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Fettleibige Jugendliche: "Das wächst sich nicht aus"

07.05.2011 | 18:05 |  von EVA WINROITHer (Die Presse)

Sie sind jung, aber sie können sich kaum mehr bewegen. Fettleibige Jugendliche, wie man sie bisher vor allem aus den USA kannte, nehmen auch bei uns zu. Bei manchen hilft nur eine Operation.

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Das Problem lag im dritten Stock. Dorthin schaffte es Lukas P. nur unter Ächzen und Stöhnen. Langsam arbeitete er sich die Treppen hinauf. Schweiß rann ihm über das Gesicht, sein Herz raste, und manchmal spürte er die Schmerzen im Knie. Das Fett wogte an seinem Körper, doch behäbig setzte er seinen Weg fort, bis ihn spätestens im zweiten Stock die Kraft verließ. Lukas P., 13 Jahre alt und mit einem Gewicht von 140 Kilogramm dreimal so dick wie ein Nilpferd bei der Geburt, konnte sein Klassenzimmer einmal mehr nicht erreichen. Sein Körper hatte es verhindert.

Das ist jetzt vier Jahre her. Der gebürtige Niederösterreicher zählte damals zu jenen Kindern, die die Statistik als „morbid adipös“ bezeichnet: So übergewichtig, dass ihre Gesundheit akut gefährdet ist. Diese Zahl steigt stetig an. Laut einer Studie, die vergangenen Freitag beim internationalen Adipositas-Symposium in Wien vorgestellt wurde, sind mittlerweile 2,1 Prozent aller Wiener Kinder und Jugendlichen von morbider Fettsucht betroffen. Buben stärker als Mädchen, aber am häufigsten Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.

„Morbid adipöse Kinder sind sehr krank“, sagt Kurt Widhalm, Leiter der Abteilung für Ernährungsmedizin der Wiener Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, wo die Studie verfasst wurde. „Viele bekommen Altersdiabetes, Stoffwechselstörungen und massive Gelenksprobleme. Außerdem sind die meisten von ihnen schwer depressiv.“

Lukas P. kennt das: „Man kann sich nicht vorstellen, was für eine Aggressivität sich aufbaut, wenn man alles in sich reinfrisst“, sagt der heute 17-Jährige. Um Dampf abzulassen, begann er seine Mitschüler zu terrorisieren: „Und wenn ich das in der Schule nicht konnte, dann habe ich die Wut an meiner Mutter ausgelassen.“ Freunde hatte er in dieser Zeit keine: „Natürlich haben mich immer alle verspottet und ausgelacht, weil ich so fett war“, sagt er.

Warum er zum Fresskind wurde, weiß der Junge, der aus einer bürgerlichen Familie in Niederösterreich stammt, auch nicht so genau: „Es war halt typisches Frustessen. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich acht war“, erzählt er. Kurz darauf habe es angefangen: Er aß eine doppelte Portion von jeder Mahlzeit, dazwischen Hot Dogs und viele Süßigkeiten. Irgendwann verbrachte er keine Minute mehr ohne Essen. „Ich war unglücklich, wenn ich nichts im Mund hatte“, sagt er. Sehr oft habe er daraufhin probiert abzunehmen, einmal haben die Eltern (damals wieder verheiratet) sogar den Kühlschrank versperrt. Doch nichts und niemand konnte Lukas stoppen.

Teenager mit 160 Kilo. „Wir müssen aufhören zu glauben, dass solche Kinder allein abnehmen können“, sagt Kurt Widhalm. In der Adipositas-Ambulanz der Kinderklinik arbeitet er mit besonders fettleibigen Kindern und Jugendlichen – vom Zweijährigen mit 14 Kilo bis zum 160-Kilo-Teenager. „Adipositas ist wie Magersucht eine psychische Krankheit, die entsprechend betreut gehört“, sagt Widhalm. Ein multidisziplinäres Team aus Ärzten, Psychologen, Sportmedizinern und Sozialarbeitern kümmere sich um die Kinder. „Sie müssen komplett neue Verhaltensweisen lernen“, sagt Widhalm.

