gewesen?

sofern überhaupt... von 'mit offenen augen' kann man nicht sprechen. er scheint überhaupt keine ahnung zu haben, WIE international und ähnlich sich die menschen im lauf der letzten generationen geworden sind!

ist ortner somit ein modernisierungsverweigerer, der sich die vergangenheit schönträumt und die gegenwart nicht bewältigt?
jedenfalls erinnert mich diese behauptung an bemerkungen im zusammenhang mit preisentwicklung: ein "früher waren die semmeln viel, viel billiger!" - ebenso unsinn. ebenso ausdruck der unfähigkeit zu abstraktem denken. eigentlich die unfähigkeit überhaupt zu denken...

Re: "Die Annahme, Europas Völker würden einander im Laufe der Zeit und unter dem Dach der EU immer ähnlicher werden, hat sich weitgehend als Illusion erwiesen."

Zunehmende Ähnlichkeit: keine Frage. Bleibt aber die Frage: wieviel davon ursächlich der EU zuzurechnen (und nicht einfach auf das Konto der Globalisierung zu verbuchen) ist bzw. inwieweit und in welchen Zeiträumen solche Veränderung im Lebensstil, im Verbraucherverhalten etc. die Ebene der kulturellen Identität veränderen ... denn: dass wir Hamburger essen und Coca Cola trinken macht uns ja noch nicht unbedingt zu USAmerikaner_inne_n, oder etwa doch?

Re: Re: "Die Annahme, Europas Völker würden einander im Laufe der Zeit und unter dem Dach der EU immer ähnlicher werden, hat sich weitgehend als Illusion erwiesen."

Die Eu ist eine Folge der Globalisierung; der gemeinsame Wirtschaftsraum ist dazu da im globalen Wettbewerb Vorteile durch die Kooperation von hochtechnologisierten Staaten zu erzeugen.

Re: Re: Re: "Die Annahme, Europas Völker würden einander im Laufe der Zeit und unter dem Dach der EU immer ähnlicher werden, hat sich weitgehend als Illusion erwiesen."

ja, das meinte ich (frage von ursache, wirkung und ggf. intervenierenden variablen...)

Re: Re: "Die Annahme, Europas Völker würden einander im Laufe der Zeit und unter dem Dach der EU immer ähnlicher werden, hat sich weitgehend als Illusion erwiesen."

"...die Frage: wieviel davon ursächlich der EU zuzurechnen..."

Egal was die Gründe sind; Ortner nimmt den Wandel nicht zur Kenntnis!

"die (leider auch von mir in romantischer Fehlinterpretation der Fakten allzu lang vertretene) These"

ist in der Tat zusehends schwerer aufrecht zu erhalten. Doch, bekanntlich muss, wer "A" gesagt hat nicht unbedingt "B" sagen, sondern darf auch erkennen, dass "A" falsch gewesen ist oder zumindest auf falscher Interpretation der Fakten beruht hat ...

Christan Ortner danke für diese Offenheit, doch spricht wohl einiges dagegen, dass sich diese Einsicht allzu rasch verbreitet durchsetzt ;-)

http://www.amazon.de/Prolokratie-Demokratisch-Pleite-Christian-Ortner/dp/3990010476

http://www.amazon.de/Die-Torheit-Regierenden-Troja-Vietnam/dp/3596153948/

...

Österreichs rotschwarze Selbstbediener leben auch nur von der Gutmütigkeit der Ausgeplünderten !


Siehe Sonderpensionen in ÖNB, Soz.versicherungen, ORF etc.

Doch unter dem Motto "Geräächtigkeit" lässt sich vieles verkaufen...

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