Drucken Versenden
 
A A A
Schriftgröße
Kommentieren

Im Moment sagt nur einer genau, was er will

Viktor Orbán hat die Flüchtlingskrise genützt, um sich zur Galionsfigur der autoritären Rechten Europas zu machen. Leider macht er das gut.

 (Die Presse)

Leader“ sagt man auf Englisch, „Leadership“ in Managementseminaren. Auf Deutsch verkneift man sich „Führer“ lieber. Sagen wir also: „Führungspersönlichkeit“ und konstatieren nüchtern – Europa hat nach längerer Zeit wieder eine. Einen Ideologen mit einer historischen Mission. Einen, der über den Moment hinaus denkt, jenseits der Tagespolitik ein größeres Ziel verfolgt und taktisch überlegt, welche Knöpfe er heute und morgen drücken muss, um dieses Ziel übermorgen zu erreichen.

Fortschrittliche, liberale Menschen müssen an dieser Stelle sagen: Leider ist dieser Führer keiner von uns. Er ist kein Verfechter von bürgerlichen Freiheiten und Menschenrechten, sondern steht auf der anderen Seite. Sein Ziel ist ein autoritär regiertes Gemeinwesen auf der Grundlage völkisch-christlicher Prinzipien. Dieser Führer heißt Viktor Orbán, er ist Ungarns Regierungschef.

Orbán ist strategisch schlau, rhetorisch gut, im Handeln unerschrocken, inhaltlich konsequent. Und er denkt über die ungarischen Grenzen hinaus. Das unterscheidet ihn von vielen, die im Moment in Europa das Sagen haben. Für all die anderen Politiker und Politikerinnen, die in verschiedensten Ecken des Kontinents derzeit im nationalistisch-populistischen Fahrwasser schwimmen, bedeutet das eine große Erleichterung. Sie müssen sich ideologisch nun noch weniger anstrengen als bisher. Sie brauchen sich bloß zurücklehnen, am jeweiligen Ort ein jeweils aktuelles Ressentiment schüren, und sich drauf verlassen, dass alles (Zukunftsangst, Religion, Zuwanderung, Wirtschaftskrise) irgendwie mit allem anderen zusammenhängt. Wie genau? Das weiß Viktor Orbán. Er denkt für sie.

Die European Stability Initiative (ESI), ein famoser Thinktank, der es seit vielen Jahren schafft, die Zeichen der Zeiten rasch zu erkennen und präzise zu deuten, veröffentlichte dieser Tage ein Brevier („The Most Dangerous Man in the EU Today“), das Orbáns Aufstieg nachzeichnet. Man vergisst heute beinahe, dass Orbán nach der Wende als Liberaler begonnen hat, gar Vizepräsident der Liberalen Internationale war. „Liberalismus hat in Ungarn keinen Platz“, verkündete er jedoch im Sommer 2014 apodiktisch – da hatte er schon längst begonnen, das Land Schritt für Schritt nach seinen Vorstellungen umzubauen.


Das hätte, unter normalen Umständen, außerhalb von Ungarn kaum jemanden interessiert. Ökonomisch gesehen spielt Ungarn keine große Rolle, kulturell igelte man sich lieber ein. Erst die Flüchtlingskrise rückte Ungarn in den Fokus des Geschehens, taktisch und ideologisch. Taktisch verwendet Orbán die Flüchtlinge, um EU-Institutionen und westeuropäische Regierungen in all ihrer Widersprüchlichkeit vorzuführen. Ideologisch dienen sie ihm als Kitt, als einigendes Feindbild. Orbán benützt sie als Mittel zum Zweck, und hat das auch offen ausgesprochen: „Es ist die Chance für die national-christliche Ideologie und Denkweise, die Vorherrschaft zurückzugewinnen – nicht nur in Ungarn, sondern in ganz Europa.“

Die Kulissenteile für diesen Kreuzzug hat er schon hergerichtet. Von außerhalb hört man, donnernd, die angebliche „Invasion der Barbaren“ heranrollen, samt „Islamisierung“. Die Angst davor, so hofft Orbán, werde ein europäisches Grundprinzip nach dem anderen hinwegfegen – erst die offenen Grenzen, dann gesellschaftliche Toleranz und Meinungsfreiheit, schließlich die Menschenrechte. Man befinde sich in einem Überlebenskampf, behauptet er, in dem nur übrig bleibe, wer sich wappne. Mit Alltagspatriotismus („ins Geschäft gehen und ungarische Waren kaufen“), wehrhaftem Christentum, starken Sicherheitskräften, Abschottung nach außen, und der Einschränkung bürgerlicher Freiheiten nach innen.

