25.05.2012 22:17 | Meine Presse Merkliste 0

Beendet Bologna! Nicht Einheitlichkeit, sondern Vielfalt präge die Universität!

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Nur bei Studien, deren Nutzen manifest ist, soll sich der Staat um Vergleichbarkeit bemühen und in die Gestaltung eingreifen. Sonst aber sollte er volle Freiheit walten lassen.

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Sagen wir es ohne Umschweife: „Bologna“, jenes nach der Geburtsstadt der europäischen Universität benannte ehrgeizige Projekt zur Schaffung eines einheitlichen Hochschulraums auf dem Kontinent, hat die in es gesetzten Erwartungen rundum nicht erfüllt: Der Aufschwung zur Elite ist ferner denn je. Die Mobilität der Studenten blieb weit hinter den Erwartungen zurück.

Das Studium wurde vom Streben nach Bildung zum in unzähligen Prüfungen bescheinigten Erwerb von Kompetenzen verfremdet. Vor allem: Die Zahl gedruckter Exposés ist Legion. Aber kaum jemand liest sie, kann man von den meisten doch nur erwarten, dass pfiffig abgeschrieben und zitiert wurde.

(Ein kluger Rat für jene, die sich ihre Dissertation bei einem „Ghost“ bestellen und sie erst bei einer unerwarteten Kontrolle zum ersten Mal lesen – und treuherzig behaupten, die Arbeit auf mehreren Dutzend Datenträgern verteilt zu haben. Am besten sagt man: „Ich wusste offensichtlich später auch nicht mehr, an welchem Text ich selbst bereits gearbeitet hatte, welcher Text mein eigener und welcher möglicherweise ein Fremdtext war, insbesondere beim Zusammenfügen dieser Bruchstücke.“)

Vor Jahrzehnten war man ehrlicher: Man vergab Doktorate in den Rechtswissenschaften und in der Medizin, ohne eine Dissertation zu verlangen. Das Studium war anspruchsvoll genug, um den Doktortitel rechtfertigen zu können. Vor allem war es für die Gesellschaft wichtig zu wissen, dass die mit dem Dr. iur. oder Dr. med. benannten Personen in der Tat nach allen Regeln ihrer Wissenschaft umfassend ausgebildete Juristen oder Mediziner sind.

Dies führt zu einem ganz anderen Bild, als es „Bologna“ vorschwebt: dass die Universität, auf ihrer Tradition ruhend, für Gegenwart und Zukunft wegweisend wirkt.

Für die Gegenwart: Darunter fallen die Studien, bei denen der unmittelbare Nutzen manifest ist: jene klassischen der Medizin und Jurisprudenz, dazu die Technik, die Ökonomie, die Lehramtsstudien und einige weitere wie Bodenkultur oder Veterinärwesen. Fraglos hat hier der Staat vitales Interesse und daher – unabhängig von „Bologna“ – sowohl Eingriffsrecht als auch Gestaltungspflicht, dass eine gediegene und forschungsgeleitete Lehre erfolgt; wobei in der Medizin neben Forschung und Lehre noch die Betreuung von Patienten als dritte Säule hinzutritt. Dass in diesem Zusammenhang im aktuellen Fall des AKHs Wien um eine verhältnismäßig geringe Summe von neun Millionen Euro bis zu einem Streik hin gerungen wird, zeigt das Ungleichgewicht in der Wertschätzung der Disziplinen.

Für die Zukunft: Studien, bei denen die Anwendbarkeit der Ergebnisse nicht zentral ist, sind in ihrer Lehre und Forschung völlig frei – Bevormundung à la „Bologna“ ist hinderlich. Nicht der einheitliche, sondern der vielfältig gestaltete Hochschulraum müsste das Ziel sein: In Wien wird Altphilologie anders gelehrt als in Berlin, die Philosophie in Graz setzt andere Schwerpunkte als in Bologna – nur so wird Mobilität attraktiv.

Allerdings dürfen diese „reinen“ Disziplinen vom Staat bloß eine Basisfinanzierung erwarten, deren Höhe davon abhängt, wie sehr die Gesellschaft das jeweilige Fach schätzt. Worauf es dabei ankommt, ist es, den Gehalt der Disziplin öffentlich bündig darzulegen.


