Der Fall Gauck – oder: Die Angst der Schafe vor der Freiheit

CHRISTIAN ORTNER (Die Presse)

Paradox: Je mehr der Staat die wirtschaftliche, politische und persönliche Freiheit seiner Bürger beschränkt, umso geringer wird deren Bedürfnis nach mehr Freiheit.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Man kann es natürlich auch für die in der Politik milieutypische Mischung aus großer Geste und leerem Pathos halten, wenn Joachim Gauck ausgerechnet den Begriff „Freiheit“ als das zentrale Leitmotiv seiner Präsidentschaft bezeichnet. Doch selbst wenn es – was angesichts des Mannes eher nicht zu vermuten ist – bloß eine Geste wäre, so wäre es bei näherer Betrachtung eine sehr merkwürdige Geste.

Denn in der deutschen Politik ist, genauso wie in der österreichischen, mit der Forderung nach mehr individueller Freiheit kein Blumentopf zu gewinnen, von Wählerstimmen und Wahlen ganz zu schweigen. „Frei zu sein ist anstrengend. Kein Wunder, dass die Freiheitszumutung von vielen als Überforderung erfahren und, wo immer möglich, gemieden wird“, urteilte jüngst der Autor Rainer Hank in der „FAZ“.

Politisches Terrain gewinnt man da ganz im Gegenteil nicht mit dem Versprechen von mehr Freiheit, sondern von mehr Gleichheit (siehe auch R. Taschners „quergeschrieben“ vom 22.3.) – und sei es die Gleichheit der vom Brutalsteuerstaat enteigneten Habenichtse.

Diese Gleichheit ist natürlich nur durch die Beschränkung der Freiheit des Einzelnen herstellbar (etwa der Freiheit, mittels niedriger Steuern über den von ihm erwirtschafteten Wohlstand selbst zu verfügen). Genauso wie umgekehrt gilt, dass ein hohes Maß an ökonomischer Freiheit zwangsläufig das Ausmaß der Ungleichheit erhöhen muss. Das freilich ist im deutschen Sprachraum außerordentlich unbeliebt: Darum ist ja die Mehrheit stets bereit, die Freiheit (vorzugsweise der anderen) auf dem Altar der Gleichheit zu opfern. Wenn einer wie Gauck einem Mehr an Freiheit das Wort redet, nimmt er daher implizit ein Weniger an Gleichheit in Kauf. Noch mehr Sakrileg ist kaum möglich.

Dass der Mann trotzdem schon jetzt zum „Präsidenten der Herzen“ hochgejazzt wird, sagt deshalb vor allem etwas über das Vakuum in den Köpfen vieler seiner medialen Groupies aus, für die „Freiheit“ bloß eine politische Hülsenfrucht ist, die sich bei der medialen Massenausspeisung in der ideologischen Volksküche des Sozialstaates vermeintlich problemlos als Beilage zum populären Hauptgericht „Gleichheit“ eignet. Von wegen.

Einer wie Gauck steht daher eigentümlich quer gegen den Zeitgeist. Denn Freiheit in seinem Sinne haben wir in der jüngeren Vergangenheit in rauen Mengen aufgegeben: wirtschaftliche Freiheit, indem die Staats- und Abgabenquote weit über jedes akzeptable Maß hinaus aufgebläht worden ist, politische Freiheit, indem demokratische Mitbestimmung von einer vermeintlich krisenbedingten „Alternativenlosigkeit“ niedergewälzt worden ist, persönliche Freiheit, indem wir einen Überwachungsstaat für angemessen halten, von dessen technischen Möglichkeiten die Stasi nicht zu träumen gewagt hätte. So wenig Freiheit war selten.

„Die Freude an der Freiheit hat sich in Furcht vor der Freiheit verwandelt“, hat Joachim Gauck einmal festgestellt. Das liegt natürlich auch an den zahllosen Ängsten, die seit 9/11 und der Weltwirtschaftskrise gedeihen wie selten zuvor – samt der Illusion, Freiheit gegen Sicherheit eintauschen zu können, ohne am Ende beides zu verlieren. Um diese Illusion zu benennen, braucht es keinen „Präsidenten mit Herz“, sondern einen mit Hirn. Die Deutschen haben ihn wohl gefunden.


