Warum so viele Jugendliche rauchen

Österreichs Jugendliche sind „Europameister“ im Rauchen. Das ist kein Zufall, denn bei der Umsetzung gesetzlicher Tabakkontrolle, wie etwa Rauchverbote im öffentlichen Raum, belegt Österreich europaweit den letzten Platz.

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(c) Die Presse - Clemens Fabry

Wien. Zunächst die gute Nachricht: Der Zigarettenkonsum bei Jugendlichen nimmt in Österreich ab. Hatten noch vor zehn Jahren knapp die Hälfte der Jugendlichen in den vorangegangenen 30 Tagen zumindest eine Zigarette geraucht, sind es mittlerweile nur noch rund 30 Prozent. Nichtsdestotrotz sind österreichische Jugendliche beim Rauchen nach wie vor „Europameister“. Nirgendwo sonst greifen 12- bis 18-Jährige häufiger zur Zigarette. 27 Prozent bezeichnen sich der Statistik Austria zufolge als „aktive Raucher“, rauchen also täglich mindestens eine Zigarette – Mädchen im Übrigen mit 29 Prozent noch häufiger als Buben (25 Prozent).

Bei den Erwachsenen hingegen zeigt sich ein umgekehrtes Bild – hier sind 26 Prozent der Männer und 22 Prozent der Frauen aktive Raucher und befinden sich damit ebenfalls im europäischen Spitzenfeld – tendenziell gilt, dass Personen mit niedrigerem Bildungsniveau deutlich häufiger rauchen als jene mit Matura und Hochschulabschluss.

Gleichzeitig belegt Österreich europaweit den letzten Platz bei der sogenannten Tobacco Control Scale – ein Indikator, der die Umsetzung gesetzlicher Tabakkontrolle misst. Also Faktoren wie die Höhe der Steuern auf Tabakprodukte, Rauchverbote im öffentlichen Raum, Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung, Werbe- und Marketingverbote, Warnhinweise auf Tabakprodukten und Entwöhnangebote für Raucher. Die Tatsache, dass Maßnahmen der Tabakkontrolle in Österreich schlechter und seltener umgesetzt werden als in allen anderen europäischen Staaten, ist für Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde des Kepler Universitätsklinikums Linz und Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP), der Hauptgrund dafür, dass in Österreich besonders viele Jugendliche rauchen. „Wenn Jugendliche sehen, dass in öffentlichen Räumen wie Restaurants geraucht werden darf, schätzen sie das Rauchen als geduldet, akzeptiert und nicht sonderlich gefährlich ein“, sagt Lamprecht. Ein Phänomen, das auch vom Arztbesuch bekannt sei. „Wenn ein Arzt bei der Anamnese Zigaretten nicht anspricht, wird das als Akzeptanz gegenüber dem Rauchen gewertet.“

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(c) Die Presse

Ein weiterer Faktor ist für den Lungenfacharzt die Altersgrenze in Österreich, wo man schon ab 16 Jahren Zigaretten kaufen kann – was wohl noch länger so bleiben wird. Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (SPÖ) findet es zwar „überlegenswert“, die Grenze auf 18 Jahre zu erhöhen. Da dies aber Sache des Jugendschutzes ist, fällt es in die Kompetenzen der Bundesländer, die wiederum eine Erhöhung mehrheitlich nicht für notwendig erachten.

 

Angst vor Gewichtszunahme

Dass mehr Mädchen als Buben bereits in jungen Jahren zu rauchen beginnen, erklärt Lamprecht mit ihrer Angst vor einer Gewichtszunahme und der mit dem Rauchen verbundenen Hoffnung, schlank zu bleiben. „Was von der Zigarettenindustrie ganz bewusst genutzt wird“, sagt Lamprecht. „Mit Zigarettenmarken, die Slim heißen und besonders lang und schlank sind.“ Ganz unberechtigt sei Angst von einer Gewichtszunahme allerdings nicht. Denn mit Zigaretten würden viele Jugendliche ihr Hungergefühl unterdrücken. Zudem habe man ein besseres Geschmacksempfinden, wenn man aufhört zu rauchen, und würde daher Gefahr laufen, genussvoller und mehr zu essen. Mit dem geplanten Rauchverbot in der Gastronomie ab 2018 sieht Lamprecht einen großen Schritt getan, um Jugendliche vom Rauchen abzuhalten. Denn weniger erwachsene Raucher würden mittelfristig auch weniger jugendliche Raucher bedeuten, weil ihnen die Vorbilder abhanden kämen.

 

Kein Vorzeigeland in Europa

Das beobachte man auch in Haushalten – Kinder von Eltern, die nicht rauchen, werden zu mehr als 80 Prozent Nichtraucher. Leben hingegen zwei oder mehr Raucher im selben Haushalt, fangen rund 50 Prozent der Jugendlichen ebenfalls damit an. Zudem plädiert Lamprecht für mehr Aufklärung und rauchfreie Lehrstellen bzw. Arbeitsplätze. Denn um Anschluss zu finden, würden Jugendliche oft mit ihren erwachsenen Kollegen mitrauchen. Obwohl es kein Vorzeigeland in Europa gebe, könne sich Österreich beispielsweise Maßnahmen von Ländern wie Großbritannien abschauen, wo die Krankenkasse Rauchern die Entwöhnung bezahlt. In Deutschland wiederum sei die Aufklärung in Schulen vorbildlich. Dazu gehöre auch, mit einem weit verbreiteten Irrglauben über E-Zigaretten und Shishas aufzuräumen, die unter Jugendlichen immer beliebter werden. „Viele sind der Meinung, dass Wasser eine Filterfunktion hat und der Rauch dadurch weniger problematisch ist“, sagt Lamprecht. „Aber das Wasser kühlt den Rauch lediglich, wodurch er umso tiefer inhaliert wird und noch mehr Schaden anrichtet. Zudem wissen viele nicht, dass die Liquids in den E-Zigaretten auch Nikotin enthalten und süchtig machen können.“

AUF EINEN BLICK

Aktive Raucher. 29 Prozent der Mädchen (zwischen zwölf und 18 Jahren) in Österreich bezeichnen sich als „aktive Raucher“, rauchen also täglich mindestens eine Zigarette. Bei den Buben sind es 25 Prozent. Bei den Erwachsenen zeigt sich das umgekehrte Bild – hier sind 26 Prozent der Männer und 22 Prozent der Frauen aktive Raucher –, grundsätzlich gilt, dass Personen mit niedrigerem Bildungsniveau deutlich häufiger rauchen als jene mit Matura und Hochschulabschluss.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2016)

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