Kirchgang nach dem großen Aufruhr

01.04.2012 | 18:40 |  CHRISTINE IMLINGER (Die Presse)

Palmweihe in Stützenhofen, jenem Ort, in dem ein homosexueller Mann zuerst nicht, schließlich aber doch zum Pfarrgemeinderat zugelassen wurde.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Stützenhofen. Neugierige Fremde sind in Stützenhofen dieser Tage nicht willkommen. „Parken verboten. Das ist privat“, heischt eine Frau, deutet auf den riesigen Parkplatz eines Gasthauses. Kein Auto weit und breit. Nicht einmal für den Kirchgang? „Ich kann euch abschleppen lassen“, sagt sie und spaziert zur Kirche. Eine andere ereifert sich, will das Fotografieren auf der Dorfstraße verbieten.

In der Gemeinde am nördlichsten Rand des Weinviertels hat man genug von der Berühmtheit, die der Fall des Pfarrgemeinderates Florian Stangl, der wegen seiner eingetragenen homosexuellen Partnerschaft zu diesem Amt nicht zugelassen werden sollte, gebracht hat. Auf dem Platz vor der Kirche ist der Aufruhr Tuschelthema Nummer eins, auf der Website des Örtchens flammt eine eifrige Debatte. Laut darüber reden? Das will kaum jemand.

„Alles gesagt“, „nur aufgebauscht“, „ist ja eh gut ausgegangen“, „Lasst's uns damit in Ruhe!“, sagen die Stützenhofener. Einen alten Mann, der seine Meinung dann doch kundtun will, drängen zwei andere zur Seite. „Du, sag lieber nichts dazu!“ „Keine Fotos!“, sagt Pfarrer Gerhard Swierzek, der seit Tagen mit dem Vorwurf der Homophobie leben muss, und das ist fast das Einzige, was er dazu noch sagen will. Dabei sind es in dem Örtchen nicht viele, die sich an der Partnerschaft mit einem Mann, in der Stangl lebt, stoßen. Bei der Wahl zum Pfarrgemeinderat hat der 26-Jährige so viele Stimmen wie kein anderer Kandidat erhalten.

 

Keine Anfeindungen im Ort

Ob Stangl homosexuell sei oder nicht, das sei zuvor nie ein großes Thema gewesen, erzählt Daniel Kugl, Organist und selbst Pfarrgemeinderat. „Er war immer engagiert, schon immer dabei, und die Zustimmung war groß“, auch habe man im Vorfeld mit dem Dekanat abgeklärt, ob eine Kandidatur problematisch sei. Sei sie nicht, habe es geheißen. Der Pfarrer aber habe das anders gesehen.

„Warum soll er sich denn da nicht einbringen?“, meint auch der örtliche Feuerwehrkommandant nach der Messe. Schließlich seien Stangl und sein Partner auch bei anderen Vereinen engagiert. Stangl selbst sagt, er habe wegen seiner Kandidatur nie Anfeindungen erlebt. Am Palmsonntag ist der Behindertenbetreuer nicht zur Messe gekommen, er arbeitet bei einem Ostermarkt.

Der polnischstämmige Pfarrer Swierzek weiht an diesem Sonntag im eisigen Wind die Palmzweige, zieht mit der Prozession aus etwa 60 Gläubigen zur Kirche, zelebriert die heilige Messe. Erst zum Schluss wendet sich der Mesner an die Gemeinde, verliest eine, so heißt es, Richtigstellung: Der Pfarrer habe sich bei der Diözese informiert, ob die Kandidatur eines Mannes, der in homosexueller Partnerschaft lebt, zulässig sei. Als man erfahren habe, dass dies problematisch sei, war es schon zu spät, um die Liste noch zu ändern. Dass Kardinal Christoph Schönborn seine Meinung geändert habe, hätte man erst vergangenen Freitag erfahren.

An besagtem Freitag hat die Erzdiözese die Wahl in Stützenhofen bestätigt. Der Pfarrer verliest das Statement Schönborns zur Causa. Dieser hält etwa fest, dass es unter den Pfarrgemeinderäten viele gebe, deren Lebensentwürfe nicht in allem den Idealen der Kirche entsprächen. Die Kirche freue sich über ihr Engagement.

