Bis 2031 nur noch jeder Zweite katholisch

87.393 Österreicher haben 2010 die katholische Kirche verlassen. Der Katholikenanteil in Österreich sinkt damit auf 65,1 Prozent und in Wien ist er mittlerweile schon auf 39,8 Prozent abgesackt.

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Wien. In spätestens 20 Jahren werden weniger als 50 Prozent der österreichischen Bevölkerung Mitglied der katholischen Kirche sein. Dies prognostizieren Experten nun nach den am Dienstag veröffentlichten offiziellen Zahlen über die Austritte. Denn 2010 wird mit dem plötzlichen Bekanntwerden hunderter Opfer (sexueller) Gewalt durch katholische Priester und Ordensleute als ein Rekordjahr bei den Austrittszahlen in die jüngste Kirchengeschichte dieses Landes eingehen.

87.393 Österreicher haben sich 2010 von „ihrer“ Glaubensgemeinschaft verabschiedet – ein bisher nicht gekannter Anstieg um 64Prozent gegenüber 2009, das selbst bereits ein Rekordjahr gewesen ist. Damit hat sich der seit dem Jahr 1961 zu beobachtende Rückgang des Katholikenanteils beschleunigt. Derzeit sind zwei von drei Personen, die in Österreich leben, Katholiken (65,1Prozent). Vor zehn Jahren lag der Anteil noch bei 74 Prozent, 1981 bei 84 Prozent, 1961 bei 89 Prozent. In Wien bekennen sich nach den neuen Zahlen mittlerweile nur noch 39,8 Prozent zur katholischen Kirche.

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Prognosen werden korrigiert

Bisher hat das Institut für Demografie der Akademie der Wissenschaften damit gerechnet, dass bis zum Jahr 2051 der Katholikenanteil in der österreichischen Bevölkerung auf unter 50 Prozent gesunken sein wird. Die Prognose stützt sich allerdings lediglich auf Zahlen bis zum Jahr 2001. Die signifikant zunehmende Dynamik gerade der letzten (beiden) Jahre lässt Demografie-Experten Alexander Hanika von der Statistik Austria auf Anfrage der „Presse“ sehr plausibel erscheinen, dass der Katholikenanteil schon in ungefähr 20 Jahren, also bis 2031, unter diese magische 50-Prozent-Grenze fallen wird. Hanika: „Neben den Austritten ist zu berücksichtigen, dass mehr Katholiken sterben als getauft werden. Und unter den Zuwanderern sind Katholiken eine kleine Gruppe.“

Tatsächlich belegt die gleichfalls am Dienstag veröffentlichte Gesamtkirchenstatistik über das Jahr 2009 (für 2010 liegen eben nur die Austrittszahlen vor), dass die Zahl der Taufen und auch die der Eintritte in die Kirche gesunken ist, während es demgegenüber bei den katholischen Begräbnissen einen Anstieg zu verzeichnen gab.

Die Interpretationen der Austrittsstatistik fielen dem Absender entsprechend extrem unterschiedlich aus. Für Kardinal Christoph Schönborn ist jeder Austritt schmerzlich.

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Schönborn: Vor Frühling in Kirche

Er spricht aber auch von einem „Zeichen neuer Freiheit“. Österreich entwickle sich von einem „Traditionschristentum“ zu einem „Entscheidungschristentum“. Und Schönborn wörtlich weiter: „Bald werden die ersten Krokusse aus dem Schnee kommen. Ich sehe überall solche Krokusse, auch in der Kirche. Ich wage zu sagen: Es gibt einen neuen Frühling in der Kirche.“

Die Plattform „Wir sind Kirche“ schätzt dies ganz anders ein. Sprecher Hans Peter Hurka sieht als Gründe für die Austrittswelle eine Verweigerung von Dialog und Reformen und Vertuschung sexueller Gewalt durch die Kirchenführung. Und die Plattform „Betroffene kirchlicher Gewalt“ interpretiert die jüngsten Zahlen als „Solidaritätsbarometer“ mit Missbrauchsopfern. Bei den Menschen herrsche Unmut darüber, dass die Kirche so wenig gegen Täter in den eigenen Reihen unternehme.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2011)

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