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"Österreich braucht tiefe Lebensende-Diskussion"

01.11.2012 | 18:27 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

Mit besserer Palliativmedizin und Hospizbetreuung kann Österreich der Sterbehilfe-Diskussion trotzen, sagt Mediziner Hellmut Samonigg im "Presse"-Interview. Und: Pflege zu Hause kann so gut sein wie im Spital.

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Englands Ärzte sollen Listen führen, wer ihrer Einschätzung zufolge in spätestens einem Jahr sterben wird: Diese Nachricht, über die „Die Presse“ vor einigen Tagen berichtet hat, hat Hellmut Samonigg (61) tief bestürzt. Vor 25 Jahren hat der gebürtige Kärntner die Onkologie-Abteilung am Grazer Uni-Klinikum aufgebaut, die er bis heute leitet.

„Lebensende-Pläne“ sollen die britischen Mediziner gemeinsam mit Patienten und Angehörigen erstellen. Die Politik erhofft sich Einsparungen, weil angeblich viele Patienten lieber zu Hause als im Spital sterben würden. Der „Presse“ erklärte Samonigg, was so falsch an dieser Initiative ist, und was für Menschen in der letzten Lebensphase stattdessen getan werden muss.

 

Die Presse: Sie sind ein Arzt mit langjähriger Erfahrung. Würden Sie sich zutrauen zu bestimmen, welcher Ihrer Patienten vermutlich in den nächsten Monaten sterben wird?

Hellmut Samonigg: Nein, Prognosen über einen so langen Zeitraum sind völlig inakzeptabel, man weiß, dass selbst erfahrene Ärzte sich sehr verschätzen können.

Was halten Sie sonst von der „Lebensende-Planung“, wie sie England derzeit forciert?

Mir gefällt allein schon das Wort „Planung“ überhaupt nicht, ich spreche lieber von „awareness“. Man muss sich der Bedeutung des Themas stärker bewusst werden und sich damit in der Planung der Krankenversorgung noch intensiver auseinandersetzen. Aber auf keinen Fall darf man die „End of Life Care“ politisch zentral steuern, noch dazu unter dem Gesichtspunkt finanzieller Einsparung.

 

Stimmt es, dass die meisten Patienten am liebsten zu Hause sterben?

In vielen Fällen, wenn die Angehörigen das bewältigen und auch vonseiten der Ärzte und Pfleger die Betreuung zu Hause gewährleistet werden kann, ist das sicherlich der anstrebenswerteste Ort. Eine gute Pflege in häuslicher Umgebung ist aber nicht von minderer Qualität und auch nicht billiger, auch eine hoch qualitative mobile Betreuung kostet Geld.

 

Kritiker der britischen Initiative befürchten, dass durch den Verzicht auf künstliche Ernährung und andere lebenserhaltende Maßnahmen quasi automatisch zu Hause das Leben verkürzt wird.

Das stimmt so nicht. Es kann sinnvoll sein, die Ernährung und Flüssigkeitszufuhr am Lebensende in gewissen Situationen zu reduzieren, ohne dass der Patient deswegen früher stirbt. Viel Flüssigkeit und Nahrung bedeuten hingegen oft eine massive Belastung für den Körper, dadurch kann sich die Lebensqualität sogar verschlechtern, und zwar ohne dass dadurch das Leben verlängert wird. Es stimmt auch nicht, dass starke Schmerzmittel zwangsläufig das Leben verkürzen.

 

Wo steht Österreich in Sachen „End of Life Care“, also Sorge für Menschen am Lebensende?

Wir kümmern uns hier viel zu wenig um das Thema, andere Länder diskutieren das offener. Es fehlt eine tiefer gehende kontinuierliche öffentliche Diskussion. Die Patientenverfügung war zwar ein wichtiger Schritt, wird aber viel zu wenig genutzt. Immerhin ist es durch eine jahrelange, erfolgreiche Aufholaktion in Sachen Palliativmedizin und Hospizbetreuung gelungen, der immer wieder aufflackernden Sterbehilfe-Diskussion etwas entgegenzusetzen. Gott sei Dank gehen wir bisher nicht den scheinbar leichteren Weg wie in den Niederlanden, die aktive Sterbehilfe zu legalisieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2012)

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13 Kommentare
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Warum "Gott sei Dank"?!

Die aktive Sterbehilfe sollte ein Grundrecht sein. Wenn ein Patient sein Leben beenden will, ist das sein gutes Recht!!!

Beschaemend ist die Administration des Pflegegeldes

insbesondere in den letzen Monaten eines Menschenlebens.

Gast: AbExDeCumSineProPrae
02.11.2012 07:54
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Entscheidungen

Der Tod gehört zum Leben dazu, ist sozusagen eine natürliche Einrichtung, damit Entwicklung möglich ist.

Sobald man das wirklich verstanden hat, verliert die ganze Sache ihren Schrecken und man kann sich die zahllosen religiösen Tabus sparen.

Es liegt in der Natur des Menschen zu glauben, man geht irgendwo hin, wenn man nicht mehr da ist. Das Übertragen dieser im Leben zutreffenden Erfahrung auf den Tod ist nicht zulässig.

