Die selbst gebastelte heile Welt des Ban Ki-moon: Leisetreter leben ewig

Nicht in seinen schaurigsten Albträumen käme dem jetzigen Generalsekretär der Vereinten Nationen der Gedanke, der bitteren Wahrheit zuliebe ein paar starke Worte zu finden.

Von „Presse“-Außenpolitik-Chef Christian Ultsch interviewt zu werden bedeutet, dass man sich auf konzise Fragen vorbereiten muss. Versucht der Interviewpartner, auszuweichen oder patzig zu reagieren, hat er damit zu rechnen, dass noch entschiedener nachgefragt wird.

Der tschechische Präsident Václav Klaus erlebte dies bereits mit der ersten an ihn gestellten Frage. Trotz der redaktionellen Bearbeitung des Gesprächs war beim Lesen nachdrücklich zu spüren, wie ungehalten der offenkundig von seinem Nimbus überzeugte Klaus reagierte – was, und dies ist Herrn Ultsch hoch anzurechnen, den fragenden Journalisten keineswegs einschüchterte.

Doch beim Interview mit UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon zielte alles noch so stringent formulierte Nachfragen in die Leere. Eher nagelt man einen Pudding an die Wand, als dass man Herrn Ki-moon eine gehaltvolle Antwort entlocken könnte.

Gekommen ist der Generalsekretär der Vereinten Nationen anlässlich der Eröffnung des Abdullah-Zentrums für interreligiösen Dialog in Wien. Es hagelte Kritik, weil der Hauptsponsor Saudiarabien die freie Religionsausübung von Nichtmuslimen unterdrückt. Aber auf die Frage, ob ihm eigentlich die Situation der Christen in Saudiarabien bewusst sei, wich Ban Ki-moon mit einem Gerede von einer „Ära der Intoleranz“ aus, ohne sich auch nur mit einer Silbe auf Saudiarabien zu beziehen, und schwadronierte – offenkundig, um Gefallen zu erheischen – von Österreich als einem „Land des Dialogs und der Mäßigung, wo bekanntermaßen seit langer Zeit viele ethnische und religiöse Gruppen friedlich und harmonisch zusammenleben“.

Aber dass er im gleichen Atemzug Staaten beim Namen nennte, namentlich die vom rigiden Islam theokratisch beherrschten, die davon Abgründe entfernt seien und sich daran ein Beispiel nehmen sollten – nicht in seinen schaurigsten Albträumen wäre Ki-moon der Gedanke gekommen, so etwas ins Mikrofon zu sprechen. „Seit dem Arabischen Frühling beginnen die Führungen, auf die Stimme ihres Volkes zu hören“, gibt er ungeniert von sich – offenkundig redet er sich die selbst gebastelte heile Welt so lange ein, bis er selbst daran glaubt.

Ein Interview kann entlarven, indem es aufzeigt, welche Irrwege der Befragte zu gehen bereit ist. Ein Interview kann aber auch entlarven, indem es aufzeigt, dass der Befragte nicht ein Jota von Courage, nicht eine Prise von Beherztheit besitzt. Bei Ban Ki-moon erfolgte die Bloßstellung bis zur bittersten Neige.

Was umso tragischer ist, als der Generalsekretär keine politische Macht besitzt, nur kraft seiner Persönlichkeit sein formal hohes Amt ausfüllen kann. Offenbar spiegelt das fahle Leisetreten des obersten UNO-Beamten den traurigen Zustand der einst nach dem Zweiten Weltkrieg mit so viel Hoffnung gegründeten Organisation wider, die alle Staaten der Welt an die Einhaltung des Friedens, des Völkerrechts und der Menschenrechte binden sollte.

Ein charismatischer Generalsekretär wie einst Dag Hammarskjöld stand glaubhaft und mutig für diese Ziele ein, aller damals durch den Kalten Krieg eingetretenen Hemmnisse zum Trotz. Diese Zeiten sind längst vorbei. Die UNO ist nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Dafür muss sich Ban Ki-moon nicht vor Hammarskjölds Schicksal fürchten – Leisetreter leben ewig.


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Zum Autor:

Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2012)

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