Papst in Wien: „Ohne Sonntag ist das Leben leer“

Plädoyer. Benedikt XVI. setzt sich für den freien Sonntag ein. Starke Stimme für die Kinder.

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(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Bei der Sonntagsmesse gestern Vormittag im Stephansdom schlug Papst Benedikt XVI. eines der Themen an, das ihm gerade für den Besuch in Österreich besonders wichtig war: Die Bewahrung des Sonntags, „der unserem Leben eine Mitte, eine innere Ordnung gibt“. Der Sonntag sei zum freien Wochenende geworden, sagte er, diese freie Zeit laufe aber Gefahr, zu einer „leeren Zeit“ zu werden, wenn sie ihre Mitte, die Feier der Eucharistie, verliere. Damit stützt der Papst, ohne dass er es aussprach, demonstrativ die Bemühungen der Kirche in Österreich und der „Allianz für den Sonntag“ um die Erhaltung des Sonntags als eines arbeitsfreien Tages.

Die Predigten las er jeweils sitzend, in Mariazell im unablässigen Regen und ausgesetzt den Zufälligkeiten und Pannen der technischen Übertragung auf mehrere Tribünen. Im Stephansdom unterstützte ihn und seine manchmal brüchige Stimme die suggestive Kraft des Raums und der Gestaltung des Gottesdienstes. Da wie dort verlangte er aber den Zuhörern Konzentration und aufmerksames Mitdenken ab und ein Eingehen auf seine subtilen theologischen Gedanken, die immer wieder um eine unsichtbare Mitte kreisten – Jesus von Nazareth, Christus.

Mit der Sonntagspredigt schließt sich der Kreis der drei großen Reden des Papstes bei seinem Österreich-Besuch, und ließ noch einmal klar werden, worum es ihm in den drei Tagen dieses Besuchs vor allem gegangen ist: Es sind im Grunde die Themen, die ihn in seinen Reden und Artikeln, Gesprächen und in seinem großen Buch über Jesus beschäftigen. „Die Gabe des Herrn ist er selbst – der Auferstandene, dessen Berührung und Nähe die Christen einfach brauchen, um sie selbst zu sein“, sagte er im Stephansdom bei der Predigt. Die Dekonstruktion der Gestalt Jesu zu einem Weisheitslehrer unter anderen, die auch unter Christen verbreitet ist, bereitet ihm bekanntlich große Sorge.


Wahrheit ist nicht Intoleranz

In Mariazell, bei der großen Wallfahrt am Samstag, dem eigentlichen Ziel seiner Reise, hatte er den universalen Anspruch des Christentums gegenüber den anderen Religionen begründet und verteidigt: „Dies ist keine Verachtung der anderen Religionen und keine hochmütige Absolutsetzung unseres eigenen Denkens.“ Der Papst setzte hier einen der Gedanken fort, den er immer wieder äußert: Das Beharren auf einem Wahrheitsanspruch sei nicht intolerant, wie der Kirche oft vorgeworfen wird, sondern im Gegenteil die Voraussetzung des Dialogs der Religionen: „Diese Resignation gegenüber der Wahrheit ist der Kern der Krise des Westens, Europas. Wenn es Wahrheit für den Menschen nicht gibt, dann kann er letztlich auch Gut und Böse nicht unterscheiden“, sagte Benedikt XVI.

Dass die christliche Wahrheit ihren Anspruch nur stellen kann, wenn sie ihn durch ihr Handeln bestätigt, sagte der Papst in allen drei Reden, besonders deutlich in Mariazell: „Wahrheit weist sich aus in der Liebe“. Als Beispiel dafür kamen immer wieder die Kinder vor: „Jesus erinnert uns an alle Kinder dieser Welt. An die Kinder, die in Armut leben; als Soldaten missbraucht werden; die nie die Liebe der Eltern erfahren durften; an die kranken und leidenden, aber auch an die fröhlichen und gesunden Kinder.“

Dem ließ er gestern abermals die Mahnung folgen: „Europa ist arm an Kindern geworden.“ Die Erklärung dafür gab er ganz einfach und wahrscheinlich richtig: „Wir brauchen alles für uns selber und wir trauen der Zukunft nicht recht.“ Dass ihm die Kinder ans Herz gewachsen sind, konnte man auch auf der Tribüne vor dem Stephansdom sehen, wo er sich offenkundig sehr gern in persönliche Gespräche mit den Kinder und Jugendlichen ziehen ließ.

Wie in der Hofburg am Tag seiner Ankunft kam auch im Stephansdom die soziale Wirklichkeit der Welt ins Bild: „Ist uns nicht die Entwicklung der Erde und ihrer Güte aufgetragen? Zu allen Zeiten ruft er Menschen, alles auf ihn zu setzen und Oasen der selbstlosen Liebe in einer Welt zu schaffen, in der so oft nur Macht und Geld zählen.“

REISEN DES PAPSTES

Der Besuch Benedikt XVI. war die fünfte Reise eines Pontifex nach Österreich und die einzige Europa-Reise des Heiligen Vaters in diesem Jahr. Zuletzt hatte Johannes Paul II. (1998) Österreich besucht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2007)

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