Es bleibt heiß: Von Sonnenanbetern und Hitzköpfen

Warum bei Hitze mehr gehupt wird und wie die Hitze noch auf unser Gemüt wirkt. Besonders in Städten ist die Belastung in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen.

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APA/ROBERT JAEGER

Wien. Es war ein rasanter Wechsel. Von ewigem Regen auf Hochsommer, von Jahrhunderthochwasser auf Rekordhitze (oder doch nicht). Und so rasant wie er war, so sehr überfordert dieser Wechsel gerade labile Gemüter. „Wenn es lange hell und warm ist, steigert das den Antrieb. Es kommt zu mehr Aggression, zu mehr Vergewaltigungen, zu mehr Aufständen“, sagt Psychiater Siegfried Kasper von der Med-Uni Wien, der intensiv am Einfluss der Jahreszeiten geforscht hat. Warum der plötzliche Sommer bei dem einen für ein Stimmungshoch, beim anderen für Aggression oder Lethargie sorgt, liege am Hirnstoffwechsel – und an unterschiedlicher psychischer und physischer Konstitution und damit der Fähigkeit, extreme Einflüsse auszugleichen.

 

Hitze bis zur Depression

„Man muss unterscheiden, wie weit ich über meine Zeit verfügen kann“, sagt Gerhard Blasche, Psychologe und Psychotherapeut vom Wiener Institut für Umwelthygiene. Wer sich an einem heißen oder zu stark gekühlten Ort aufhalten muss, also arbeiten muss, empfindet die Temperatur als Belastung. Wer frei über Zeit und Aufenthaltsort verfügen kann, empfindet den Sommer als positiv und angenehm: „Man geht eher hinaus, hat mehr Kontakte, alles ist luftig und leicht.“

Solange es nicht zu heiß wird: Dann wird Hitze zum Stress, und „die Schwelle zur Aggressivität sinkt, es gibt mehr Unfälle, mehr Fehlleistungen im Beruf, die Leute werden zwider“, sagt Blasche. Und, wie man schon jetzt bemerke, die Wiener hupen mehr. Kommt zur Hitze ein Gefühl des Gefangenseins, die Situation nicht ändern zu können, entsteht Aggression. Andere wiederum fallen bei Hitze in Lethargie. Mitunter führe das sogar zu einer Sommerdepression, sagt Psychiater Kaspar. Das beobachte man etwa in den USA – in Wien kaum, da dafür eine Hitzewelle sechs, sieben Tage anhalten müsste.

Grundsätzlich lasse sich der Einfluss von Licht und Wärme aber schwer trennen. Klar ist: Wärme strengt den Körper an, kommt dazu Schlafmangel durch kurze Nächte, bedeutet das Stress. Auch, wenn man es anders empfinden mag, für die Seele, so sagt Kasper, „ist die Wärme schlechter. Die Kälte schadet nicht, sie ist für die Stimmung günstig. Nur die Dunkelheit wirkt sich negativ aus.“ Für seine Patienten, so erzählt der Psychiater, sei besonders der rasche Wechsel schwer zu verkraften. Sie fühlten sich unruhig, wütend, aggressiv.

 

Viele Parks könnten kühlen

Und die Herausforderung, mit Hitze umzugehen, wächst: Die Tage mit mehr als 30 Grad sind den Daten der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) zufolge in Wien in den vergangenen Jahrzehnten um rund 50 Prozent häufiger geworden. Von 1961 bis 1990 gab es durchschnittlich 9,6Tage mit mehr als 30 Grad im Jahr, zwischen 1981 und 2010 waren es bereits 15,2 Hitzetage. Andere Städte spiegeln diesen Trend. Das liege, so Klimaforscherin Maja Zuvela-Aloise, zwar auch am immer wärmeren Klima. In den Städten wächst die Belastung durch die Bebauung aber überdurchschnittlich. Derzeit untersuchen ZAMG und Stadt Wien, wie man dem entgegenwirken könnte. Eine Lösungsmöglichkeit wären viele kleine über die Stadt verteilte Parks, die auch bebaute Bereiche kühlen könnten.

Vorerst aber bleibt die Hitze: Bis Donnerstag heizen subtropische Luftmassen ein. An der Alpennordseite sollen die Temperaturen bis 37 Grad steigen, bis 34Grad im restlichen Österreich. Rekordwerte seien aber nicht zu erwarten, heißt es von der ZAMG. Der Freitag verspricht ein wenig Abkühlung, aber mit 25 bis 26Grad soll es sommerlich bleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2013)

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