Ähnliche Beispiele:
- Am Rand der Erde fällt man hinunter, weil unsere Erfahrung sagt, dass jedes Ding ein Ende hat.
- Jede Strecke ist in die Hälfte teilbar, weil das in der makroskopischen Welt unserer Erfahrung entspricht.
- Es muss eine Seele geben, weil der tote Körper ja noch da ist, diesem aber "offensichtlich" etwas fehlt.

Man hüte sich vor unzulässigen Extrapolationen. Das ist ein Fallstrick für viele Naturwissenschaftler, noch mehr aber für Alltagsphilosophen.

Noch schlimmer sind allerdings die Schlüsse, die aus solchen Extrapolationen gezogen werden - wie z.B. 99 Jungfrauen für Märtyrer, Fegefeuer für Selbstmörder, ...

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Suizidhilfe...

... sollte eigentlich zur Grundausstattung einer humanen, kultivierten Gesellschaft gehören. Mißbräuche aller Art sind selbstverständlich durch ein effizientes Sicherheits- und Kontrollsystem vehement zu verhindern. Hilfsbedürftigen Lebenswilligen muß jede Unterstützung zuteil werden, die eine Gesellschaft bieten kann, und ebenso muß der klar geäußerte Sterbewunsch zurechnungsfähiger Menschen ernstgenommen werden, die diesen letzten Schritt nicht mehr aus eigener Kraft tun können. Die Entscheidung, den Suizid zu wählen, muß allein der betroffenen Person selbst zugestanden werden - Ärzte und andere Betreuende sollten nur in der Funktion des Dienens und Ausführens sein. Wie sagte Martin Walser so treffend: "Selbstverständlich werde ich eines Tages dann, wenn ich es für richtig halte, von eigener Hand sterben - sofern mich der Tod nicht vorher überraschend ereilt. Der natürliche Tod ist meist eine schreckliche Sache. In naher Zukunft wird man lachen über Diskussionen, ob man Menschen bei der Verwirklichung ihres aus freier, zurechnungsfähiger Entscheidung gewachsenen Sterbewunsches helfen darf..." Für gläubige Christen, Muslime etc. ist der Suizid ohnehin streng verboten - Vertreter religiöser Gemeinschaften mögen sich also in einem laizistischen Staat, in dem wir glücklicherweise leben, in diese Diskussion maßvoll oder besser gar nicht einmischen, da das Problem sie und ihre Glaubensbrüder und -schwestern nicht betrifft.

Antworten Gast: in österreich
02.11.2012 03:59
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Re: Suizidhilfe...

gibts kein effizientes Sicherheits- und Kontrollsystem

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Re: Suizidhilfe...

Dass der natürliche Tod so grauslich wäre, stimmt in den meisten fällen nicht. Es gibt medizinisch die Möglichkeit, das einem das Sterben leicht zu machen. Dazu wurde die Palliativmedizin ja entwickelt - und wenn gar nichts mehr hilft, dann gibt es immer noch den Tiefschlaf.

Wo es bisher kein gutes Angebot gibt, ist die Pflegebedürftigkeit. Das wird statistisch nicht so viele Fälle betrifft, wie man glauben möchte. Meist betrifft es, wenn überhaupt, gerade die letzten paar Monate.


Das Lebensende als Tabu

Menschen sind auf andere Menschen existentiell angewiesen. Positive Bindung entsteht durch Menschlichkeit, Mitgefuehl
und Verlaesslichkeit. Ganz besonders dann, wenn das Leben sich zum Ende neigt. Wir, in Deutschland und in Oesterreich, sind noch immer schockiert von Vertrauensbruch und Missbrauch in der Vergangenheit; es mangelt uns daher an Vertrauen.

Selbstbestimmung

ich habe mein Leben lang Entscheidungen fuer mich und meine Familie, mein Unternehmen, meine Mitarbeiter und fuer meine Mitmenschen uebernommen und getaetigt. ich werde auch fuer mich selbst entscheiden, wann fuer mich der richtige Zeitpunkt zum Gehen sein wird. Selbstbestimmt, geplant und mit Wuerde.

Dann sollten Sie sich beizeiten

um eine Patientenverfügung kümmern.

Die wirklichen Problemfälle treten dann auf, wenn der Patient nicht mehr in der Lage ist, seinen Willen zu artikulieren.

Antworten Gast: na ja,
02.11.2012 03:57
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Re: Selbstbestimmung

red ma weiter, wenns bei ihnen so weit sein wird.

Re: Re: Selbstbestimmung

Solche vagen Kommentare wie Ihrer , Gast, ärgern mich. Nur weil Sie Angst haben vor so einem Schritt, oder jemanden kennen, der Angst hatte, heißt das noch lange nicht, dass andere Menschen ihr Sterben nicht konsequent durchziehen können oder wollen.

Gast: b745
01.11.2012 21:01
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es ist aber längst zeit für eine sterbehilfe disskussion


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Re: es ist aber längst zeit für eine sterbehilfe disskussion

Stimmt! Jeder Mensch hat das Recht sein Leben zu beenden, wenn er es wünscht. Es ist eine Schande, dass es immer noch Menschen gibt, die Aufgrund ihrer persönlichen Überzeugungen über das Leben (und den Tod) von anderen entscheiden wollen.

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