Orbán geht es ums große Ganze. Er will, wie ESI es formuliert, „die liberale Ära in Europa beenden“. In seinem Windschatten sind bereits viele unterwegs, die ihm dabei helfen wollen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Sibylle Hamann
ist Journalistin

in Wien.
Ihre Website:

www.sibyllehamann.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2015)

 
Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
58 Kommentare
 
12
deneskata77
04.10.2015 20:15
0

Eine Meinung aus Ungarn

Leider. So meinen viele auch in Ungarn. Zwar jetzt nicht die Mehrheit. Leider.

port
02.10.2015 07:36
3

"Leider macht er das gut."


das 'leider' kann sich die hamann sparen.


raindancer_68
01.10.2015 14:17
5

orban

Orban wäre gut für die Sicherheit von österreichischen Frauen...

Clemens Neuber
30.09.2015 18:52
4

„Fortschrittliche, liberale Menschen müssen an dieser Stelle sagen: Leider ist dieser Führer keiner von uns“.

Diese Aussage muss widersprochen werden.

Das liberale Menschenbild geht vom unabhängigen, selbstbestimmten Individuum aus, welches sich und sein Weltbild durch Reflexion stetig in Frage stellt. Ein solches Individuum braucht keine Tradition und keinen Führer, auf den es sich bezieht und von dem es etwas erwartet. Das selbstbestimmte Individuum schultert seine Verantwortung selbst und gestaltet sein Leben mittels seiner Vernunft. Dies ist zwar auf Dauer anstrengend, aber der einzige Weg, selbstbestimmt zu leben.

Wenn man dies nicht aushält, bieten sich zwei Alternativen an. (1)Man resigniert und fällt zurück in die Geborgenheit der Tradition, in der die Antworten vorgegeben sind, oder (2)man projiziert die eigene Unzulänglichkeit auf die Anderen und muss erst die Welt verändern, bevor man beginnen kann, das eigene Ich und seine unmittelbare Umwelt zu verbessern.
Der erste Ausweg führt zurück in die Stammesgesellschaft, in die Volksgemeinschaft in den Gottesstaat. Der zweite Ausweg führt vorwärts in das soziologische Labors der jeweiligen Ideologien. Von denen haben wir auch schon genug gehabt!

Antworten kajla
30.09.2015 20:36
0

Re: „Fortschrittliche, liberale Menschen müssen an dieser Stelle sagen: Leider ist dieser Führer keiner von uns“.

der ist kein Führer, eher ein Verbrecher

Antworten Antworten NETUD-GUY
03.10.2015 11:15
2

Re: Re: „Fortschrittliche, liberale Menschen müssen an dieser Stelle sagen: Leider ist dieser Führer keiner von uns“.

Allerdinx demokratisch 3fach gewählt, könnte wieder abgewählt werden jedoch im Moment keine Konkurrenz

Antworten Antworten Stressor
01.10.2015 09:17
3

Re: Re: „Fortschrittliche, liberale Menschen müssen an dieser Stelle sagen: Leider ist dieser Führer keiner von uns“.

Wer?

Sukkus
30.09.2015 18:27
15

Klare Lage

Orban ist halt kein Linker, aber von 2/3 der Ungarn gewählt! Deshalb wird Ungarn von der EU geprügelt, obwohl es als einziges Land in der EU sich an die Asylregeln zu halten versucht!

Griechenland ist weit links regiert, lässt alle Flüchtlinge ungeschaut durch und nimmt auch keine Rückschiebungen an - und wird hofiert! Nein wir stecken denen schon wieder über 80 Mrd in den Allerwertesten! Als Dankeschön!

Antworten NETUD-GUY
03.10.2015 11:18
0

Re: Klare Lage

44% stimmen als 2/3, wir haben mit einem wahlgenie zu tun :P

Antworten kajla
30.09.2015 19:01
1

Re: Klare Lage

das war gar ein 2/3 der Wähler und mit Betrügen gewürzt

Antworten Antworten NETUD-GUY
03.10.2015 11:22
1

Re: Re: Klare Lage

Recht ist kein betrug, das wahlsystem in Ungarn ist nicht proportional sondern mehrheitbegünstigend, das ist weder betrug noch schwindel und lässt sich in der Welt wiederfinden

Antworten Antworten Stressor
01.10.2015 09:28
3

Re: Re: Klare Lage

Kajla wird zwar mit "Klamauk" übersetzt, bei uns heißen aber Ochse einer besonderer Art so.
Wenn ich ihre Postings lese, dürfte das letztere zutreffen.

