Wien: Wann Taubenfüttern doch erlaubt ist

Trotz der Strafen und Kampagnen: Tauben in Wiener Parks zu füttern ist unter Umständen doch erlaubt. Nur schadet es den Tieren.

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Bis zu 150.000 Tauben leben in Wien. Aber ihr Platz wird knapp, und über die Jahre ist Wiens Taubenpopulation geschrumpft. – (c) APA/EPA/SALVATORE DI NOLFI (SALVATORE DI NOLFI)

Wien. Tauben füttern in Wien? Das ist im öffentlichen Raum verboten. So die allgemeine Lesart von Kampagnen wie jener mit dem Slogan „Wer Tauben füttert, füttert Ratten“, die im vorigen Jahr in Wien lanciert wurde. Und: Tauben verbotenerweise zu füttern koste 36 Euro, so die Plakate, die womöglich wiederkommen, wenn im März die nächste Sauberkeitskampagne startet.

Ganz so eindeutig dürfte das nicht sein: Der Wiener Tierschutzverein (WTV) meldet „gute Nachrichten für Taubenfreunde“: Wie nun bekannt wurde, hat der (mittlerweile aufgelöste) Verwaltungssenat der Stadt schon 2011 der Berufung einer Dame stattgegeben, die von einem Waste Watcher belangt worden war, nachdem sie Lebensmittel aus ihrem Auto geworfen haben soll. Die Frau behauptete, dabei habe es sich um Vogelfutter gehandelt. Und Vogelfutter werde nicht vom Reinhaltegesetz erfasst, so der Bescheid. Die Tierschützer werten das als klares Signal: Taubenfüttern darf – sofern es Vogelfutter ist – nicht bestraft werden. „Taubenfüttern wird in Wien rigoros bestraft. Die Waste Watcher scheinen Leute, die Tauben füttern, regelrecht zu beobachten. Wir bekommen täglich Anrufe von verzweifelten Menschen, die gestraft wurden“, sagt Madeleine Petrovic, die Präsidentin des WTV.

„Taubenfreunde werden im Park angepöbelt, wir erhalten Anrufe von Frauen in großer Angst“, so Petrovic. Daran sei ihres Erachtens die „Wer Tauben füttert. . .“-Kampagne Schuld, bei der „das Missverständnis, dass Füttern generell verboten ist, offenbar intendiert“ gewesen sei. Die Waste Watcher würden die Rechtslage nicht kennen und häufig Personen strafen, die „artgerechtes Vogelfutter“ ausstreuen.

 

Auch Vogelfutter schadet

Wie oft das geschieht, darüber gibt es bei der Stadt keine offiziellen Zahlen. „Klar ist: In den seltensten Fällen handelt es sich um Vogelfutter. Die meisten nehmen altes Brot, Brösel oder Speisereste. Das auf die Straße zu schmeißen, ist nach dem Reinhaltegesetz ganz klar verboten“, heißt es aus dem Büro der zuständigen Stadträtin, Ulli Sima (SPÖ). Und: „Tauben zu füttern ist falsch verstandener Tierschutz“, sagt Christian Fellner, Taubenexperte der Tierschutzombudsstelle Wien.

Speisereste machten Tauben krank, aber auch Vogelfutter schade: Steht zu viel Futter zur Verfügung, entsteht eine überdimensionierte Taubenpopulation. Wiens Tauben drängen sich auf zu wenig Platz, brüten zu eng, es kommt zu hygienisch bedenklichen Zuständen und Krankheiten.
Denn der Lebensraum für Tauben wird knapp: Dachböden werden ausgebaut, die Tiere verlieren ihre Brutplätze, werden auf die Straße verdrängt und zum hygienischen Problem. So ist die Population in Wien aber auch geschrumpft: 2006, als zuletzt gezählt und hochgerechnet wurde, waren es 150.000 Tauben, in den 1970er-Jahren noch 220.000. Tauben zu füttern schafft neben der Überpopulation auch Verunreinigung: Werden Tauben in Parks oder Fußgängerzonen gefüttert, halten sie sich dort auf, statt auf Futtersuche herumzufliegen „wobei sie niemanden stören“, wie Fellner sagt.

Ein Pilotprojekt der Stadt, um der Tauben Herr zu werden – Vergiften oder Erschießen ist schließlich verboten, mechanische Abwehr oft mäßig erfolgreich –, ist seit 2010 der Taubenschlag im Dachboden des Amtshauses Meidling, in dem u. a. frisch gelegte Eier durch Attrappen ersetzt werden. Ein erfolgreiches Projekt, wie Fellner sagt. 550 Eier wurden dort schon getauscht. So ein Taubenschlag funktioniere, um das Problem aus der nahen Fußgängerzone abzuziehen, reduziere die Zahl der Tauben insgesamt aber nicht. „Sobald Platz geschaffen wird, rücken andere nach.“

Um die Verunreinigung – das Problem beschränkt sich im Wesentlichen auf ein Tauben-„Band“ über Wienfluss, Naschmarkt, Innenstadt bis zum Schwedenplatz sowie auf Teile Simmerings und Ottakrings – zu minimieren, sei es am wirkungsvollsten, die Tauben nicht zu füttern. Ob nun erlaubt oder nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2015)

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