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Zum Autor:

Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2012)

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26 Kommentare
 
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Grüffelo
10.01.2012 13:43
0 0

Basisfinanzierung

schade, der begriff verdient mehr information. was ist mit dieser basisfinanzierung gemeint? und bekommt ein fach mehr öffentliches geld, wenn es mehr geschätzt wird, oder weniger (wenn es mehr geschätzt wird sind drittmittel vllt. eher zu lukrieren)? wieviel geld benötigen die "reinen" disziplinen um forschung und lehre auf diese rechtfertigendem niveau zu betreiben? freiheit gut und schön - dem könnte ich ja zustimmen, aber wies dann gehen soll ohne dass die orchideen verblühen, darüber erfahren wir wieder nichts...

Gast: hier
07.01.2012 14:49
0 0

nach allen regeln der wissenschaft


ausgebildete Mediziner und Juristen der '60-er und '70-er Jahre erhielten ihre Doktor-Rollen gemäß dem ungeschriebenen Leitsatz "wer inskribiert und nicht krepiert, der promoviert", weil die medievale Maskerade der Rollen-Verteilung sehr fotogen und zum Entzücken von Verwandten und Bekannten ablief und anschließend mulatság angesagt war.
Die umfassende Ausbildung konfrontierte den frischen Turnusarzt mit einer ausdrücklichen Bestimmung wonach er am Patienten nicht einen Handgriff ohne Aufsicht vornehmen dürfe und da er in der Regel alle sechs Monate die Abteilung wechselte, kam er in den drei Jahren bestimmt dazu "den Mund und die Haken zu halten", zur praktischen Ausbildung hingegen eher nach seinem Glück mit den Oberen. Die Verurteilung zum Nichthandeln am Patienten war Ausfluß des umfassenden Fehlens jeglichen praktischen Ballasts aus der Studienzeit: in den praktischen Übungen des klinischen Abschnitts waren meist Pechvögel beim Verlesen der Anwesenheitslisten zugegen, die für ihre im Kaffeehaus schwer im Einsatz befindlichen Auftraggeber "hier" zu schreien hatten.
Damit soll der heutigen Praxis des kreativen Abkupferns keineswegs ein Ständchen dargebracht werden, nur - was ist ein Doktortitel wert, der total ohne Mittel die Funktion eines Geßlerhuts erfüllt?

Antworten Gast: pensionär
08.01.2012 20:42
0 0

Re: nach allen regeln der wissenschaft

In der Technik ist es einfacher - nur wenn's funktioniert, dann wird promoviert.

heinz.pohl
05.01.2012 13:39
1 0

Klare Worte ...

... zur falsch verstandenen "Amerikanisierung" der europäischen Universitäten.

Wir Uni-Professoren sind damals über den Tisch gezogen worden ...

Antworten Murray
05.01.2012 13:51
0 2

Re: Klare Worte ...

Ein Leichtgewicht läßt sich auch leicht über den Tisch ziehen...

Antworten Antworten heinz.pohl
05.01.2012 14:41
1 0

Re: Re: Klare Worte ...

Ihre Wortmeldung zeugt auch nicht von "Schwergewicht"

Antworten Antworten Antworten Murray
06.01.2012 10:54
1 1

Re: Re: Re: Klare Worte ...

Nein, aber von Erfahrungen mit Professoren und ihrem Durchhaltevermögen.

3 0

bei bologna

gibt es zu viele einflüsse des angelsächsischen bildungssystems.

ausgerechnet jenes systems, das bei bildung am meisten versagt hat...

3 0

Studieren

ist halt etwas Anderes als Lernen. Bei Ersterem darf es keine ökonomischen Interessen geben, sonst verkommt es zum Sammeln von Scheinen, neue Erkenntnisse gewinnen ist dabei unbedeutend.

Antworten Murray
05.01.2012 14:24
1 1

Re: Studieren

Es darf keine ökonomischen Interessen beim Studieren geben? Darf man erst dann studieren, wenn man wirtschaftlich so gut gestellt ist, dass wirtschaftliches Interesse als Motiv auf jeden Fall ausscheidet?
Können sie mit neu gewonnenen Erkenntnissen Ihre Stromrechnung, den Hort für die Kinder, Lebensmittel usw usf. bezahlen?

1 0

Re: Re: Studieren

Dann ist es eben nicht "Studieren", sondern eine Art von Lernen für den Brotberuf.

