BSE - erinnern Sie sich noch?

von Bettina Steiner (Die Presse)

Vor etwa zehn Jahren fahndete die Lebensmittelkontrolle in Schweinewürsten nach nicht deklariertem Rindfleisch.

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Eine zuckende Kuh, die über den Stallboden taumelte und schließlich zu Boden ging. Bulldozer, die Rinderkadaver vor sich herschoben. Apokalyptische Landschaften mit verkohlendem Fleckvieh: Das war BSE. Es brach Mitte der 1980er-Jahre in Großbritannien aus, erst waren nur wenige Tiere betroffen, auf dem Höhepunkt 1992 zählte man 36.000.

So langsam kamen die Usancen der Landwirtschaft ans Licht – nein, ich nenne das lieber nicht Landwirtschaft, sondern Fleischindustrie: Man erfuhr von Tiermehl aus verendeten Schafen, das verfüttert wurde. Kälber wurden mit Ersatzmilch großgezogen, die verarbeitete tierische Fette enthielt, was soviel bedeutet wie: tote Kuh. Ich lernte neue Wörter: „Keulen“ – das Töten von möglicherweise infizierten Tieren. „Seperatorenfleisch“ – Fleischreste, die maschinell vom Knochen gelöst werden und Nervengewebe und Rückenmark enthalten. Daraus wurden Würste gefertigt. Ich aß keine Würste mehr.


Pferd in Rind? Rind in Schwein? Natürlich wurde verharmlost, was das Zeug hielt. Jene Veterinärin, die entdeckte, dass BSE Deutschland erreicht hatte, verlor ihren Job. Der britische Landwirtschaftsminister verzehrte 1990 gemeinsam mit seiner Tochter einen Burger. Wie es ihm wohl ergangen ist, als ein paar Jahre später die erste junge Frau an BSE starb? Ob jenen Chefveterinär das Gewissen drückt, der einem Tierarzt 1985 verboten hatte, von einer „der Scrapie ähnlichen Krankheit“ zu sprechen? Ob der britische Staatssekretär heute bedauert, dass er sich nicht vor BSE fürchtete, sondern vor „hysterischen Forderungen der Gesellschaft“?

Auch heute gilt: Wenn die Wahrheit ans Licht kommt, hat sie schon einige Zeit im Dunkeln verbracht. Dass nach Europa mehr Pferdefleisch importiert wird, als hier offiziell gegessen wird, wurde 2012 von der Tierschutzorganisation IHS aufgedeckt. Sie vermutete, dass die Tiere in Fertiggerichten landen. Reaktion: keine. So schwärmen also dieser Tage die Beamten aus, um Pferd im Rind zu entdecken, so wie sie vor zehn Jahren nach Rind im Schwein fahndeten. Nein, das lässt sich nicht vergleichen: BSE kostete Dutzende Menschenleben, zigtausende Rinder wurden „gekeult“. Aber eines wird klar: Es hat sich nichts geändert.

Tiermehl ist wieder erlaubt! Mitten in diese Erkenntnis platzt die Neuigkeit, dass die EU die Verfütterung von Tiermehl wieder erlaubt: einstweilen nur an Fische, anschließend auch an Schweine und Hühner. Wobei Hühner nicht an Hühner, und Schweine nicht an Schweine verfüttert werden dürfen, das wäre nämlich Kannibalismus. Kannibalismus wird vermutlich erst in weiteren zwölf Jahren erlaubt werden. Dann ist wohl endgültig Gras über die Landschaften mit verkohlter Kuh gewachsen.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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3 Kommentare

Schließlich wurde auch noch die Lebensmittelkontrolle mit einer Flut an Vorschriften gelähmt.

Für dieselbe Kontrolle und deren schriftliche Verarbeitung (Protokolle, Checklisten, Begleitschreiben, Niederschriften, Mitteilungen, Anzeigen usw. usw.) braucht man heute mindestens(!) die dreifach bis sechsfache Zeit von früher, in Einzelfällen sogar mehr. Das bezieht sich -bitte - nur auf die zusätzlichen Verwaltungsarbeiten, nicht auf die Kontrolle selbst!