Die Erfolgschancen einer herkömmlichen Diät hält er dennoch für gering. „Wenn irgendjemand im Umfeld des Kindes nicht mitspielt, zum Beispiel die Oma, ist das Ganze zum Scheitern verurteilt, dann fallen die Kinder wieder in ihre alten Essgewohnheiten zurück“, sagt Widhalm. Langfristig sei daher das einzige Mittel gegen Adipositas die Prävention. „Wenn ein Kind schon mit zehn fettleibig ist, ist es zu spät: Das wächst sich nicht aus.“

Die geringen Erfolgsaussichten von Diäten sind ein Grund, warum Ärzte in den vergangenen Jahren immer häufiger Magenoperationen anwenden. Aber auch „die Chirurgie ist keine Lösung für Adipositas“, sagt Gerhard Prager, Chirurg am AKH Wien und Adipositas-Spezialist. „Wir führen Operationen daher nur bei Jugendlichen durch, bei denen alles versucht wurde.“

Magenband und Bypass. Die Mediziner können dabei auf mehrere Möglichkeiten zurückgreifen: Bei der „Magenband“-Operation wird der Magen mit einem Band verkleinert, damit der Patient nicht mehr so viel essen kann. „Das ist aber leicht mit Softdrinks zu umgehen“, sagt Prager. Im Gegensatz dazu wird beim Magen-Bypass eine zusätzliche Verbindung zum Dünndarm gelegt. Die Nahrung kann so nicht mehr gut verarbeitet werden, der Patient nimmt ab. Insgesamt hat Prager in den vergangenen drei Jahren 45 solcher Operationen durchgeführt.

Auch Lukas P. hat sich im Mai 2008 einem Magen-Bypass unterzogen. Doch die Operation verlief mit Komplikationen, weil sich die Wunde entzündete. Mehrere Wochen lag er auf der Intensivstation. „Ich war damals echt ein Wrack“, sagt er heute. Ein Jahr dauerte es, bis er sich von der OP erholte. Und endlich sein neues Aussehen genießen kann. Denn mittlerweile wiegt Lukas 75 Kilo bei einer Größe von 180 Zentimetern. Idealgewicht. Essen kann er jetzt, was er will, nur meistens ist nach wenigen Bissen Schluss, kein Platz mehr. Daher trinkt er zu jeder Mahlzeit Wasser. „Dann passt mehr rein“, erklärt er .

Und auch sonst hat sich viel verändert: Lukas P. hat jetzt Freunde, singt in einer Band und hat eine Lehre als Bürokaufmann begonnen. Nur noch die Haut, die so locker an Oberarmen und Bauch sitzt, erinnert an früher. „Wenn ich jetzt einen Dicken sehe, dann verspotte ich den auch“, sagt Lukas plötzlich. Was ihm die Leute damals angetan haben, das wolle er auch zurückgeben. Und mit dicken Mädchen könne er sowieso nicht. Er will jetzt höher hinaus. Weiter als in den dritten Stock kann er ja jetzt laufen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2011)

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41 Kommentare
 
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Gast: Donny
01.12.2011 18:25
0 0

Figur

Und ich verspotte im Freibad gerne so dürre Kleiderständer, bei denen man alle Rippen einzeln abzählen kann :-p Im Ernst, das sieht doch genauso grausig aus wie Jugendliche mit 150 Kilo ...
Ich bin mit nem BMI von 23,5 übrigens normalgewichtig. Bei mir sieht man weder Knochen, noch schwabbelt etwas.

tragvol
18.05.2011 16:23
1 0

Falsche Ernährung bereits im Kleinkindalter?

Ich halte ja wenig von so generellen Aussagen, ich hab gerade beim Essen die Erfahrung gemacht, dass was dem einen gut tut, dem anderen schadet (Nahrungsmittelunverträglichkeit usw.) Dass zu wenig "bewusst" gekocht und gegessen wird stimmt in unseren Breiten sicher, daher dann zu viel Zucker, weißes Mehl usw. Aber vielleicht gibt es eine Punzierung bereits im frühen Kindesalter - der Artikel hat mich nachdenklich gemacht: http://gesund.co.at/falsche-ernaehrung-bereits-im-kleinkindalter-24118/

0 2

Fettleibigkeit..

..macht dumm!

Antworten Gast: Raben verstecken ihr Futter
16.05.2011 17:16
1 0

Re: Fettleibigkeit..