Reaktionen senden Sie bitte direkt an: debatte@diepresse.com


Zum Autor:

Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

17 Kommentare

Die ParteienDemokratur hat über Jahrzehnte hinweg Schafe gezüchtet, woher also die Verwunderung?

Maximal Ärger kommt auf, da die Schafe jetzt wirklich erkennen zu beginnen, dass der Stall in dem sie wohnen, unter der Last der Korruption, der Faulheit durch Privilegien, ... zusammenbricht.

Aber keine Angst, zu mehr als Ärger sind die Schafe zumindest noch nicht fähig ;-))

Gast: Burgenländer
26.03.2012 14:29
0

Freiheit - Verantwortung

Wer dem neuen deutschen Präsidenten nicht bloß mit weit offenen Ohren sondern mit auffrichtigem Herzen zuhört, nimmt neben dem Begriff Freiheit immer auch dem Begriff Verantwortung wahr. Und, lieber Herr, das gilt - davon bin auch zutiefst überzeugt - im Sinne von Herrn Gauck besonders auch für jene die in höhrer Verantwortung stehen, in der Politik und im Wirtschaftsgeschen. So kann ich mir nicht vorstellen, dass Freiheit im Sinn des Theologen und Pastors Dr. Joachim Gauck heissen kann, Freiheit zum "Nehmen im Höchstmaß wenn sich die Gelegenheit durch besseren Informationsstand und Wissen bietet". Natürlich heisst "Freiheit in Verantwortung" auch nicht jede Gelegenheit zur "Ausbeutung des Sozialstaates" zu ergreifen. Jedenfalls meint Herr Dr. Gauck mit Sicherheit nicht einen Wirtschaftsliberalismus der den "Gewinn als Selbstzweck vergöttlicht", sondern den Gewinn als Motivationsmotor im vernünftigem Rahmen und als Treibsatz für Investitionen wahrnimmt. Das Herr Ortner will ich Ihnen vorsichtshalber geschrieben haben, ehe Sie den deutschen Bundespräsidenten für ihre extremen neoliberalen Exkapaden zu missbrauchen beginnen.

Wir wollen keine Freiheit !!!


Wir glauben an u. wollen mehr Umverteilung !

Schaut man vergleichend in die Schweiz, ist die Wirkung von 40 Jahren Umverteilungsgehirnwäsche schmerzhaft sichtbar.

Gratulation !

Endlich glaubt der Österreicher 60% Staatsquote ist normal u. 2/3 aller Einnahmen für nie eingezahlte Ruhegenüsse/Pensionen u. eine IRRE AUFGEBLÄHTE Mehrfachverwaltung muss sein.

Die Pseudosozialisten aus SPÖVFP haben ihr Ziel erreicht !!

Gast: Geheimrat
25.03.2012 16:22
0

„Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.”


Gast: freigleich
24.03.2012 15:23
2

freiheit

gleichheit heißt auch gleichheit der chancen - und das nutzen von denen ermöglicht die freiheit

Gast: Hansi Hüpfer
24.03.2012 07:13
2

Demokratie = Freiheit?

Danke Herr Ortner für diesen treffenden Artikel. Hätte nicht besser gelingen können!

Re: Demokratie = Freiheit?

Es gibt keine wirkliche Freiheit ohne Gerechtigkeit. Alles Andere ist romantischer Neoliberalismus der Privilegierten

ja, es gibt auch rotgelockte Schafe;))


Gast: Auch ein Gast
23.03.2012 07:34
4

Das Problem mit der Freiheit

Ortner witzig und scharf wie immer. Ja Parteien glauben Wahlen zu gewinnen indem sie mehr und mehr staatliche Versorgung versprechen, die natürlich auf Kosten der Eigenverantwortung geht. Verantwortung ist eine enge Verwandte der Freiheit. Während man in der Französischen Revolution noch der Ansicht war , dass Freiheit und Gleichheit zusammengehören („Freiheit, Gleichheit,Brüderlichkeit“) werden sie heute als feindliche Gegensätze gesehen. Je mehr Wahlmöglichkeiten und Eigenverantwortung die schutzbefohlenen Untertanen haben, desto mehr wird gefürchtet das die Ergebnisse unterschiedlich sein könnten.

Witzig und humorlos...

...eine seltene Gabe.

Unser "Bundesheinzi" hat locker im Schuhprofil des Herrn Gauck Platz !


"The road to serfdom" von A. F. von Hayek beschrieb schon vor 70 Jahren die Anmaßung und das Ende aller Sozialklempnerei in Moskau oder Pjöngjang.

