Grundbesitz: Wem gehört Österreich?

Trotz gescheiterter Verkäufe zweier Osttiroler Berge bleibt der Staat (wenig überraschend) größter Grundbesitzer. Doch wem gehört der Rest? Antwort: ehemaligen Adelsfamilien und Klöstern.

Grundbesitz gehoert oesterreich
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Grundbesitz gehoert oesterreich
Symbolbild – (c) Bilderbox

Die Story war ein echter Heuler: In Osttirol sollten tatsächlich zwei Berggipfel, deren Namen – zumindest bis zum Beginn der vergangenen Woche – höchstens der lokalen Bergsteigerelite bekannt waren, an „Private“ verkauft werden. Das Undenkbare regte Umweltschützer, Boulevardmedien und Politiker derart auf, dass letztendlich Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner ein Machtwort sprach. Der geplante Verkauf von Großem Kinigat und Roßkopf durch die Bundesimmobiliengesellschaft wurde damit jäh gestoppt.

Unbeantwortet blieb die Frage, wem denn nun eigentlich der große Rest des Landes gehört. Die Antwort lautet: nicht den üblichen Verdächtigen. Die aus den Wirtschaftsseiten bekannten Banken und Tycoons spielen hinsichtlich der Fläche nur eine untergeordnete Rolle. Sie konzentrieren sich lieber auf das bebaute Gebiet. Die abertausenden Quadratkilometer an Wald, Wiesen und Bergen befinden sich nämlich hauptsächlich in der Hand ehemaliger Adelsgeschlechter und Klöster. Mit wenigen Ausnahmen.

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(c) Die Presse / GK
Mit 861.000 Hektar oder 8610 Quadratkilometern sind die Bundesforste der mit Abstand größte Grundeigentümer des Landes. Die in Staatsbesitz befindliche Gesellschaft bewirtschaftet über zehn Prozent der Fläche des Bundesgebiets, jede Menge Seen inklusive.

Mit knapp 58.000 Hektar rangiert die Stadt Wien bereits auf Platz zwei. Dabei haben die riesigen Ländereien weniger mit den 200.000 Gemeindewohnungen zu tun. Den Löwenanteil nehmen Quellschutzgebiete in Niederösterreich und der Steiermark ein. Wer etwa die Gipfel von Rax und Schneeberg besteigt, steht eigentlich in Wien.

Die von klassischen Immobilien beanspruchte Fläche ist, auf Gesamtösterreich bezogen, verschwindend klein. Deutlich wird das an einer Statistik des Bundesamts für Eich- und Vermessungswesen (BEV). Demnach sind gerade einmal drei Prozent des 84.000 Quadratkilometer großen Bundesgebiets Bauland. Und selbst davon scheinen nach wie vor zwei Drittel als „begrünt“ auf. Auch Straßen, Bahnanlagen und Flugplätze, die das BEV unter der Überschrift Verkehrsflächen ausweist, machen lediglich zwei Prozent aus. Die wirklich großen Brocken sind Wald (43Prozent), Landwirtschaft (32) und Berge (zehn Prozent). Der Rest entfällt auf Ödland, Gewässer und nicht näher beschriebene Flächen.

Wie im Wilden Westen. Gleich nach der Republik und ihrer Hauptstadt haben sich die alten Mächte in der Bestenliste der größten Grundbesitzer etabliert: Adel und (katholische) Kirche. Das Ranking, das aus Gründen der Diskretion nirgendwo offiziell publiziert wird, liest sich wie ein Who-is-Who weltlicher und geistlicher Prominenz. Unter den einst Blaublütigen führen Esterházy vor Mayr-Melnhof-Saurau und dem Besitz „Alwa“, der eigentlich auf Carl Hugo Graf Seilern zurückgeht und heute dem Deutschen Ernst Wilhelm Ferdinand von Baumbach gehört. Ihm auf den Fersen: die Liechtensteins und die Schwarzenbergs (siehe Grafik). Weitere prominente Großgrundbesitzer in Österreich sind die Häuser Habsburg, Coburg & Gotha, Starhemberg und Schaumburg-Lippe, die jeweils mehrere tausend Hektar Wald und Wiesen ihr Eigen nennen.

Die größten Eigentümer mit göttlichem Auftrag sitzen im steirischen Benediktinerstift Admont. Ebenfalls über mehr als ansehnliche Ländereien verfügen (in absteigender Reihenfolge) die Chorherren von Klosterneuburg, das Prämonstratenserstift Schlägl sowie die Klöster von Göttweig, Kremsmünster, Heiligenkreuz und Melk.

