Mit Federn, Haut und Haar

Ein paar Fakten zur Rückkehr der Wölfe nach Österreich

Der Wolf gibt uns viel zu grübeln. Er schafft neue Probleme und Sorgen, eröffnet aber auch eine Chance zum Umdenken.

Spurlos verschwanden über die Jahrzehnte die nach Österreich einwandernden Wölfe. Ein aus dem Norden zugewandertes Paar schaffte es am Truppenübungsplatz Allentsteig 2016 erstmals, fünf Welpen aufzuziehen. Heuer waren es sechs weitere, und auch drei der Jungen aus dem Vorjahr leben noch „zu Hause“. Zwei sind offenbar abgewandert. In der Schweiz leben heute übrigens fünf Rudel der europaweit streng geschützten Wölfe; in Deutschland entwickelten sich seit 2000 gar etwa 60 Rudel mit 500 Wölfen. Österreich ist eben auch beim Wolf ein wenig hinterher.

Man muss Wölfe nicht lieben. Aber man sollte sich besser darauf einstellen, wieder mit ihnen zu leben. Doch dies wird durch bewusst gestreute Fehlinformation hintertrieben. So spukt in den Köpfen der Leute nördlich der Donau der haarsträubende Unsinn, dass es bereits 50 Wölfe gebe, allesamt bei Nacht und Nebel ausgesetzt. Niemals wurden bei uns Wölfe ausgesetzt, die kommen auf ihren vier flinken Beinen ganz von selbst.

Dies lässt für Wolf und Natur nichts Gutes erahnen, zumal man in Niederösterreich im Frühjahr 2017 sehr willkürlich eine Tötungsgenehmigung für 40 der gerade erst wieder zurückgekommenen, streng geschützten Fischotter erteilte. Hoch an der Zeit, dass sich Politik, Artenschutz, Landwirte und Jäger (in dieser Reihenfolge) zusammentun, um das neue Leben mit dem Wolf nachhaltig zu gestalten, natürlich ohne über die Betroffenen „drüberzufahren“. Die Flinte sollte man dabei vorerst vergessen. Im Moment gibt es bloß 13 Wölfe in Österreich, plus ein paar Durchzügler.

Abwarten und ein genaues Monitoring sind nun angesagt, wie etwa vom Bundesheer in Allentsteig exzellent vorexerziert. Das Beispiel Deutschland zeigt, dass für Menschen und Hunde nichts zu befürchten ist. Selbst die ohnehin überhegten Wildbestände – die eigentliche Ursache für die Rückkehr des Wolfs – nehmen mit Ausnahme der Mufflons nicht ab. Aber die stammen aus Korsika und gehören ohnehin nicht nach Mitteleuropa.

Wölfe rotten das Wild nicht aus, man bemerkt sogar eine Verbesserung der Bestände. Freilich erzwingt der Wolf Umstellungen in Jagd und Wirtschaft. So etwa reagieren Rothirsche mit verstärkter Rudelbildung, was die lokalen Waldschäden erheblich verstärken kann. Gerade in den Wolfsgebieten sollte man daher die Hirschbestände reduzieren, nicht aber die Wölfe bejagen. Wolfsdichten werden über die verfügbare Beute reguliert, und zudem höchst effizient durch die Wölfe selbst.

In der Landwirtschaft geht es um den Schutz der Weidetiere. Das muss man aber nicht nur negativ sehen. So verlor man auf den Schweizer Almen vor Ankunft der Wölfe etwa 10.000 Schafe pro Jahr. Nun leben dort fünf Rudel, Tendenz steigend. Die nötigen Schutzmaßnahmen reduzierten die Verluste auf 5000 Schafe, plus etwa 500, die an die Wölfe gehen; keine schlechte Bilanz, also.

Ob überhaupt Verluste abgegolten werden sollen, kann man diskutieren, sind doch Wölfe oder Otter genauso Teil unserer Natur wie Wühlmäuse oder Amseln. Wenn, dann sollte dies aber durch die öffentliche Hand geschehen. Schließlich sind nicht zuletzt die Städter für den Wolf, sie dürfen also auch ihren Beitrag dazu leisten. So gibt uns der Wolf viel zu grübeln. Er schafft neue Probleme und Sorgen, eröffnet aber auch eine Chance zum Umdenken über unser Verhältnis zur Natur und ihrer Nutzung.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2017)

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