Nach 40 Jahren Umverteilungsgehirnwäsche wollen wir keine Freiheit u. somit mehr Eigenverantwortung sondern mehr UMVERTEILUNG.

Quo vadis Ostarrichi ??


Re: Unser "Bundesheinzi" hat locker im Schuhprofil des Herrn Gauck Platz !

Die Überschrift Ihres Postings qualifiziert Sie als Stammtischneurotiker, da hilft auch der Schlusssatz nicht mehr.

Re: Unser "Bundesheinzi" hat locker im Schuhprofil des Herrn Gauck Platz !

s.g. hr. r. fuchs, lesen sie auch ein zweites buch in ihrem leben! aus ihrem immergleichen posting können wir bisher nur die lektüre von hayek entnehmen, ein bis zwei (meinetwegen auch wirtschaftstheoretische) bücher anderer autoren würden ihren engen focus garantiert erweitern!

Re: Re: Unser "Bundesheinzi" hat locker im Schuhprofil des Herrn Gauck Platz !

Danke für die "Fürsorge":

Hans Rauscher im Standard:
"Gerade weil wir uns in der Situation eines Verteilungskampfes befinden, in der mit falschen Begriffen agitiert wird, lohnt es sich vielleicht, ein bisschen Einordnungsarbeit zu leisten. Tatsächlich behauptet ja etwa die Linke, in Österreich herrschten turbokapitalistische, neoliberale Zustände. Sie hat damit in der öffentlichen Debatte die Deutungshoheit erlangt. In Wahrheit ist Österreich ein Ständestaat, zwar mit - relativ wenigen - "Groß"-Konzernen und "Superreichen", aber mit riesigen Lobby-Gruppen, die die wahre Verfügungsgewalt über die ganz großen Einkommensströme haben: Die Bauern-, Beamten-, (Früh-)Pensionisten-, Bundesländer-Lobbyisten haben den organisierten Zugriff.

Der wahre Umverteilungskampf im heutigen Österreich verläuft ja nicht so sehr zwischen "Reich" und "Arm", sondern zwischen den organisierten Interessengruppen und den Nichtorganisierten, zwischen dem geschützten Sektor und dem ungeschützten".

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/schweiz/schweiz_bund_kanton_gemeinde_finanzen_1.15344128.html

Wie sie hoffentlich sehen können, gehts mir um das EINMALEINS der Wirtschaftstheorie, wie sauberes nachhaltiges Wirtschaften u. Wohlstand aus Wertschöpfung.

Befürchte, unser Bundesheinzi hat NIE verstanden, dass Geld durch WERTSCHÖPFUNG u. nicht durch UMVERTEILUNG entsteht.

Antworten Antworten Antworten Gast: jasicherr
24.03.2012 15:22
0

Re: Re: Re: Unser "Bundesheinzi" hat locker im Schuhprofil des Herrn Gauck Platz !

lieb, diese vereinfachungen - z.B. 'ö ein ständestaat'

Re: Re: Re: Unser "Bundesheinzi" hat locker im Schuhprofil des Herrn Gauck Platz !

ihr anliegen mag ja legitim sein, trotzdem ist es kindisch beinahe jedes "quergeschrieben" von ortner zu einem ansatzweise wirtschaftspolitischen thema mit dem verweis auf "the road to serfdom" zu beginnen. das buch ist ja nicht uninteressant zu lesen, aber seither ist viel passiert und auch vieles andere geschrieben worden. ein blinder hayek-verehrer betreibt genauso jämmerlichen personenkult wie ein leninist.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: langer marsch
23.03.2012 12:16
3

Re: Re: Re: Re: Unser "Bundesheinzi" hat locker im Schuhprofil des Herrn Gauck Platz !

Obwohl vor über 60 Jahren geschrieben, war dieses Buch "der Weg zur Knechtschaft" noch nie so aktuell wie gerade heute.

Auf diesem Weg dahin erleben wir gerade eine Punktlandung, genau wie es Hayek beschrieben hat.

Top-News

Umfrage

Wir möchten mehr über die Nutzung erfahren und bitten Sie, zwei Fragen zu beantworten. Die Umfrage ist absolut anonym und lässt keine Rückschlüsse auf die Teilnehmer zu.


Zur Umfrage »

AnmeldenAnmelden