Doch wie kam es überhaupt zu derartigen Riesengütern, die für Geld praktisch nicht zu kaufen sind?

„Ein klein wenig kann man ihre Entstehungsgeschichte durchaus mit der Mentalität des Wilden Westens vergleichen“, sagt Wilhelm Brauneder, Vorstand des Instituts für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Universität Wien. Motto: Wer zuerst kommt, ist im Recht. Und als Erstes waren – zumindest ihrer eigenen Auffassung nach – die Kaiser und Könige da, die das Land als Lehen an Adel und Klöster weitergaben, beruhend auf der Fiktion, dass alles Land Kaiser oder König gehöre. So geschah es auch im November 996 mit der Region Ostarrîchi, die Kaiser OttoIII. ans Bistum Freising abgab. Den solcherart Belehnten kam umgekehrt die Pflicht zu, Wald und Land entsprechend zu pflegen und für den Regenten im Fall des Falles da zu sein. Weil die Güter jedoch riesig waren, verpachteten die Grundherren Flächen an einfache Bauern. Erst viel später fiel ein Teil der Flächen durch die sogenannte Grundablöse von den Grundherren an die Bauern – allerdings nur dann, wenn die Ländereien zuvor als Erbpacht vergeben worden waren. Land in Zeitpacht ging vollständig an den Adel zurück. Von der Grundablöse ausgenommen war Forstbesitz. Das erklärt, warum die größten Ländereien ehemaliger Adeliger noch heute überwiegend aus Wald bestehen.

Dabei verlief die Ziehung der Grenzen zwischen benachbarten Grundherren oft alles andere als friedlich. Selbst zwischen Klöstern gab es handfeste Auseinandersetzungen, erzählt Martin Scheutz, Professor am Institut für österreichische Geschichtsforschung in Wien. So stritten sich die Kartäusermönche von Gaming über Jahrhunderte mit den Benediktinern von Admont um mehrere Almen. Entführungen „feindlicher“ Senner und Viehhirten inklusive.

Solcherlei Streitigkeiten gibt es heute dank Grundbuchs und Kartografie (fast) nicht mehr. Umgekehrt schmort die Gruppe der Großgrundbesitzer in ihrem eigenen Saft. Die Zahl nennenswerter Grundstücksgeschäfte schwankt laut Verband der Land- und Forstbetriebe Österreichs zwischen 15 und 30 im Jahr. „Heute muss man sich nennenswerte Ländereien erheiraten oder ererben“, sagt Verbandspräsident Felix Montecuccoli. Er selbst tat Letzteres. Seine aus Italien stammende Familie erwarb zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges das Gut Mitterau in Niederösterreich. Heute bewirtschaftet der 47-Jährige eine Fläche von immerhin 950 Hektar.

Alpenverein kaufte Berge. Aber macht Grundbesitz automatisch reich? „Nur theoretisch“, sagt Montecuccoli und widerspricht damit Kritikern, die meistens dem linken politischen Spektrum entstammen und ererbtes Grundvermögen per se für illegitim halten. Ertrag würden Wald und Wiesen nämlich nur dann abwerfen, wenn man sie klug bewirtschafte. Das kann nicht jeder, wie immer wiederkehrende Notverkäufe größerer Grundstücke zeigen.

Hinzu kommt, dass Investitionen in Flächenwachstum fast nie wirtschaftlich sind. Je nach Lage kostet ein Quadratmeter Wald heute zwischen 80Cent auf dem Berg und 1,40 Euro in der Nähe von Wien. Das ist fünf bis zehn Mal so viel wie der ökonomische Wert bei Bewirtschaftung.

Es gibt jedoch auch Eigentümer, die ihren Besitz gänzlich ruhen lassen – etwa der Österreichische Alpenverein (ÖAV). Mit 33.500 Hektar Land gehört er zu den größten Grundherren der Republik. Angehäuft wurde das Vermögen durch Schenkungen und Käufe in Kärnten und Osttirol. Der Großteil der Flächen ist Bestandteil des Nationalparks Hohe Tauern. Ziel der Grundstücksgeschäfte ist einzig und allein die Erhaltung der Natur. Auf einen Deal ist Peter Haßlacher von der Abteilung Raumordnung noch heute stolz. 1988 kaufte der ÖAV rund um die 3360 Meter hohe Hochalmspitze (ebenfalls Hohe Tauern) acht Quadratkilometer Grund – und verhinderte so die Errichtung eines Gletscherskigebiets.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19. Juni 2011)

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