Nach Mut und Wut bleibt Zynismus

Mehr als zwanzig Jahre hat ein "Presse"-Leser immer wieder Berechnungen verschickt, Informationen angeboten. Gespräche zum Semmering-Tunnel geführt - alles mit dem Ziel, vor dem immensen Schuldenberg für künftige Generationen zu warnen.

Immer wieder gibt es Leser, die man zwar nie persönlich kennen lernt, die aber oft über Jahre oder Jahrzehnte hinweg telefonisch oder schriftlich nicht müde werden, auf das eine oder andere aufmerksam zu machen.

Dazu gehörte vor langer Zeit eine Dame aus Oberösterreich, die jahrelang bis zu ihrem Tod versuchte, Kritik an Jörg Haider abzuschwächen, indem sie sein öffentliches Auftreten mit Erzählungen von seiner Herkunft verständlich machen wollte.

Und dazu gehört jener Leser, der in  zwanzig Jahren nicht müde wurde, die Schuldenorgie der ÖBB darzustellen. Die Öffentlichkeit, so meinte er immer wieder, werde über das wahre Ausmaß der letztlich vom Steuerzahler zu begleichenden Schulden im Unklaren gelassen. Als bestes Beispiel galt ihm immer wieder der Semmering-Basistunnel, dem er jeden ökologischen und ökonomischen Sinn abgesprochen hat. Er zeichnete den langfristigen Wirtschafts- und Umweltschaden in düsteren Farben.

Nachdem nun aber am 24. April unter großem Tam-Tam der Spatenstich für das Milliarden-Projekt erfolgt ist, schickte er dazu den folgenden "Aktenvermerk" unter dem Titel:

Der Tag der Schildbürger

Nun haben sich tatsächlich die Schildbürger für - wie sie sagen 150 Jahre - ein eigenes Denkmal gesetzt. Und das mit einem besonderen Knalleffekt: der langjährige niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll, der seine Popularität in Niederösterreich nicht zuletzt seinem Widerstand gegen den Semmering-Basistunnel verdankt, griff ebenso zur Schaufel wie seine Partnerin im Geiste, Infrastrukturministerin Doris Bures. Letztere hat sich einen besonderen Namen dadurch gemacht, dass sie riesige Geldmittel für unnötige Tunnelbauten einsetzt und offenbar ernstlich daran glaubt, damit zukünftigen Generationen einen Dienst zu erweisen. Das Gegenteil davon wird eintreffen.

Der Semmeringtunnel ist ein gutes Beispiel für die Tunnelmanie unserer Schildbürger:

- Er bringt für den Güterverkehr nichts, außer einer Erhöhung der Transportkosten.
- Für den Personenverkehr wird eine Fahrzeitersparnis von 20 bis 25 Minuten mit einem Riesenaufwand von rund sechs Milliarden Euro erkauft - für etwa 1.000 Fahrgäste, die derzeit täglich zwischen Graz und Wien insgesamt (in bei Richtungen) unterwegs sind. Würden diese Fahrgäste mit dem laut Studien gegenüber der Bahn umweltfreundlicheren (!) Bus transportiert werden, wäre eine noch kürzere Reisezeit zu minimalen Kosten (rund 3,5 Millionen Euro, ohne Berücksichtigung der Erlöse) möglich.
- Durch die Bautätigkeit und den Tunnelbetrieb wird die Bedeutung des Weltkulturerbes Semmeringbahn negativ beeinflusst, es könnte sogar zu einem Verlust des Status als Weltkulturerbe kommen. Die Schließung der alten Bergstrecke scheint aus Kostengründen langfristig unausweichlich.

Landeshauptmann Erwin Pröll kann seinen Sinneswandel nur mit äußerst schwachen Argumenten begründen:

- Das neue Projekt sei ein „vollkommen anderes" (Anmerkung: Ja, mehr als doppelt so teuer...)
- „ Dass wir es für die internationale Anbindung brauchen, ist unbestritten" (Anmerkung: Ihm dürfte unbekannt sein, dass der ohnehin schwache Transitverkehr über den Semmering in den letzten zehn Jahren ständig zurückgegangen ist.)

- „Die Natur und die Umgebung dürfen aber nicht auf Ewigkeit für den wirtschaftlichen Vorteil geopfert werden. Eine noch so hoch geschätzte Expertenmeinung hilft dann nicht, wenn die nächste Generationen darunter unglaublich leiden." (Anmerkung: Das ist wohl eine Freud'sche Fehlleistung mit Aussagen aus früheren Tagen)
- „Auf Prognosen zu vertrauen ist eine gewagte Sache" (Anmerkung: Richtig wäre, auf die Prognosen jener nicht mehr zu vertrauen, die beispielsweise Mitte der 1990er Jahre ein Erreichen der Kapazitätsgrenze am Semmering für spätestens 2010 vorhergesagt haben - aber gerade jene sind weiterhin für Verkehrsprognosen verantwortlich)

Langjähriges Ziel von Niederösterreich ist zu den besten Regionen in der EU zu gehören. Nur auf dem Gebiet der Schildbürgerstreiche wird man das erreichen, mit den beiden Denkmälern der perfekten Geldvernichtung: AKW-Zwentendorf und Semmering-Basistunnel.

 

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.