Hr.Zyni
30.09.2015 17:02
11

in einem hamse recht

vergleicht man Orban mit unserem Faynachtsmann ist es zum Heulen. Zum anderen: eine liberale oder humanistische Antwort auf die Flüchtlingsfrage kann es kaum geben: die jetzige Selbstaufgabe der Länder D+Ö wird sehr rasch zu sozialem Aufruhr und Radikalisierung führen.

raumpfleger
30.09.2015 16:04
16

ich kann an denen die orban verteufeln kaum liberale zuege feststellen.

und mit dem begriff liberal ist so eine sache, das spectrum ist gross, welche meinen sie denn ? nach ihrem kommentar zu urteilen wohl eher links liberal. selbst in der hayek-gesellschaft kracht(e) es gerade wegen der richtungsauslegung. wohlgemerkt christlich-national ist mir lieber als heute links-liberal und morgen sharia-indoktriniert.


Antworten Thomas Holzer
30.09.2015 18:33
7

Re: ich kann an denen die orban verteufeln kaum liberale zuege feststellen.

"Links-liberal" kann es per se nicht geben!
Ein Widerspruch in sich!
"links" impliziert Zwang, liberal genau das Gegenteil
Und da kann eine Frau Hamann noch so oft behaupten, "links-liberal" sei ein "Zwillingspärchen"

punktegeier
30.09.2015 15:29
8

Meinungsfreiheit

ich wundere mich, dass bei Ihrem Artikel Kommentare möglich sind. Normalerweise dreht doch Ihre Zeitung diese bei linken Kernthemen ab.

Antworten Murray
30.09.2015 18:44
6

Re: Meinungsfreiheit

Sie brauchen nicht glauben, dass alle Kommentare erscheinen...

Hupfingatsch
30.09.2015 14:54
8

Mitwoch, wieder einmal...

ein verlorener Tag, mit viel verschwendetem Papier!

Baenksterparasit
30.09.2015 14:14
20

Die Linken haben leider keine Antworten zur Flüchtlingskrise

es ist leider so.

Antworten port
01.10.2015 19:43
2

Re: Die Linken haben leider keine Antworten zur Flüchtlingskrise


oh doch:

"zahlen sollen die anderen"

... wie immer


Antworten Anubis
30.09.2015 15:37
1

Re: Die Linken haben leider keine Antworten zur Flüchtlingskrise

Welche Antworten haben die Rechten?

Antworten Antworten NETUD-GUY
03.10.2015 11:31
0

Re: Re: Die Linken haben leider keine Antworten zur Flüchtlingskrise

Mindestens registrieren wollen, dann erst schaut man wie's weitergeht

Antworten Antworten Sukkus
30.09.2015 18:30
2

Re: Re: Die Linken haben leider keine Antworten zur Flüchtlingskrise

Informationsnotstand?
Sie, die Rechten werden von einem Drittel gewählt - das genügt solange bis es die Linken begreifen lernen!

Antworten Antworten Antworten Hypolit
01.10.2015 08:19
0

Re: Re: Re: Die Linken haben leider keine Antworten zur Flüchtlingskrise

Und von 2 Dritteln nicht gewählt

Antworten Antworten Antworten Antworten Isobel
01.10.2015 17:25
1

Re: Re: Re: Re: Die Linken haben leider keine Antworten zur Flüchtlingskrise

Die Grünen in Wien wurden von 88% nicht gewählt.

Informiert
30.09.2015 13:07
19

Offenbar müssen es feindbilder sein

Wie schützt die usa ihre grenzen zu mexiko ????

 
12

Top-News

  • Wahlaufhebung - und was jetzt?
    Der Entscheid des Höchstgerichts bedeutet nicht nur eine Neuauflage der Hofburg-Stichwahl. Wahlergebnisse wird man künftig später erfahren. An der Staatsspitze stehen ab nächster Woche drei Personen.
    Nur das Höchstgericht hat nicht verloren
    Der Verfassungsgerichtshof hat rasch, transparent und stringent für juristische Klarheit gesorgt. Politisch irrt die Republik aber im Nebel herum.
    77.926 Mal potenziell verzählt
    VfGH-Präsident Gerhart Holzinger begründete die Aufhebung der Stichwahl mit den festgestellten Unregelmäßigkeiten bei der Auszählung und der vorzeitigen Weitergabe von Teilergebnissen durch das Innenressort.
    Norbert Hofers Lust auf den Wahlkampf
    Die FPÖ will jetzt nicht jubeln und einen kostengünstigen Wahlkampf führen – und setzt alles daran, die Wiederholung der Stichwahl zu gewinnen.
    Grüne rechnen mit einer Öxit-Debatte
    Der (vorerst) verhinderte neue Bundespräsident und sein Team stellen sich auf eine völlig neue Wahlbewegung ein, die vom britischen EU-Austritt beeinflusst werden könnte.
    „Die überforderte Republik“
    AfD-Chefin Petry warnt Gegner EU-kritischer Parteien vor undemokratischen Methoden. Deutsche Medien sehen eine Blamage und ein „austriakisches Schlamassel“.
AnmeldenAnmelden