Der Otter, Gefahr und Sündenbock

Um Nutzfische zu schützen, sollen in Niederösterreich 40 Otter getötet werden. Tierschützer protestieren – sie sehen andere Gründe hinter dem Rückgang des Fischbestands.

Fischer gegen Tierschützer: Emotionale Debatten um den Otter.
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Fischer gegen Tierschützer: Emotionale Debatten um den Otter.
Fischer gegen Tierschützer: Emotionale Debatten um den Otter. – (c) APA

Wien. 40 Fischotter sollen bis zum Sommer in Niederösterreich getötet werden – seit das vor zwei Wochen bekannt wurde, geht es heiß her. Am Donnerstag kam es in St. Pölten zu Protesten vor dem Landhaus, in Wien traf sich zeitgleich im Naturhistorischen Museum eine prominente Runde zum Protest. Eine WWF-Petition gegen den entsprechenden Bescheid zählt 18.000 Unterschriften, auch die Weltnaturschutzaktion IUCN unterstützte WWF und Vier Pfoten. WWF-Artenschutzexperte Christian Pichler sieht sogar ein Verfahren der EU-Kommission auf Österreich zukommen, schließlich ist der Otter laut EU-Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie streng geschützt.

1. Warum sollen die Otter überhaupt abgeschossen werden?

Der Fischotter war in Österreich fast ausgerottet. Dank strenger Gesetze haben sich Otter in den vergangenen 20 Jahren in Teilen Österreichs wieder angesiedelt. Große Bereiche, Vorarlberg und Tirol etwa, sind noch immer otterfrei. In Wien sind Fischotter in den Donauauen beheimatet. So putzig sie ausschauen, sind die im Wasser raubenden Marder natürlicher Feind der Fische: Teichbesitzer klagen über Schäden und rasant wachsende Otterbestände. Fischereiverbände sehen den Otter als einen der Schuldigen dafür, dass heimische Fischarten „am Rand der Vernichtung“ seien. Eine „kontrollierte Entnahme“ von Ottern sei für ein natürliches Gleichgewicht nötig – und Fischer fordern Verständnis für ihre wirtschaftlichen Anliegen ein.

2. Wenn Otter solche Schäden anrichten: Was spricht gegen Reduktion?

Tierschützer sehen den Otter als Sündenbock: Am Rückgang der Fischfauna sei eher der Umgang des Menschen mit Gewässern schuld: Der WWF nennt den Anstieg von Fischkrankheiten durch Verschmutzung oder unökologische Fischbesatzmaßnahmen: So liege etwa der Rückgang heimischer Fischarten auch daran, dass sie von ursprünglich nicht heimischen, laichraubenden und aggressiven Regenbogenforellen und Bachsaiblingen (WWF-Ehrenpräsident Helmut Pechlaner nennt sie Hausschweine unter den Fischen) verdrängt würden. Auch Flussregulierung oder Kraftwerksbauten müsse man bedenken. An sich sei der Otter wichtig, da er als fauler Jäger schwache und kranke Fische greift und eine sanitäre Funktion habe. Und der Fischbestand schwinde auch in der otterfreien Schweiz. Ein Abschuss von 40 Tieren ändere im Hinblick auf das ökologische Gleichgewicht „überhaupt nichts“, sagt Kurt Kotrschal, der Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle. Auch sei die Zahl 40 beliebig. Wie viele Otter es in Niederösterreich gibt, weiß niemand. Bei der letzten Schätzung 2008 ging man von 300 bis 500 aus. Getötet werden Otter ohnehin, heißt es von Tierschutzseite, da würden bei Jägern die „drei S“ gelten: Schießen, Schaufeln, Schweigen. Wie bei Wölfen oder Luchsen.

3. Es geht nur um 40 Otter – warum ist das Thema wichtig?

Der Otter sei ein Präzedenzfall, argumentiert Kotrschal. Er spricht Bienensterben, Insektensterben generell, den Schwund bei Wiesenvögelbeständen und weiteres an. Statt menschliche Einflüsse zu überdenken, suche man Schuldige: „Dann schieben wir das Fischsterben den Ottern zu, schießen 40 ab und glauben, die Fische zu retten.“ Ähnliche Debatten gibt es beim wiederkehrenden Luchs, bald werde man sie beim Wolf führen, schließlich gibt es in Allentsteig ein erstes Rudel.

4. Wie geht es mit Ottern weiter? Welche Lösungen sind in Sicht?

Die Pro-Otter-Fraktion appelliert an die Politik, die eigentlichen Ursachen für das Schwinden der Fischbestände anzugehen. Pechlaner fordert außerdem ein Verbot des Einsetzens von Zuchtfischen in natürliche Gewässer (mit Ausnahme heimischer Arten) und eine Verpflichtung zum Einzäunen von Hobby- und Wirtschaftsteichen. Der Schutz von im Freien lebenden Nutztieren vor Raubtieren sei ohnehin seit 2005 Pflicht. Das Umzäunen (mit höheren Förderungen) zu unterstützen ist auch Plan des Landes Niederösterreich. Wann und wie genau die Otter „entnommen“ werden, ist unklar. Der Bescheid ist laut Tierschützern unter Verschluss. Er soll in zwei Wochen rechtsgültig werden, dann können Otter mit Fallen gefangen werden. Weibchen sollen wieder ausgelassen, 40 Männchen getötet werden.

5. Und was hat das alles mit dem Monster von Loch Ness zu tun?

Dank des Otters, erzählt Pechlaner im Naturhistorischen Museum, sei auch das Mysterium um das Monster von Loch Ness gelöst, sei er überzeugt: Beobachtungen von Ottern im Alpenzoo Innsbruck hätten gezeigt, dass sich eine Otterfamilie, die sich beim Schwimmen aneinanderhängt, aussieht wie ein Seeungeheuer – wenn sie einander loslassen, scheint es, als löse sich eine Riesenschlange auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2017)

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