 

„Zuerst den Menschen sehen“

In der „Pressestunde“ sagte Schönborn, er habe zunächst gemeint, ein in eingetragener Partnerschaft lebender Homosexueller sei mit den Regeln nicht kompatibel. Jedoch: „Ich frage mich in diesen Situationen: Wie hat Jesus gehandelt? Er hat zuerst den Menschen gesehen.“ Während der Kardinal den Fall im ORF bespricht, verweigert Pfarrer Swierzek nach der Messe jedes Gespräch. „Alles, was zu sagen ist, ist gesagt“, sagt er, steigt ins Auto und schlägt die Türe zu.

Auf einen Blick

Ein Pfarrgemeinderat, der in einer Partnerschaft mit einem Mann lebt und deshalb nicht zu diesem Amt zugelassen werden sollte, sorgt für Aufregung. Kardinal Schönborn hat nach einem Gespräch mit Florian Stangl doch grünes Licht gegeben. Die Kirche freue sich auch über das Engagement jener, deren Lebensentwürfe nicht in allem den Idealen der Kirche entsprechen, so Schönborn. An kirchlichen Regeln wolle er aber nicht rütteln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

9 Kommentare
Gast: Traudy
09.04.2012 15:57
3

Homosexualität

Homoxexualität ist nicht im Sinne Gottes, wenn auch eine starke Lobby dahinter steht. Kardinal Schönborn hat eine falsche Entscheidung getroffen. Ein Fehler mehr in der Katholischen Kirche.
Traudy Rinderer
Hohenems
www.briefeandenpapst.at

Antworten Gast: Paulus
10.04.2012 09:43
2

Re: Homosexualität

Sie sind eine Gotteslästerin. Wir sind ALLE Geschöpfe Gottes - oder glauben sie in ihrer unendlichen Weisheit, Gott hat einen Fehler gemacht??

Antworten Gast: Christ (34)
09.04.2012 18:42
4

Re: Homosexualität ...


Dümmeres wissen sie nicht, Traudy Rinerer?
Wo hat sich Jesus jemals dazu geäußert?


Zurück nach Polen!

Warum wollen immer wieder polnische Geistliche wie Swierzek und Skoblicki ihren polnischen Steinzeitkatholizismus in Österreich einführen?

Antworten Gast: Fl. K.
09.04.2012 18:44
6

Re: Zurück nach Polen!

Die rechte Ecke des polnischen Katholizismus ist reinster Faschismus!

Gast: nadannfroheosternhalt
02.04.2012 08:00
11

hier entscheiden menschen,

die ihren mitbürger sehr gut kennen und sein engagement schätzen. der pfarrer sollte auf seine schäfchen hören.

Gast: JFK
01.04.2012 21:12
6

Was Jesus gesagt hat, ...

... fragt der Kardinal.
Das kann man in der Bibel nachlesen: "Geh hin und sündige nicht mehr".

Antworten Gast: Hansi Küng
02.04.2012 10:14
5

Re: Was Jesus gesagt hat, ...

"Wie hat Jesus gehandelt? Er hat zuerst den Menschen gesehen."

Urteilt der Kardinal nach dieser Prämisse, sollte er die Ehe eigentlich auch für Homosexuelle öffnen.

Antworten Antworten Gast: collnhaus
09.04.2012 21:45
0

Zuerst den Menschen sehen....?

"Den Menschen sehen" kann ja wohl nur in seiner Gesamtheit verstanden werden und sicher nicht ein Freibrief für alles Beliebige sein, denn andernfalls braucht man weder Religion oder Ethik.

Der Mensch ist eben nicht so, wie er sein sollte. Kein Mensch ist ohne Sünde, heißt es in der Bibel und daher genügt es nicht einfach den Menschen zu sehen, sondern zu schauen, was der Mensch sein sollte und sich daran orientieren und hin zu entwickeln.

Wetter

  • Aktuelle Werte von
    10:00
    Wien
    19°
    Steiermark
    22°
    Oberösterreich
    22°
    Tirol
    18°
    Salzburg
    15°
    Burgenland
    19°
    Kärnten
    22°
    Vorarlberg
    22°
    Niederösterreich
    18°

Jetzt Panorama-Newsletter abonnieren

Der tägliche Überblick mit den wichtigsten Meldungen zu den Themen Chronik, Wien und Umwelt. Kostenlos.

Newsletter bestellen

Code schwer lesbar? » Neu laden

AnmeldenAnmelden