Schuldspruch im Fall Wastl - aber nicht wegen Mordes

26.06.2013 | 21:15 |   (DiePresse.com)

Der Angeklagte wurde wegen Im-Stich-Lassen eines Verletzten zu einem Jahr Haft verurteilt. Durch die Untersuchungshaft könnte er freigehen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

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Mit einem Schuldspruch wegen Im-Stich-Lassens einer Verletzten hat am Mittwochabend am Landesgericht Wiener Neustadt der mehrtägige Prozess im Vermisstenfall Heidrun Wastl geendet. Der 42-jährige Angeklagte hatte die Kindergartenhelferin (37) im September 2001 nach seinen Angaben beim Wandern in einem Wald in der Buckligen Welt nach einem Sturz sterbend zurückgelassen. Ihre Leiche wurde nie gefunden.

Der 42-Jährige wurde zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt - bei einem Strafrahmen von bis zu drei Jahren. Er sollte, da er seit über einem Jahr in U-Haft war, noch heute enthaftet werden, hieß es. Das Urteil, mit dem die Geschworenen in stundenlanger Beratung die Mordanklage verwarfen, ist nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft gab keine Erklärung ab, ebenso die Verteidigung.

Schwierige Beratungen

Ein Mordfall ohne Leiche - nicht nur diese Tatsache stellte die Geschworenen vor eine schwierige Entscheidung. Sie zogen sich Mittwochnachmittag zur Beratung zurück. Einerseits mit den Worten des Staatsanwaltes im Ohr: "Ich bin überzeugt, dass der Angeklagte Heidrun Wastl am 28. 9. 2001 vorsätzlich getötet hat. Ich fordere Sie auf, die Mordanklage zu bejahen." Andererseits hörten die Laienrichter vom Verteidiger: "An wirklichen Fakten für Mord ist gar nichts da. Für eine Verurteilung ist das absolut zu wenig."

Schwierig schien eine Urteilsfindung auch aufgrund der juristischen Spitzfindigkeiten. Der Fragenkatalog, mit dem sich die Geschworenen auseinandersetzen mussten, reichte von Mord über Aussetzung, in Stich lassen einer Verletzten bis zur unterlassenen Hilfeleistung. Im schlimmsten Fall drohte dem 42-jährigen Angeklagten lebenslange Haft, im Falle einer Verurteilung lediglich wegen unterlassener Hilfe höchstens eine einjährige Freiheitsstrafe.

Anklage: "Nachvollziehbarste Version"

Was tatsächlich an jenem Septembertag im Jahr 2001 mit der 37-jährigen Mutter Heidrun Wastl passiert ist, konnte nicht mehr wirklich rekonstruiert werden. Staatsanwalt Wolfgang Handler gab selber zu, dass seine Anklage auf "der nachvollziehbarsten Version von vielen, vielen Versionen des Beschuldigten" basiere. Demnach sei der gelernte Tischler mit der seit damals verschwundenen Frau zu einem spontanen Ausflug in der Buckligen Welt aufgebrochen. Beim Klettern hätte er der Frau irgendwie mit dem Fuß einen Schlag versetzt, sie sei abgestürzt und hätte sich lebensgefährlich verletzt. Anstatt zu helfen, sei er in Panik davon und habe die Sterbende zurückgelassen.

Im Anfang Juni gestarteten Prozess wartete der Angeklagte aber mit einer wieder anderen Variante auf: Der eifersüchtige Ehemann hätte ihnen beim Wandern aufgelauert, seine Frau in einen Graben gestoßen und liegen gelassen. Nach der Zeugenaussage des Witwers, der dies klarerweise von sich wies, resignierte der Angeklagte: "Es ist hoffnungslos. Dass ich davon g'rennt bin und die Heidrun verletzt liegen hab lassen, das ist schon schlimm genug. Aber dass man mir Mord vorwirft, das ist furchtbar."

Von Wastl fehlt jede Spur

Von Heidrun Wastl, die mittlerweile für tot erklärt worden ist, fehlt jede Spur. Noch wenige Tage vor dem jetzigen Prozessfinale führten Geologen im Auftrag des Gerichts erneut Messungen in dem Gebiet durch, in dem der Angeklagte mit der Frau spazieren gewesen sein will. Messungen wie bei den Massengräbern in Srebrenica im Bosnienkrieg, wo anhand von Verdichtungen im Erdreich Relikte von Opfern gesucht worden waren, erläuterte Staatsanwalt Handler. Aber im Fall Wastl wurde nichts gefunden. "Ich glaube, dass Frau Wastl ganz woanders liegt", erklärte der Ankläger.

"Mein Mandant hat nicht immer die Wahrheit gesagt. Aber jemanden dafür, dass er gelogen hat, wegen Mordes zu verurteilen, das darf nicht sein", befand Verteidiger Ernst Schillhammer. Sollte man der Staatsanwalt-Theorie folgen, dass der Angeklagte die Verletzte einfach liegen habe lassen, so würde auch das nicht für eine Verurteilung reichen. Der Gerichtsmediziner habe nämlich ausgeführt, dass Heidrun Wastl nur dann Überlebenschancen gehabt hätte, wenn sie innerhalb von 30 Minuten auf einem Operationstisch gelegen wäre. Und das, so der Verteidiger weiter, wäre in dem abgelegenen Waldstück "undenkbar gewesen, selbst wenn ein Notarzthubschrauber gelandet wäre."