Sind Sie gerade auf Diät, hm? Man fragt ja nur.

Cheerful
11.05.2011 16:57
1 3

"Das wächst sich nicht aus"

Die Ärzte (und die Eltern, die Betroffene, die Angehörige) brauchen alle möglichst bald eine kurze Umschulung, was Ernährung betrifft, denn mit Ernährung nach dem GAPS-Protokoll ("Gut and Psychology Syndrome" von Dr. Natasha Campbell-McBride, www.gaps.me und www.gapsdiet.com) und eine Entgiftung (z.B. Toxine aus dem Alltag, Amalgam ...) würde man die Heilung der Darmflora erreichen und nach und nach sehr wohl ein gesundes Gewicht erreichen. Auch würde man sehr bald erreichen, dass Bewegung im Alltag zu einer Selbstverständlichkeit wird, denn mit der richtigen Ernährung schläft man und fühlt man sich besser. Dies alles wäre viel, viel günstiger und sinnvoller, als Betroffene zu Operationen zu überreden, da die Operationen niemals die psychologischen Aspekte geschweige denn die aufgetretenen Lebensmittelunverträglichkeiten und die höchstwahrscheinlich aufgetretene Darmdurchlässigkeit berücksichtigen können.

Heilung der Darmflora durch Einnahme von Probiotika und omega 3, welche die körpereigenen Heilungskräfte mobilisieren.

Schauen Sie die genannten Webseiten bitte an. Lesen Sie die Bücher "Gut and Psychology Syndrome" und "Put Your Heart in Your Mouth". Erzählen Sie es auch weiter, denn das GAPS-Protokoll wirklt. Viel, viel besser als jede Operation!

Auf die Gesundheit!

Antworten Gnal
16.05.2011 15:54
0 0

Re:

Jetzt treiben sich PR Agenturen sogar schon im Presse-Forum herum. Und dafür bezahlt tatsächlich wer??

1 0

Vote for sports

vl wäre ein umdenken im system anzudenken!?

Gast: ein Vater
09.05.2011 10:35
4 0

Ursachen

mMn gibt es 2 Ursachen für übergewichtige Kinder:

1. Zu wenig Zeit zum kochen
2. Zu wenig Zeit für die Kinder

daraus folgernd:

Die Kinder essen, das was schnell gemacht ist, Würstel, Fertigpizza, Snacks.
Die Kinder essen unbewusst, vor dem Fernseher oder als Frust

Gast: Maria Leiner
08.05.2011 20:47
2 4

----

soviel zur sozialistischen gesundheitspolitik der letzten 40 jahre

Antworten Gast: toro
09.05.2011 10:21
6 2

Re: ----

Sehr intelligent.

Genau so wie in den USA?
Die hatten ja bekanntermaßen ungefähr 200 Jahre lang eine extrem sozialistische Gesundheitspolitik...

Gast: Mayer Lansky
08.05.2011 20:08
0 1

Fettleibigkeit korreliert

Deshalb werden diese Leute in verschiedensten Bereichen immer Ausgrenzungen erleben.

Verantwortlich sind in fast allen Fällen die Eltern. Ihnen sollte das Kindergeld gestrichen werden. Dafür sollten diese Kinder kostenlos und verpflichtend Sportkurse besuchen dürfen.

Gast: gast gast
08.05.2011 16:16
1 3

fette jugendliche

ist das eine umschreibung der besoffenen burschenschafter?

Antworten Gast: nina blum
08.05.2011 18:42
3 0

Re: fette jugendliche

Phobien sind heutzutage schon recht gut behandelbar - gegen Dummheit ist allerdings noch kein Kraut gewachsen!

mr. vain17
08.05.2011 13:25
3 1

Es ist doch eine Tatsache, dass die fettleibigkeit von Kleinkindern mit dem Inteligenzgrad der Eltern korreliert.

So besehen ist die Fettleibigkeit naturgegebenermaßen in der Unterschicht und bei Migranten überproportional vertreten.

"mr. vain" ist selbstverständlich "on the edge", oder wie man auch sagt "ripped"

Antworten mr. vain17
08.05.2011 13:27
1 0

Nachtrag!