Dann wurden noch zusätzlich etliche komplizierte Einzelvorschriften für bestimmte Lebensmittel und Lebensmittelbereiche erlassen, die allein schon viel Zeit brauchen, um sie lesen und für die Kontrolle im Gedächtnis behalten zu können. Unter Umständen für nur ein Lebensmittel!

Man sollte sich die Lebensmittelkontrollen einmal von EU-Kommissären, EU-Abgeordneten und unseren Abgeordneten vorzeigen lassen. Und sich ihren Verwaltungsaufwand dabei detailliert vorrechnen lassen. Wobei außerdem bei Gesetzesverstößen in der Regel nur die kleinen Fische (Produzenten und Händler) geprügelt werden.

Bei den großen "Gaunern" werden Strafverfolgungen nicht selten mit ganzen Autobussen von Rechtsanwälten, Gefälligkeitsgutachtern und mächtigen politischen Freunden bekämpft und nicht selten auch abgeschmettert.

Wie es halt auch bei den "Gaunern" der Finanz- und Wirtschaftskrise geschieht. Da ist ja ähnlich.

Die Lebensmittelindustrie, ihre politischen Vertreter und ihre mächtigen Lobbyisten haben stets mit vollem Druck an rechtlichen Möglichkeiten zur der Täuschung der Verbraucher und an möglichst vielen Freiheiten und an möglichst großem Schutz für die schwarzen Schafe in der Lebensmittelproduktion gearbeitet.

So sind z.B. jetzt so viele verdächtige und früher sogar verbotene Stoffe in Lebensmitteln wie noch nie vor dem EU-Beitritt. Praktisch jedes Beitrittsland konnte ein paar verdächtige bzw. manchmal früher sogar verbotene Lebensmittel oder Zusatzstoffe als "Mitgift" (im wahrsten Sinne) in die EU einbringen.

Und wenn es allen Ernstes sogar Dummköpfe gibt, die behaupten, die Massentierhaltung wäre unbedenklich, dann könnte man ja einmal einen Großfeldversuch durchführen, welche Tiere länger leben. Jene Hühner, Schweine usw., die auf engsten Raum zusammengepfercht leben müssen und zudem oft mit größtem Mist gefüttert werden, oder jene Hühner, Schweine usw., die natürlich gehalten und mit natürlichem Futter, das jeder Mensch kennt, versorgt werden,

Man könnte ja auch einmal umgekehrt Versuche mit Menschen unter denselben Umständen machen. Wobei die Massentierhaltung in der Regel auch Unmengen von Medikamenten braucht, um die Tier halbwegs gesund bis zur Schlachtung am Leben erhalten zu können.

Abgesehen davon, dass viele Verbote oder Begrenzungen in Wirklichkeit Erlaubnisse für die Verschlechterung der Lebensmittel sind. So sind z.B. die Grenzen für die gefährlichen Listerien in Wirklichkeit erhöht worden! Beim Trinkwasser hat es auch schon etliche neue "Verbote" gegeben, die in Wirklichkeit die Möglichkeit beinhalteten, die Qualität des Trinkwassers weiter zu verschlechtern. Usw. usw.

Gerade BSE ist ein Beispiel

für die absurde Nahrungsmittelhysterie.

Im Endeffekt ist genau gar nichts passiert - die Zahl der Creutzfeldt-Jakob Erkrankungen bewegt sich weltweit im 3-stelligen Bereich (gesamt, nicht pro Jahr!). Eine typische Hysterie.

Der britische Landwirtschaftsminister muß sich wahrscheinlich mehr Sorgen über die Kalorien im betreffenden (!) Burger und deren negative Folgen für die Gesundheit seiner Tochter als über mögliche Prionen machen.

Wenn man wirklich Leben retten hätte wollen, hätte es jede Menge Projekte gegeben, in die man die Milliarden von damals besser gesteckt hätte.


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