"Das Klima wird nicht verrückter"

Anhand der Klimadatenbank Histalp lassen sich viele Märchen über den Klimawandel widerlegen.

Schmelzende Figuren aus Eis
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Schmelzende Figuren aus Eis
(c) AP (Maya Hitij)

Wenn Klimaforscher Medienberichte über ihr Forschungsgebiet lesen, dann geht ihnen manchmal die Galle über. „Die Schere zwischen wissenschaftlich haltbaren Tatsachen und der öffentlichen Meinung ist sehr weit offen“, meint Reinhard Böhm, Klimatologe an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) ärgerlich. Es gebe genügend harte, wissenschaftlich gut fundierte Fakten. „Vieles, vor allem viele Geschichten über die Zunahme von Extremwerten, gehört aber zu den weichen Fakten.“ Und gerade diese weichen Fakten – wie die Zunahme von Stürmen oder Starkregen – würden in der Öffentlichkeit als „Bibel“ angesehen. Nach dem Motto: Davon redet ja jeder, also muss es stimmen.

Böhm kämpft dagegen an. Und zwar mit harten Fakten, die in den letzten 15 Jahren am ZAMG, einer Dienststelle des Wissenschaftsministeriums (BMWF), erarbeitet wurden. Etwa mit der Datenbank „Histalp“, in der Messreihen von 242 Wetterstationen aus dem größeren Alpenraum versammelt sind. Am vollständigsten sind sie über Temperatur, Niederschlag und Luftdruck. Weniger vollständig sind sie bei Bewölkung, Sonnenschein und Luftfeuchtigkeit. Teilweise reichen die Daten zurück bis ins Jahr 1760, sie wurden in aufwendiger Kleinarbeit „homogenisiert“, also vergleichbar gemacht und sind seit Kurzem für jedermann unter www.zamg.ac.at/histalp zugänglich.

Anhand dieser Daten können die Klimatologen z.B. zeigen, dass es zwischen 1870 und 2006 zu keiner Zunahme von Stürmen im Alpenraum gekommen ist. „Entgegen den oft gehörten Behauptungen gibt es bei Stürmen keinen Trend“, so Böhm. Gleiches gilt für Starkregen: „Der Langzeittrend von exzessiven Niederschlagsmonaten ist nicht steigend.“ Und auch dass das Klima immer „verrückter“ wird – wie oft behauptet wird – lässt sich widerlegen. Die ZAMG-Experten haben die Streuung der Daten für Temperatur, Niederschlag und Luftdruck systematisch analysiert – und bei allen drei Faktoren ist keine Zunahme der Variabilität festgestellt. Bei der Temperatur hat sie sogar etwas abgenommen. Böhm: „Die Verrücktheit des Klimas im Alpenraum ist zurückgegangen.“

Aus Histalp lassen sich allerdings auch harte Fakten zum Klimawandel ableiten. Etwa jenes Phänomen, dass die Erwärmung im Alpenraum in den letzten 200 Jahren doppelt so groß war als in anderen Regionen: nämlich um zwei Grad. Auch die Gründe dafür sind aus den Daten ablesbar: Die Temperaturkurve verläuft parallel zur Entwicklung des Luftdruckes. Es gab also mehr Hochdruckgebiete – in denen es auch mehr Sonnenschein gab. „Das heißt, dass ein schöneres Wetter für den höheren Temperaturanstieg in den Alpen verantwortlich ist.“ Anders ist das bei Regen: Hier gibt es keinen Trend, der für den gesamten Alpenraum gilt. Allerdings lassen sich vier Regionen definieren, in denen es sehr wohl Regelmäßigkeiten gibt: Im Nordwesten gab es seit 1869 eine Zunahme der Niederschläge um zehn Prozent, im Südosten hingegen eine deutliche Abnahme.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2009)

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