22.05.2013 15:46 Merkliste 0

Wenn Physik-Laien Energie und Kraft durcheinanderbringen

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Nicht Energie zu gewinnen – das gelingt eigentlich gar nicht –, sondern Energie klug umzusetzen, wird zentrales Thema der Zukunft sein. Umso wichtiger ist es, Wissen darüber zu erwerben.

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Kaum ein Begriff der Physik wird öfter in der politischen Diskussion genannt als jener der Energie. Und kaum ein Begriff der Physik ist für Laien geheimnisvoller als jener der Energie. Ich kann mich noch gut erinnern, wie verzweifelt sich Peter Hertel, bei dem ich als Student Vorlesungen über Theoretische Physik hörte, über den Kommentar eines renommierten Fernsehjournalisten äußerte, weil dieser ständig die Begriffe „Kraft“ und „Energie“ gleichsetzte.

Bis heute hat sich wenig daran geändert: Neulich sprach der österreichische Umweltminister von „Energiegewinnung“ – ein allzu betörendes Wort. Denn wenn wir über Energie etwas sicher wissen, dann, dass Energie nicht „gewonnen“ werden kann. Sie ist eine Erhaltungsgröße: In einem isolierten System kann sie weder zunehmen noch verloren gehen, allein von der einen Form in die andere umgesetzt werden.

Newton gründete seine Physik nicht auf den Begriff der Energie, sondern auf den der Kraft. Zum Unterschied von der Energie fühlt man sie unmittelbar in den Muskeln und kann sie mit Gewichten leicht messen. Am Hebel und an der schiefen Ebene zeigte schon Archimedes, wie man Kräfte vergrößert: Wer auf den längeren Arm des Hebels drückt, hebt mit wenig Kraft große Gewichte. Allerdings muss der drückende Daumen einen viel längeren Weg als den Hub des Gewichts zurücklegen.

Die so geleistete Arbeit, das Produkt der Kraft mit dem in der Kraftrichtung zurückgelegten Weg, ist in die potenzielle Energie des gehobenen Gewichts umgewandelt worden. Bei einem Pendel wird die Masse am Ende des Seils gehoben, bis die Bewegung umkehrt und das Pendel zurückschwingt. In dem Augenblick, in dem das Pendel lotrecht nach unten zeigt, schwingt es am schnellsten: Die potenzielle Energie der Hebearbeit ist in die kinetische Energie des Durchschwingens am tiefsten Punkt umgewandelt worden. Es ist kaum bekannt, dass Émilie du Châtelet, eine Mathematikerin und Freundin Voltaires, zum ersten Mal davon sprach.

Doch selbst wenn das Pendel ruht: Die Masse am Ende des Seils ist immer noch vorhanden. Und wie Albert Einstein erkannt hat, birgt sie in sich ein unerhörtes Maß an Energie. Dies ist der Inhalt der berühmten Formel E=mc2, in der m für die Masse des Körpers und E für die in ihr verborgene Energie stehen. Der Faktor c2, das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit, ist eine in menschlichen Dimensionen gewaltige Größe: Ein Kilogramm in Energie verwandelt entspricht der Wärme, die beim Verbrennen von 60.000 Waggons Braunkohle entsteht.

Als Einstein und vor ihm Friedrich Hasenöhrl diese Formel entdeckten, hatte sie für die irdische Physik keine Bedeutung. Aber sie erklärte, warum die Sonne Jahrmilliarden zu strahlen vermag. Wäre die Sonne eine glühende Kugel aus Kohle, blieben ihr nur ein paar tausend Jahre vergönnt. Doch sie strahlt, weil in ihrem Inneren Atomkerne verschmelzen und dabei Masse in Energie umgesetzt wird. Da fast alle irdische Energie umgesetzte Sonnenenergie ist, nutzen wir letztlich Kernenergie...

Energie klug umsetzen zu können, wird eines der zentralen Themen der Zukunft sein. Daher ist es wichtig, Wissen darüber zu erwerben. Wie zum Beispiel die Formel Einsteins zustande kommt, werde ich am Abend des 13. Juni in den Hofstallungen des Museumsquartiers zu erklären versuchen.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2012)

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14 Kommentare
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Und

wie ist das mit der Schwerkraft und der potentiellen Energie?

Gast: Cynikus
04.06.2012 21:28
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Plus lucis?


Innerhalb eines abgeschlossenen Systems lässt sich natürlich keine Energie gewinnen.