Antworten Antworten Antworten Murray
06.01.2012 10:41
0 0

Re: Re: Re: Studieren

Und genau das streben 99% der Studenten an Universitäten und Fachhochschulen an, aus dem Rest rekrutieren wir ÖH-Funktionäre und Bildungspolitiker.

0 0

Re: Re: Re: Re: Studieren

Das ist ja das Bedauerliche. Und weil an den Unis nicht mehr wirklich "studiert" wird, müssen Institutionen wie in Gugging geschaffen werden, wo das wieder möglich ist.

3 1

Re: Studieren

...wird von den meisten missverstanden als ausbildung für einen beruf. manche studienzweige, die fachhochschulen sowieso, entsprechen besseren (oder gar schlechtere) lehrgängen an berufsbildenden höheren schulen a la HAK oder HTL.
--> geldverschwenung auf hohem niveau!

1 0

Re: Re: Studieren

Das ist wahr, ist mir auch schon aufgefallen. Ein Universitätsstudium ist aber reine Bildung, keine Berufsausbildung, zumindest sehr viele der Studienrichtungen.

Antworten Antworten Murray
05.01.2012 14:30
1 1

Re: Re: Studieren

Das ist Studieren auch. Der Rest sind humanistische Ideale a la Cicero, der leicht von einer von ökonomischen Interessen freien Menschenbildung träumen konnte - seine Sklaven haben ja die Arbeit für ihn erledigt (und die galten nicht als Menschen, sondern als "sprechendes Inventar").
Unsere Ausbildungsinstitutionen sind für eine sklavereifreie Gesellschaft gedacht und müssen uns darauf vorbereiten, dass wir unseren Lebensunterhalt selbst erarbeiten können. Geldverschwendung ist es, nicht darauf Rücksicht zu nehmen.

Antworten Antworten Antworten Gast: ohgott
05.01.2012 16:36
2 0

Re: Re: Re: Studieren

Und das glauben Sie wirklich ?
Wohl ein Bologna Bachelor ??

Antworten Antworten Antworten Antworten Murray
06.01.2012 10:42
0 1

Re: Re: Re: Re: Studieren

Besser ein Bologna-Bachelor als ein Elfenbeinturm-Mystiker.

Antworten Antworten teifl eini
05.01.2012 12:30
1 0

Re: Re: Studieren

dann wundert mich aber, wieso sich gerade die HAK-absolventen beim studium an der fh nicht leichter tun. offensichtlich sind die kompetenzprofile der HAKs weit weg vom tatsächlichen niveau der schüler.

außerdem müssten sich uni-absolventen mit masterstudiengängen an den FHs spielen, was definitiv nicht der fall ist, zumindest nicht an meinem studiengang.

teifl eini
05.01.2012 09:21
2 2

schwammiger kommentar

was konkret ist jetzt das problem des bologna-prozesses? das kann der von mir an sich geschätzte autor hier nicht klar erläutern.

die mobilität der studierenden hat sehr wohl zugenommen, behindert werden sie bloß von hochschulen, die bologna falsch verstehen und nichts anrechnen wollen (aus arroganz? ressourcenmangel?).

was hat das plagiieren mit bologna zu tun? copy-paste ist ein phänomen oberflächlicher zeiten im tsunami der desinformation und gier.

und ja, das hehre "streben nach bildung" musste wohl auch wieder bemüht werden. die zeit und ruhe (die uncoolness), die für das hehre streben nötig sind, hat in zeiten von social media und konsumwahn niemand mehr. wie hoch ist wohl der anteil der maturanten, die noch ordentliche arbeiten schreiben, dinge substanziell hinterfragen können? was zählt, ist die zahl der "freunde", nicht die qualität der beziehungen.

wo ist das problem, wenn die selben inhalte nun in form von kompetenzen geprüft werden? selbst studien, bei denen "die anwendbarkeit der ergebnisse nicht zentral ist" (eigentlich unglaublich), werden doch irgendwelche kompetenzen vermitteln.

bologna leidet an vielen kinderkrankheiten, keine frage aber es kann grundsätzlich nicht so schlecht sein, wenn studien vergleichbarer und transparenter werden.

Antworten Gast: Cromell
05.01.2012 21:33
2 0

Die Mobilität der Studierenden hat

massivst abgenommen.

