Washington. Die Ruhe nach dem Sturm wurde immer wieder jäh unterbrochen von den Sirenen der Feuerwehr-, Polizei- und Ambulanzwagen. Als der Hurrikan „Sandy“ in der Nacht auf Dienstag mit einer Spitzengeschwindigkeit von 150 Stundenkilometern und bis zu vier Meter hohen Wellen über die US-Ostküste hinwegbrauste, da rüttelte und zerrte er heulend und pfeifend an den Grundmauern und Fenstern. Bäume knickten wie Zahnstocher um, Metallteile knallten blechern auf den Asphalt.
Die Explosion eines Umspannwerks in New York ließ den Nachthimmel grell aufleuchten, im Stadtteil Queens loderten Brände, im Süden Manhattans verdunkelte sich die Skyline – die Lichter fielen aus. Von Connecticut bis North Carolina trafen die Stromausfälle bis zu sieben Millionen Amerikaner, mindestens 30 Menschen ließen bei Unfällen – meist durch umgestürzte Bäume – ihr Leben. Die Notrufnummer 911 war völlig überlastet.
New-York-Marathon soll stattfinden
Vor der Küste North Carolinas kam für zwei Crewmitglieder des Dreimasters „Bounty“, Kulisse im Film „Die Meuterei auf der Bounty“ mit Marlon Brando, jede Rettung zu spät. Die Küstenwache barg 14 Seeleute des Schiffs. Die „Bounty“ war in Wellenbergen von bis zu zehn Metern in Seenot geraten.
Als die Amerikaner Dienstagfrüh nach einer kurzen und unruhigen Nacht aufwachten, stand das öffentliche Leben an der Ostküste weitgehend still. Vor dem Biosupermarkt Whole Foods in der Hauptstadt war ein Aushang angebracht: „Wir sperren um zehn Uhr Vormittag auf – mit Glück.“ Der Alltag normalisierte sich erst allmählich.
Die Ministerien in Washington und die Börse an der Wall Street in New York blieben weiterhin geschlossen, der öffentliche Verkehr war weiter lahmgelegt. Die Fluggesellschaften strichen mehr als 14.000 Flüge, die großen Flughäfen in New York und Washington waren zumindest bis Mittwochfrüh gesperrt. Dennoch waren die Organisatoren bemüht, den New-York-Marathon am Sonntag mit dem traditionellen Finish im Central Park durchzuführen, der jährlich zehntausende Touristen und bis zu zwei Millionen Zaungäste in die Stadt lockt.
Die Gefahren lauerten zu Wasser, am Boden, wie in der Luft. In New York sorgte ein Kran in schwindelerregender Höhe von 300 Metern für Panik. Vor der Baustelle des neuen Luxuswolkenkratzers „157“ an der 57th Street in Midtown Manhattan, einer künftigen Residenz für Multimillionäre und Milliardäre unter anderem aus China und Russland, war der Trägerarm auf halber Länge umgeknickt und baumelte bedrohlich über den Hochhausschluchten.
Washington und die Vorstädte Alexandria und Georgetown bangten vor einem Anschwellen des Potomac. An der Südspitze Manhattans wiederum standen die U-Bahn-Schächte bereits unter Wasser, zahlreiche Zug-Garnituren wurden in Mitleidenschaft gezogen. Wann wieder ein Betrieb möglich sein würde, war völlig unklar.
Am Battery Park in Lower Manhattan, als Ausblick auf die Freiheitsstatue beliebt, war die Flut in hohen Wogen übers Ufer geschwappt. Am Dienstag war die See noch aufgewühlt. Bis auf den Lincoln-Tunnel, die Verbindung zu New Jersey, war Manhattan von der Außenwelt abgeschnitten.
Republikaner lobt Barack Obama
Überall fällte der Sturm Äste und Bäume, insbesondere an der Küste von New Jersey schlug Hurrikan Sandy eine Schneise der Verwüstung. In der Casino-Stadt Atlantic City standen die Straßen zeitweise knietief unter Wasser. Gummistiefel gehörten zum unverzichtbaren Inventar. Vereinzelt rutschten Strandhäuser weg.
Doch auch fernab der Atlantikküste, in Chelsea, einem Viertel Manhattans, stürzte ein Gebäude wie ein Puppenhaus zusammen. Der zum Sturm herabgestufte Hurrikan zog unterdessen ins Landesinnere, nach Pennsylvania, ehe er laut Prognosen in die Neuengland-Staaten abdrehen sollte.
Der Präsidentschaftswahlkampf legte eine Zwangspause ein. Der Republikaner Mitt Romney hielt in Ohio eine Benefizveranstaltung ab. Für Präsident Barack Obama standen Ehefrau Michelle, Vizepräsident Joe Biden und Ex-Präsident Bill Clinton bereit, in die Wahlschlacht zu ziehen.
Der Präsident selbst ging ganz in seiner Funktion als Krisenmanager auf. Er hielt ständigen Kontakt zur Katastrophenschutzbehörde Fema – deren Mittel Romney übrigens im Vorwahlkampf noch kürzen wollte – und zu den Gouverneuren der betroffenen Bundesstaaten. Mit ernster, entschlossener Miene trat Obama gleichsam als überparteilicher Staatsmann vor die Presse – und bekam dickes Lob von unerwarteter Seite. Chris Christie, der schwergewichtige Gouverneur von New Jersey und prominente Romney-Wahlhelfer, pries den Präsidenten für seinen Einsatz.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2012)
Schneise der Verwüstung: Die Auswirkungen von ''Sandy''
Schlagzeilen zu ''Sandy'': ''New York säuft ab''
''Sandy'': Die Ruhe vor dem Sturm










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