Nach US-Schulmassaker: "Gott segne Sandy Hook"

16.12.2012 | 19:25 |  Von unserem Korrespondenten THOMAS VIEREGGE (Die Presse)

Der Ort des Amoklaufs versucht die dunklen Schatten mit Lichterglanz zu verscheuchen. Eine Reportage.

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Newtown. Alles leuchtet. Sandy Hook erstrahlt im prächtigsten vorweihnachtlichen Glanz, und es ist, als könnte der Ort so den finsteren Dämon verscheuchen, der Freitagvormittag ins Neuengland-Idyll eingedrungen ist. Fenster, Türbögen, Zäune, Brückenpfeiler, Straßenlaternen, Bäume: Alles ist aufs Üppigste mit Lichtgirlanden dekoriert – eben so, wie die Amerikaner die Vorfreude auf das Fest der Geburt Jesu zelebrieren.

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Sandy Hook ist wie der Welt des Norman Rockwell entsprungen, des Karikaturisten, der in den 1930er- bis 1950er-Jahren die kleine, heile amerikanische Welt skizziert hat. Die Vorweihnachtszeit ist allerdings massiv getrübt in dem Stadtteil von Newtown, durch dessen Mitte der Stone River, ein Bach, plätschert. „Faith, Love, Hope“ – Glaube, Liebe, Hoffnung – prangt in balkengroßen Leuchtbuchstaben vor der Villa in der Ortsmitte. Schräg vis-à-vis, unter den Zweigen des Christbaums, entfaltet sich ein Memorial für die 26 Opfer des Schulmassakers: Kerzen, Teelichter, Teddybären, Puppen, Stofftiere, Blumensträuße und Dutzende Botschaften an die kleinen „Engel“. „Ich vermisse dich“, kritzelte etwa der sechsjährige Tristan.

Mitternacht ist gerade vorbei, als ein Vater seinem kleinen Sohn die Hand führt, um ein Grußwort zu schreiben. Stumm und wie angewurzelt stehen manche da, viele seufzen, heulen hemmungslos. Zwei Mädchen, ehemalige Schülerinnen der Sandy-Hook-Grundschule, zwölf und 14 Jahre alt, werden von einem Weinkrampf geschüttelt, und ihr Vater fällt mit ein in ihre Trauer. Eine Träne kullert über sein Gesicht, als er sagt: „Das ist eine großartige Gemeinschaft. Wir können uns dafür noch glücklich schätzen.“ Und schon drückt ihn eine Frau an die Brust, die kurz vorher noch selbst niedergesunken ist vor dem Mahnmal. Es sind Szenen der tiefen Rührung, die sich in Sandy Hook abspielen, einem typischen Neuengland-Dorf mit seinen weiß getünchten Kirchen und Häusern, verziert mit Kranzgebinden, Tannenzweigen und roten Schleifen.

 

„Umarme einen Lehrer“

Die Zufahrt zur Sandy-Hook-Volksschule ist von der Polizei abgeriegelt. Unter der antiquierten Schultafel von anno 1956, unter der der Gruß „Besucher willkommen“ angebracht ist, ist ein weiteres Memorial errichtet worden, das stetig anwächst. Darüber erheben sich zwei weiße Flügel aus Federn, weiße Luftballons und ein Kranz in Herzform.

„Umarme einen Lehrer“, fordert ein Plakat am Restaurant „Stone River Grille“ auf. Ob Karateklub oder der Friseursalon „Hair & Co.“: Jeder Laden hat eine Tafel oder ein Plakat ins Freie gestellt, auf denen er zum Gebet und zum Andenken aufruft. „Gott segne Sandy Hook“, ist auf ein Leintuch gemalt. Die Sternenbanner sind heruntergezogen, sie baumeln schlaff von den Masten. Im „Church Hill Restaurant“, neben der Methodisten-Kirche, philosophieren Jung und Alt über den Sinn den Lebens. „Es muss ja irgendwie weitergehen“, tröstet einer seine Freundin, die sich an ihn kuschelt.

Neben der Stone-River-Brücke ist eine Tafel aufgestellt, eine „Flag of Honor“, auf der die Opfer alphabetisch angeführt sind, versehen mit ihren Geburtsdaten: von Charlotte Bacon bis Allison Wyatt. Die Namen der sechs- und siebenjährigen Erstklässler geben einen Querschnitt der US-Gesellschaft, fast alle großen Ethnien und Religionen sind repräsentiert: der Jude Noah Pozner, dessen Zwillingsschwester den Amoklauf unversehrt überlebt hat; die US-Asiatin Madeleine Hsu; der Italo-Amerikaner James Mattioli und der polnischstämmige Chase Kowalski; das Latino-Mädchen Ana Marquez-Greene, deren Vater aus Puerto Rico eingewandert ist. Sie wurden von den Kugeln des Adam L. zersiebt und zerfetzt, manche Leichen wiesen bis zu elf Einschusslöcher auf.

Als „Heldin“ feiern die Angehörigen die 27-jährige Lehrerin Victoria Soto, genannt „Vicki“, ein Fan des Baseball-Teams „New York Yankees“. Sie hat sich vor ihre Kinder geworfen. Bei der Vigil im nahen Stratford, in Connecticut, bat ihre Familie, in Grün zu erscheinen – Vickis Lieblingsfarbe.

Am Sonntagabend (Ortszeit) sagte sich der Präsident zu einer Vigil in der Newtown High School an. Barack Obama wollte den Menschen in der frostig-nebligen Nacht Worte des Trostes und der Wärme spenden, und er wollte den Familien der Opfer in einem intimeren Rahmen seine Anteilnahme ausdrücken. Seine Ansprache im Weißen Haus am Freitagnachmittag hat ihm in Sandy Hook viele Sympathien eingetragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2012)

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