Antworten Murray
05.01.2012 13:50
3 2

Re: schwammiger kommentar

Das Problem besteht darin, dass zwar der internationale Studentenaustausch gefördert wird, andererseits die Atudieninhalte und -methoden aber so weit angeglichen werden, dass die Mobilität ad absurdum geführt wird. Denn wenn Sie in Madrid dieselben Inhalte aus denselben Lehrbüchern nach denselben Methoden hören wie in Pinkafeld, warum sollen Sie in Madrid studieren? Wegen der Kulisse?
Das Verfassen "wissenschaftlicher Arbeiten" scheint zwar im ersten Moment durchaus sinnvoll zu sein - der wissenschaftliche Beitrag solcher Arbeiten ist zwar Null, aber die Studenten lernen es, Inhalte geordnet wiederzugeben - aber nur dann, wenn sie sie auch wirklich verfassen. Das ist in einem Massenstudium nicht mehr zu gewährleisten, da die Betreuung ungeheuer aufwendig ist. Und es macht keinen Sinn, wenn der Inhalt dann ins Hintertreffen gerät, sofern die Arbeit 30 Seiten lang ist, 12 Pkt, eineinhalbzeilig und mit korrekten Fußnoten versehen. Das kann man sich dann gleich sparen.

3 0

Re: Re: schwammiger kommentar

Vor allem ist es nicht tragbar, dass sich alle nun ans angloamerikanische, dreistufige System anpassen mussten. Das brachte für die Studierenden nur Nachteile.
Der Sinn des Ganzen war ja hauptsächlich, auch ein Studium in den USA zu ermöglichen und zwar so, dass die Studienzeiten und -inhalte wechselseitig anerkannt werden können. Das Blöde dabei ist, dass das immer noch nicht möglich ist. Ganz wenige Unis in den USA anerkennen den europäischen, dreijährigen Bachelor, da der in den USA vierjährig ist. Als an einem Masterstudium in den USA Interessierter müsste man ein sogenanntes gap-year einlegen. Weshalb es wiederum kaum jemand macht - es sind schon 2 Jahre Masterstudium lange und teuer genug.

Wenn man schon Mobilität im Studium haben will, dann hat man gefälligst auch dafür zu sorgen, dass Studienabschlüsse weltweit anerkannt werden. Ein Bachelor ist ein Bachelor, unabhängig davon, wo er erworben wurde. Die Europäer können nichts dafür, dass man in den USA in der High School so wenig lernt, dass man im ersten Jahr des undergraduate Studiums erstmal Allgemeinbildung nachholen muss. Bei uns lernt man das schon in der Schule, folglich dauert der Bachelor ein Jahr weniger.

Wenn diese Anerkennung nicht funktioniert, macht der Bolognaprozess überhaupt keinen Sinn!

Antworten Antworten Antworten Murray
06.01.2012 10:53
0 0

Re: Re: Re: schwammiger kommentar

Der einzige Sinn ist der, dass Sie in kurzer Zeit einen Abschluss erwerben können. Ja, der taugt nicht viel, aber er taugt etwas. Sie können ohnehin nicht davon ausgehen, mit einem Studium all die Bildung und Ausbildung erworben zu haben, die Sie für den Rest Ihres Lebens brauchen.
Wenn Sie das lebenslange Lernen ernst nehmen, müssen Sie sich der Frage stellen, wie Sie berufsbegleitend studieren können. Ein berufsbegleitender Bachelor läßt sich noch durchhalten, ein berufsbegleitendes Diplomstudium alten Zuschnitts ist eine höllische Quälerei. Das Aufteilen von Studien in mundgerechte Häppchen hat durchaus praktische Vorteile. Und u.a. deswegen geraten die Universitäten ins Hintertreffen. Dass man etwas für berufsbegleitende Studenten anbieten könnte, ist ihnen völlig entgangen. Verglichen mit der Anpassungsgeschwindigkeit von Universitäten ist sogar eine gewerkschaftlich organisierte Schnecke ein geölter Blitz.
Das internationale Anerkennen von Studienteilen ist widersprüchlich, denn dann müßten Studien sozusagen ISO-normiert sein. Dann hört man überall dasselbe und es hat keinen Sinn, irgendwo anders zu studieren - weil es ja eben dasselbe ist.

Gast: Humboldt
04.01.2012 22:25
2 0

Bravo

Est est es

4 0

Bologna - ja bitte!

Aber nur auf den Spaghetti - als Sauce.

 
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