Wiener Neustadt: Ein strahlender Meilenstein gegen Krebs

In Wiener Neustadt wird 2014 das Strahlentherapiezentrum MedAustron eröffnen, das bessere Chancen für Tumorpatienten bieten soll.

Wiener Neustadt strahlender Meilenstein
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Wiener Neustadt strahlender Meilenstein
(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

In einem windigen, weitläufigen Gewerbe- und Industriegebiet im Nordosten von Wiener Neustadt – Erwin Pröll erzählt gern, dass hier vor gar nicht allzu langer Zeit noch Trümmer zerstörter Gebäude aus dem Zweiten Weltkrieg deponiert waren – steht eine schmucklose, graue Halle, die man für einen Flugzeughangar halten könnte. Wäre da nicht der angeschlossene zweistöckige Spitalskomplex.

Was hier unter dem Titel „MedAustron“ entsteht, ist, wenn man der Darstellung schwarzer und roter Politiker glaubt, ein „Leuchtturm für Forschung, Medizin und Technologie“, ein „Jahrhundertprojekt“. Viel prosaischer klingt da schon die technische Beschreibung: MedAustron soll ab 2014 Tumorpatienten mit Protonen- und Kohlenstoffionen behandeln.

Das bekommt ein Gesicht, wenn man mit Krebspatienten spricht, die eine solche Therapie nötig haben. Im Gegensatz zu herkömmlichen Strahlentherapien lassen sich die hier verwendeten Strahlen nämlich viel genauer gegen den Tumor einsetzen und schädigen dank einer geringeren Strahlendosis gesundes Gewebe weniger. Das macht sie zu einer bevorzugten Therapieform bei Geschwüren in der Nähe sensibler Organe wie Augen oder an der Schädelbasis.

Einen Therapieplatz mit Kohlenstoffionen zu bekommen ist bisher aber eine Odyssee: Weltweit bieten nur drei Institute diese Behandlung an. Die Eröffnung von MedAustron kann daher durchaus ein Meilenstein im Kampf gegen Krebs werden. Das ist die eine, schöne Seite des Projekts.


120 Millionen Euro Haftungen. Es gibt aber noch eine andere. MedAustron droht eine gewaltige Finanzierungslücke – die vor allem das Land Niederösterreich viel Geld kosten könnte. Für die Errichtung der Anlage – etwa des gemeinsam mit dem Schweizer CERN entwickelten Teilchenbeschleunigers – nehmen Bund, Land und Wiener Neustadt nämlich nicht nur rund 125 Millionen Euro direkt in die Hand; das Land hat auch beschlossen, für Kredite der Betreibergesellschaft von (bisher) bis zu 120 Millionen Euro zu haften.

Um sich langfristig zu erhalten, muss MedAustron für seine Behandlungen Geld verlangen. Der Plan sieht vor, dass pro Patient – im Vollausbau ab 2020 bis zu 1400 pro Jahr – 20.000 Euro von den Krankenversicherungen ersetzt werden.

Der Schönheitsfehler: Die Sozialversicherungen denken gar nicht daran. Deren Hauptverband argumentiert nämlich, bei MedAustron handle es sich um die Auslagerung von Behandlungen aus dem stationären Bereich – und dessen Finanzierung sei mit einem jährlichen Pauschalbetrag der Versicherungen erledigt. Diese Argumentation ist dem Land wiederum „völlig unverständlich“: „MedAustron wird als Ambulatorium betrieben und in diesem Fall schreibt das ASVG eindeutig eine Kostenübernahme vor“, heißt es in einer Stellungnahme von MedAustron. Derzeit sehe der Hauptverband aber „noch keine Notwendigkeit für derartige Verhandlungen mit uns“.

Die Folge dürfte spätestens bei Beginn der Behandlungen ein Rechtsstreit zwischen Land und Sozialversicherungen sein. Eine Frage, bei der es um Millionen geht, auch für den Steuerzahler. Denn, wie der Rechnungshof festhält: „Das technische und auch das damit verbundene hohe finanzielle Risiko trägt Niederösterreich.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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