Amokfahrt: Graz trägt Trauer

Ein Mann raste in der Grazer Innenstadt wahllos auf Passanten zu. Eines der drei Todesopfer ist ein Kind. 34 Menschen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt.

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In Graz kann noch immer niemand so richtig fassen, was am Samstagnachmittag passiert ist: Die Amokfahrt eines 26-Jährigen in der Innenstadt forderte drei Todesopfer und 34 Verletzte. Unter den Toten ist auch ein vierjähriger Bub, einige Schwerverletzte kämpften im Spital um ihr Leben. Die Tragödie begann kurz nach Mittag, als der Täter von der Hamerlinggasse kommend in die Herrengasse einbog und von dort seine Amokfahrt startete, die am Hauptplatz endete.

Bürgermeister Siegfried Nagl war zum Tatzeitpunkt mit der Vespa in der Nähe unterwegs und sah im Rückspiegel den Wagen. Er berichtet: „Der Lenker ist bewusst gegen Passanten gefahren, ich habe es selbst gesehen. Dieser Täter, der Mörder, hat erst ein Paar niedergemäht, der Mann war offenbar sofort tot, dann dachte ich erst, er bleibt stehen, aber er hat mich und einen anderen Passanten anvisiert.“ Die beiden konnten sich gerade noch in Sicherheit bringen.

Graz nach der Amokfahrt

Helmut Reinisch von der Galerie Reinisch Contemporary am Hauptplatz sagt gegenüber der „Kleinen Zeitung“: Ich habe nur etwas vorbeizischen sehen. Mit vielleicht 100 bis 150 km/h. Zu schnell, um Genaueres zu erkennen. Dann waren laute Schreie zu hören. Ich bin hinausgelaufen und habe ein Kind und einen Mann auf dem Boden liegen sehen.“ Die Fahrräder daneben hätten ausgesehen, als wäre jemand mit einer Walze über sie gefahren.

Eine andere Zeugin berichtet gegenüber der APA: „Auf der Höhe Murgasse geriet der Wagen aufgrund der Geschwindigkeit ins Schleudern, setzte seine Fahrt aber fort.“ Die Frau war zum Zeitpunkt der Katastrophe gerade vor einem Geschäft, als sie „Geräusche wie bei einer Schießerei“ wahrnahm, die vermutlich von den zahlreichen Sesseln der anliegenden Kaffeehäuser stammten, die von dem Fahrzeug ebenfalls erfasst wurden. „Die Leute schrien in Panik und rannten in die umliegenden Geschäfte, um sich in Sicherheit zu bringen“, schildert sie.

Mitteilung der Stadt Graz über die Amokfahrt

Der Fahrer sprang danach aus dem Auto und ging mit einem Messer auf die Menschen los, erzählten Zeugen. Auf dem Boden sei überall Blut gewesen. Es lagen schreiende und weinende Menschen auf der Straße. Mitten auf dem Hauptplatz lag ein lebloser Mann.

Nur wenige Minuten später wurde der Amokfahrer, ein Österreicher mit bosnischen Wurzeln, direkt vor der Polizeistation Herrengasse praktisch widerstandslos festgenommen. Das Tatmotiv ist noch unklar – einen Zusammenhang mit Terrorismus schließt die Polizei aber dezidiert aus. Der Mann leide an einer Psychose – und wurde bereits am 28.?Mai von der Polizei wegen häuslicher Gewalt von seiner Familie weggewiesen, teilte die Polizei am Nachmittag mit. Der Mann, von Beruf Kraftfahrer, sei verheiratet und habe zwei Kinder.

Großräumig abgesperrt

Etwa 15 Minuten nach der Tat kamen die ersten Rettungswagen. Die Innenstadt wurde sofort großräumig abgeriegelt. Nur Notarztwagen und Ambulanzen durften über die Herrengasse und den Hauptplatz passieren. Straßenbahnen standen aneinandergereiht, von Polizisten wurde eine Rettungsgasse freigehalten. 83 Rettungsautos aus umliegenden Bezirken und vier Hubschrauber waren im Einsatz. „Wir haben alles aus der Region mobilisiert“, sagte August Bäck, Sprecher des Roten Kreuzes Steiermark, zur „Presse am Sonntag“. Erschwerend sei hinzugekommen, dass etliche Einsatzkräfte beim Formel-1-Grand-Prix im obersteirischen Spielberg in Bereitschaft waren. Viele Mediziner aus der Stadt eilten sofort zur Unfallstelle und boten ihre Hilfe an, 16 Notärzte waren im Einsatz. Die zum Teil Schwerverletzten wurden auf die Spitäler aufgeteilt. „Teilweise müssen wir auf andere Bundesländer ausweichen“, hieß es auf Anfrage beim Roten Kreuz. Ein Kriseninterventionsteam betreute Betroffene und Angehörige, die Rettung richtete unter der Nummer 14844 eine Hotline ein.

Die österreichische Politik zeigte sich zutiefst bestürzt. Bundespräsident Heinz Fischer richtete ein Schreiben an Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (ÖVP): „Ich möchte meine größte Betroffenheit zum Ausdruck bringen und zugleich mein Mitgefühl mit den Opfern des unfassbaren Verbrechens“, schrieb er „mit stillem Gruß“. Schützenhöfer selbst rang bei einer Pressekonferenz mit den Tränen: „Es gibt keine Entschuldigung für diese Tat. Wir sind alle gefordert, das Miteinander zu suchen und Gräben nicht aufzubauen.“ Stellvertreter, Michael Schickhofer (SPÖ), sagte: „Es tut unendlich weh und ist für mich als Familienvater nicht zu fassen, was hier passiert ist.“

Stunden nach der Tat war die Grazer Innenstadt wie paralysiert. Es waren kaum Menschen auf der Straße, man unterhielt sich flüsternd, viele starrten auf ihr Handy, in der Hoffnung Nachricht von Freunden und Familie zu erhalten. Einige legten still Blumen auf den Boden. „Es wird alles abgesagt, alle Feierlichkeiten und Feste, wir werden die schwarzen Fahnen aufhängen“, sagte Bürgermeister Nagl. Die Grazer Uni sagte den Multikulti-Ball ab, Sturm Graz ein Testspiel und das Schauspielhaus eine Gala. Bischof Wilhelm Krautwaschl richtet seine Worte an die Menschen: „Stehen wir auch in diesen schweren Stunden zusammen. Unsere Gedanken und Gebete gelten jenen, die von diesem Anschlag betroffen sind und jenen, die helfend vor Ort sind.“ Am Abend wurde zur stillen Andacht an die Opfer in die Stadtpfarrkirche in der Herrengasse geladen.

 

Anmerkung der Redaktion

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(Die Presse. Printausgabe vom 21.06.2015)

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