"fettleibigkeit" - falsch
"Fettleibigkeit" - richtig

"Inteligenzgrad" - falsch
"Intelligenzgrad" - richtig

Luzius
08.05.2011 12:31
0 1

warum immer den Eltern bspw wegen SCheidung ... die SChuld geben ?

Fressen tut man selbst aus ganz anderem Grund, nämlich sich selbst falsch miottels McGrauslich und Co zu ernähren.

Der jüngste Sohn eines Freundes ist 17 und lebt fast ausschiesslich von dem Frass; seine Blutwerte sprechen auch bereits für sich !

Das die Krankenkassen pleitegefährdet sind ist also kein Wunder, da die Folgekosten enorm und weiter im Steigen begriffen sind.
Eine Fett- bzw Zuckersteuer traut man sich aber wegen der WIrtschat auch nicht einführen... die wehrt sich ja auch erfolgreich gegen ausgewiesene Kennzeichnungsplicht für Inhaltsstoffe; besonders gegen die einfache Ampel welche dem Verbraucher so einiges darüber aussagen könnte was er da konsumiert.


Antworten mako
08.05.2011 21:56
0 0

Re: warum immer den Eltern bspw wegen SCheidung ... die SChuld geben ?

Dann frag mal paar Kinder wie es ihnen mit der Scheidung ihrer Eltern geht...

Antworten Antworten Luzius
09.05.2011 15:23
1 0

Re: Re: warum immer den Eltern bspw wegen SCheidung ... die SChuld geben ?

blabla .... Scheidungen und vieles mehr gab es immer schon, Fettleibigkeit aber erst seit relativ kurzer Zeit !
Es ist in erster Linie die eigene Faulheit, welche einen fett werden lässt, und niemand sonst !
Man sieht es schon in den öffentlichen Verkehrsmittel wie Schüler sich an Sitzplätze klammern obwohl bereits schon 5 Stunden durch gesessen; und was deren Ernährung betrifft welche für mich nur aus fetttriefenden Gatsch (McGruselig, Pizza, Kebab und CO) besteht !

4 0

Ein Kind ist vorerst nicht in der Lage sich selbst zu mästen.

Verantwortlich ist in vielen Fällen die Mutter (auch wenn heute Muttertag ist).

Nicht zu vergessen die Omas. Diese können noch rücksichtsloser sein.

Man müsste zur Abschreckung einige Strafverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung führen.
Es würde vielleicht einige ältere Damen davon abhalten ihre Bemutterungstriebe auf Kosten der Gesundheit Minderjähriger auszuleben.

Dies würde zukünftig viele Menschen vor schwerer Krankheit und frühem Tod retten.

Gast: superdickmann
08.05.2011 09:36
7 0

Wenn ich einen dicken sehe....

...verspotte ich den auch.
Sein Gehirn hat proportional zum Körper abgenommen.
So ein Vollpfosten.

Antworten Stephanos
08.05.2011 14:10
1 0

Re: Wenn ich einen dicken sehe....

Mag sein. Ich hätte mir auch erwartet, dass gerade er Mitgefühl mit solchen Menschen hätte.
Es zeigt aber auch, WIE massiv er unter den Verspottungen gelitten hat.

Antworten Antworten Gast: btw
10.05.2011 22:12
1 0

Re: Re: Wenn ich einen dicken sehe....

"Die schärfsten Kritiker der Elche
waren früher selber welche"

Robert Gernhardt

Antworten Antworten Gast: o_O
10.05.2011 15:23
1 0

Re: Re: Wenn ich einen dicken sehe....

Es zeigt auch, dass der junge Mann noch immer unter einem massiv angeknacksten Selbstwertgefühl leidet, sonst müsste er nicht auf andere hinhacken.

Antworten Antworten Antworten Stephanos
12.05.2011 21:15
0 0

Re: Re: Re: Wenn ich einen dicken sehe....

Stimmt.

Gast: ambrunnenmarktschauengehn
08.05.2011 07:19
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die meisten dieser fettgemästeten kinder

heissen nicht lukas, sondern ****** -(eh schon wissen).

Antworten Gast: Lehrerinnen
08.05.2011 09:31
1 0

Re: die meisten dieser fettgemästeten kinder

Nein, die Kevins lassen ihren Frust in Hyperaktivität aus, die sind eher dünn.

 
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