Spurlos verschwunden

Die Kindergartenhelferin hatte am 28. September 2001 ihren sechsjährigen Sohn von der Schule abholen wollen, kam dort aber nie an. Im Vorjahr wurde der Vermisstenfall neu aufgerollt, und der 42-Jährige, der als Bekannter zum Kreis der Verdächtigen gezählt hatte, wurde erneut befragt und schließlich in U-Haft genommen.

(APA)

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11 Kommentare

Wenn ich das richtig verstehe, so muss man in Österreich nach einem Mord eine Leiche nur sicher verschwinden lassen....

dann kann man jedes Märchen erzählen und man muss im Zweifel frei gehen. Je wildere und widersprüchlichere Märchen man erzählt, desto eher geht man frei.
Und was sagt unsere FRau Karl dazu?
Vermutlich, dass bei uns eben paradiesische Zustände herrschen.

0 0

Re: Wenn ich das richtig verstehe, so muss man in Österreich nach einem Mord eine Leiche nur sicher verschwinden lassen....

Wenn es keine Leiche, keinen Tatort, keine Zeugen, keine Beweise und kein Geständnis gibt, dann gibt es auch keinen verurteilten Mörder. Hier hat nicht die Justiz, sondern die Exekutive versagt, die nichts von all dem erlangen konnte.

Könnten Sie sich auf die Geschworenenbank setzen und anhand von Hinweisen und Annahmen jemanden lebenslang hinter Gitter stecken? Dass der Mann lügt und keine Zivilcourage hat macht ihn noch nicht zum Mörder. Können Sie behaupten, dass Sie zweifelsfrei davon überzeugt sind, dass er sie tatsächlich ermordet hat? Oder hält ein Teil von Ihnen einen Unfall nicht doch für durchaus möglich?

Abschreiben?

Wer hat diesen Artikel geschrieben? ein Journalist der Salzburger Nachrichten oder ein Journalist der Presse?

APA steht unter dem Artikel.

Das Urteil läßt mich staunend zurück.

Der Angeklagte will den Mord dem Gatten unterschieben, nun steht im Urteil, dass es kein Mord war.
Soetwas Verrücktes kann nicht in der Berufung halten.

Hmmm. Ihr Tischler machts persönlich.


5 1

Aha Gerichtsmediziner sind also Hellseher?

Der Gerichtsmediziner habe nämlich ausgeführt, dass Heidrun Wastl nur dann Überlebenschancen gehabt hätte, wenn sie innerhalb von 30 Minuten auf einem Operationstisch gelegen wäre.

Finde ich schon ein wenig merkwürdig, ohne Leiche ohne wissen woran die Frau Wastl gestorben ist.

falsche Frage

Das bezieht sich nur auf die Märchen, die der Verurteilte dem Gericht erzählt hat.

Aber warum sollte die Frau _auf dem Weg zum Kindergarten_ noch schnell mit dem Nachbarn "klettern" gehen?
Wie logisch ist das denn?

@ DiePresse.com

Wie wärs mal wieder mit dem 2. Fall?

"...wegen Mordes." ?

5 0

Unglaublich.


WER soll DAS glauben?

Wastl hat gewonnen, das ist klar.

Ein höheres Gericht wird uns alle eines Tages in Verantwortung nehmen, wenn wir dem hiesigen entweichen.

8 0

Re: Unglaublich.

In einem Gerichtssaal in dem sich Geschworene aufhalten kann alles passieren. Der Fall ist aber leider tatsächlich nicht vernünftig zu lösen gewesen. Der Mann lügt zwar dass sich die Balken biegen, aber nachweisen konnte man ihm überhaupt nichts in dieser Richtung.

Alleine dass er aber niemandem bescheid gesagt hat und eine Suchaktion dadurch um Jahre verzögert hat ist ihm anzulasten. Es ist - selbst wenn er nun endlich in allen Punkten die Wahrheit gesagt hat (was ja offenbar nicht der Fall ist, da die sterblichen Überreste nicht gefunden wurden; meines Wissens gibt es auch keine Tiere in der Gegend, die groß genug wären einen Menschen wegzuschleppen) - das Allerletzte die Familie der Frau über all die Zeit im Ungewissen belassen zu haben.

Warum er einen gefälschten Abschiedsbrief der Frau geschreiben hat oder ausgesagt hat, dass ihr Ehemann sie getötet hat und später wieder beides dementiert hat .. jeder möge sich seine eigene Meinung dazu bilden.

Ich kann aber dennoch nicht sagen was ich als Geschworener getan hätte. Denn eines ist jedenfalls schlimmer als einen Mörder frei herumlaufen zu lassen: Jemanden der unschuldig ist lebenslang ins Gefängnis zu schicken. Im Zweifel ist der Mann tatsächlich nur ein feiger Idiot der sich aus einer extrem unglücklich-tragischen Situation davonstehlen wollte. Nach allem was ich gelesen habe kann ich mir auch das sehr gut vorstellen.

Re: Unglaublich.

Ein höheres Gericht? Der Oberste Gerichtshof, oder?

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