Nach Terror: "il papa" wäscht Flüchtlingen die Füße

Die Anschläge von Brüssel werfen ihre Schatten auf den Höhepunkt des Christenjahrs. Soldaten zeigen in der Ewigen Stadt noch mehr Präsenz. Nur Papst Franziskus gibt sich gewohnt unerschrocken.

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Papst Franziskus bei der Fußwaschung – APA/AFP/STR

Rom. Papst Franziskus, ein Meister wirkmächtiger Gesten, brach am gestrigen Gründonnerstag nach Castelnuovo di Porto auf. In der kleinen Gemeinde im Norden Roms liegt eines der größten Asylzentren Italiens. Der Pontifex feierte dort die Messe vom letzten Abendmahl und wusch dabei einer Betreuerin sowie elf Flüchtlingen die Füße. Franziskus kniete vor jedem nieder, übergoss die Füße mit Wasser und küsste sie. "Ob Muslime, Hindus, Katholiken oder Kopten: Wir sind alle Brüder, wir sind alle Kinder desselben Gottes", sagte Franziskus.

„Il papa“ hatte bereits Kranken, Behinderten, Häftlingen und Frauen die Füße gewaschen. Alles Tabubrüche. Seine Vorgänger vollzogen das Ritual nur an Kirchenmännern. Die symbolische Handlung soll an die Fußwaschung erinnern, die Jesus vor dem letzten Abendmahl seinen Jüngern zuteil werden ließ.

An dem Ritus nahmen Flüchtlinge aus Nigeria, Eritrea, Mali und Pakistan teil. Dabei handelte es sich um drei Muslime, einen Hindu, drei koptische Frauen aus Eritrea und vier katholische Nigerianer. Die Kandidaten für die Fußwaschung wurden unter den knapp 900 Bewohnern des Flüchtlingsheims ausgewählt.

Langer Leidensweg

Alle zwölf Ausgewählten haben einen Leidensweg hinter sich. Der aus Mali stammende 37-jährige Sira, einer der drei an der Zeremonie beteiligten Muslime, musste mehrere Länder durchqueren, bevor er nach Libyen gelangte und dort ein Flüchtlingsschiff nach Italien bestieg. Der Papst wusch auch dem aus Pakistan stammenden Khurram die Füße, der Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Ungarn und Österreich überquerte, bis er im vergangenen September Italien erreichte.

Der Papst macht auch Selfies.
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Der Papst macht auch Selfies.
Der Papst macht auch Selfies. – REUTERS

Zu den vier Frauen zählte die aus Eritrea stammende Luchia Mesfun. Sie überquerte trotz ihrer Schwangerschaft das Mittelmeer. Ihre Tochter Merhawit kam vor fünf Monaten in Italien zur Welt. "Ich kann meine Freude nicht beschreiben. Der Besuch des Papstes ist für uns ein großartiges Ereignis", sagte die Frau. Ausgewählt für den Ritus wurde auch eine italienische Mitarbeiterin der Flüchtlingseinrichtung, die vor wenigen Tagen ihre Mutter verloren hatte. Franziskus hatte erst im Jänner das Ritual offiziell geändert und per Dekret Frauen und Mädchen zugelassen.

Mesmun mit ihrer Tochter Merhawit. Der Papst küsst der Eritreerin die Füße.
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Mesmun mit ihrer Tochter Merhawit. Der Papst küsst der Eritreerin die Füße.
Mesmun mit ihrer Tochter Merhawit. Der Papst küsst der Eritreerin die Füße. – APA/AFP/STR

Die gestrigen Messen bildeten den Auftakt zu den liturgischen Feierlichkeiten rund um Ostern, also den Kolosseum-Kreuzweg am heutigen Karfreitag, die Osternacht und die Ostermesse, in der Franziskus am Sonntag vor Hunderttausenden Gläubigen auf dem Petersplatz den Segen urbi et orbi spenden wird.
Doch der Terror von Brüssel wirft seine Schatten auf den Höhepunkt des Christenjahrs. Nach den Anschlägen in Brüssel leuchtete Roms Trevi-Brunnen in Schwarz-Gelb-Rot, den belgischen Nationalfarben. Vor allem aber wurden 800 weitere Soldaten in die Straßen der Ewigen Stadt beordert.

Schärfste Sicherheitsvorkehrungen seit Langem

Dabei zeigte das Militär schon bisher Präsenz: Neben Monumenten wie dem Pantheon aber auch an Bahnhöfen und Flughäfen stehen „Soldati“ mit Maschinengewehren in der Hand. Der Weg ins Kolosseum führt durch Metalldetektoren. Und wer in den Petersdom will, muss auch seine Gepäckstücke durch Scanner schieben. Während der Osterfeiertage herrscht über Rom zudem ein Flugverbot. Zusätzliche Videoüberwachungsanlagen wurden vor allem für die Sicherheit von Bahnhöfen, Flughäfen, Basiliken und anderen Monumenten aufgestellt.

Der Papst selbst ließ nach dem Brüssel-Terror ausrichten, am Programm würde nicht gerüttelt, so wie er sich nach den Paris-Attentaten geweigert hatte, wegen Sicherheitsbedenken das am 8. Dezember begonnene Heilige Jahr der Barmherzigkeit zu verschieben. Von dem Jubiläumsjahr erwarten sich die Römer einen kräftigen Anschub des Tourismus, der nun aber vom Terror eingebremst wird. Der Hotelierverband klagte gestern über Stornierungen. Denn auch Rom taucht immer wieder in IS-Drohvideos auf.

Seit 2015 wurden in Italien 306 Personen wegen Terrorverdachts festgenommen. Zu den größten Gefahren zählt die Radikalisierung nordafrikanischer Muslime in Gefängnissen. „Fundamentalismus besiegt man aber auch mit Kultur“, erklärte Premier Matteo Renzi. Vielleicht dachte er da auch an einen Papst, der Flüchtlingsfüße wäscht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2016)

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