Nutzt man aber das energetische Potenzial eines anderen Systems, um Energie ins eigene System zu transferieren, spricht man innerhalb des eigenen Systems durchaus berechtigt von Ernergiegewinnung - obwohl der Begriff "Energieaufschließung" zutreffender wäre, da das gesamte Universum zusammenhängt, und es völlig abgeschlossene Sub-Systeme nur in der Gedankenwelt der Theorie gibt.

Ein Laie wäre vermutlich verstört wenn er erführe, dass der Weg unseres kosmischen Seins unausweichlich in entropisches Chaos und energetisches Nirvana führt. So macht uns das Wort Gewinnung glücklicher, und "der Gebildete treibt die Genauigkeit nicht weiter, als es der Natur der Sache entspricht." (Aristoteles)

Antworten Gast: mom
06.06.2012 22:54
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Re: Plus lucis?

wir wissen weder ob unser universum ein abgeschlossenes, oder doch ein unabgeschlossenes system ist. außerdem kann es ja sein dass es soetwas wie abgeschlossene systeme gibt - solange nicht das gegenteil bewiesen wird..
zum rechnen sind abgeschlossene systeme ja ganz nett ;)

Antworten Gast: lf1
04.06.2012 23:23
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Re: Plus lucis?

Immerhin kann man mit der Gedankenwelt der Theorie trefflich seine intellektuelle Überlegenheit demonstrieren. Dass die niederen Laien etwas ganz anderes damit meinen, ist eh wurscht.

Dann sollen die Laien

gefälligst eigene Worte verwenden und nicht durch das "Ausborgen" eines unverstandenen Begriffs aus dem wissenschaftlichen Sprachgebrauch Wissen simulieren.

Gast: Germanist
04.06.2012 20:51
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Der Umweltminister verwendet den Begriff Energiegewinnung völlig richtig, ...

denn der Begriff „Gewinnung“ kommt aus der Bergmannssprache und bedeutet Nutzbarmachung und nicht Erschaffung. Wenn also der Bergmann von Gold- oder Salzgewinnung oder der Kaufmann von Kundengewinnung spricht, dann geht er auch nicht von einer Schöpfung aus dem Nichts aus.

Antworten Gast: lucy
04.06.2012 23:21
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Re: Der Umweltminister verwendet den Begriff Energiegewinnung völlig richtig, ...

Danke für die Ausführungen, Herr Germanist. Verständlich, nicht herablassend, ohne Eitelkeit, nachvollziehbar.

Danke, Herr Professor Taschner !


Kraft u. Energie wird oft verwechselt.

So wie die Verwechslung von Umverteilung u. Wertschöpfung !!

Selbst Akademiker verstehen nicht, dass NUR der WERTSCHÖPFUNGSKUCHEN im Staat umverteilt werden kann.

Von Gewerkschaftern ganz zu schweigen...

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Re: Danke, Herr Professor Taschner !

Nein, das ist nicht so - aber die, die sich mehr vom Kuchen abschneiden können, machen damit denen, die sich weniger nehmen können, ein schlechtes Gewissen!

Re: Re: Danke, Herr Professor Taschner !


Also gut, EINMALEINS der VW-Lehre :

Ohne Neuverschuldung kann NUR der WERTSCHÖPFUNGSKUCHEN im Staat umverteilt werden !!

Anders gesagt: Nur Waren & Dienstleistungen die VERKAUFT werden, finanzieren den STAATSHAUSHALT !!

Weder die Bürokratie, noch die Frühpensionssüchtigen erhalten den Staat.

Doch ich kann sie gut verstehen, diese triviale Binsenweisheit wird von Politikern u. Gewerkschaftern wohlweislich verschwiegen !!!

Gast: gggggggg
04.06.2012 18:51
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Also nicht bös sein, lieber Herr Taschner...

...aber dieser Artikel ist eitles ´Experten´-Geschwafel. Was ist die Botschaft -
- außer zu zeigen, wie überlegen Sie den dummen Laien sind? Und apropos ´Experte´: Der Begriff ´Energie´ ist nur für Laien geheimnisvoll??? Herr Taschner: wissen SIE wirklich, was Energie ist? Wenn ja, hätten Sie den x-fachen Nobelpreis verdient!

Wissen darüber zu erwerben.

wie in der Überschrift zu lesen ist ist immer gut und würde Ihnen - als Teilnehmer in diesem Forum - auch nicht schaden.

Ein wenig Takt darf dann im Lernprogramm auch noch drinnen sein.

Nicht nur Energie und Kraft

Viel öfters wird der Unterschied zwischen Energie und Leistung nicht verstanden.
Auch von so manchem Schreiber dieses Blattes.

Re: Nicht nur Energie und Kraft

Und noch viel häufiger wird (Nenn-)Leistung mit Arbeit(svermögen) gleich gesetzt!

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