Jung, kreativ und kosovarisch

13.08.2011 | 17:50 |  von TERESA REITER UND WIELAND SCHNEIDER (Die Presse)

Die Cafés in Kosovos Hauptstadt Prishtina sind voll von Jugendlichen. Doch der Schein trügt: Viele sind arbeitslos, können sich nicht mehr als einen Espresso leisten.

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Kreshnik schüttelt den Kopf. „Die Hip-Hopper hier im Kosovo singen über zwei, drei tolle Autos, die sie angeblich besitzen. Und abends gehen sie nach Hause in ihre Einzimmerwohnung und haben für einen Monat kaum etwas zu essen. Ich verstehe das nicht. Warum über Autos singen, die man nicht hat?“, meint der Bassist der Rockband „The Freelancers“ ratlos. Die Texte der kosovarischen Hip-Hopper handeln, ähnlich wie die der serbischen Turbofolk-Stars, von großen Brüsten und aufgemotzten Autos. Es ist die Musik, mit der man hier vor der Realität flieht.

„Das ist kein Hip-Hop, sondern Fake-Hop“, sagt Tomor, der Sänger der Freelancers. „Das ist Make-up für die Mächtigen.“ Er singt lieber über die Wirklichkeit im Kosovo. Und die sieht für viele nicht sehr vielversprechend aus. Zwar wurden seit dem Ende des Krieges gegen die serbische Herrschaft 1999 große Fortschritte gemacht. Und mit der Unabhängigkeitserklärung 2008 erhielt der Kosovo staatliche Eigenständigkeit, die mittlerweile von fast 80 Ländern, darunter die USA und die meisten EU-Staaten, anerkannt wird. Doch die Einkommen sind niedrig und die Arbeitslosenquote liegt je nach Berechnung zwischen 40 und 60 Prozent. Jedes Jahr drängen mehr Menschen auf den Arbeitsmarkt, vor allem junge Leute. Mehr als die Hälfte der Einwohner ist unter dreißig Jahre alt.

Trotz der wirtschaftlichen Probleme sind die Cafés der Kosovo-Hauptstadt Prishtina voll. Jugendliche unterhalten sich, lachen, wirken nicht anders als Gleichaltrige in Wien. Im Fernsehen schauen sie US-Sitcoms. Ihre Lieblingsbands sind Muse, Bloc Party oder die Foo Fighters. Durch das Internet bekommen sie jeden Trend mit, den auch Kids in den USA und der EU durchmachen. Man sieht ihnen nicht an, dass sie oft nur einen Euro in der Tasche haben, den sie mit Bedacht ausgeben. „Weil wir kein Geld haben, trinken wir oft vier Stunden lang an einem Espresso“, erzählt ein junger Musiker. Die Cafés sind der einzige Ort, an dem die Jugendlichen einander treffen können, denn es gibt so gut wie keine Jugendzentren oder Ähnliches.

Nicht nur die Freelancers sprechen in ihren Songs an, was im jüngsten Staat Europas schiefläuft, sondern auch andere Rockbands wie Jericho, Troja und Pink Metal. Einfach ist es jedoch nicht, in die eigene Band zu investieren – auch nicht für die Freelancers, obwohl sie zu den besten Rockmusikern im Kosovo zählen. Studioaufnahmen sind auch im Kosovo sehr teuer, und es ist schwierig, das Geld dafür aufzubringen.

Der Rapper als Minister. Prishtinas einflussreichster Ex-Musiker ist Memli Krasniqi, einst Mitglied des Rap-Duos „Ritmi i Rrugës“ („Rhythmus der Straße“). Premier Hashim Thaçi holte ihn 2006 in seine „Demokratische Partei des Kosovo“. Heute trägt Krasniqi Anzug und Krawatte, sieht nicht mehr aus wie ein Musiker, der im Kapuzenpulli auf der Straße gegen Missstände angerappt hat. „Ich habe damals genauso Politik gemacht wie heute, nur eben mit anderen Mitteln“, erklärt Krasniqi.

Er weiß, dass Arbeitslosigkeit für die Jugend ein großes Problem darstellt und gibt zu, dass die Regierung weit davon entfernt ist, eine Lösung dafür zu finden. Der Staat sei aber für die Schaffung neuer Arbeitsplätze gar nicht zuständig. „Was wir tun können ist, eine wirtschaftsfreundliche Umgebung zu schaffen. Dann siedeln sich Firmen an, und das bringt Arbeitsplätze.“ Stolz zeigt er sich darüber, dass sein Ministerium viele Musikprojekte fördere. „Wenn junge Bands im Ausland touren, übernehmen wir die Reisekosten“, sagt Krasniqi.

„Das ist nicht wahr. Die Regierung macht gar nichts für die Szene hier“, kontert Kreshnik, Bassist der Freelancers. „Ich bin sicher, Krasniqi hat keine Ahnung, wer wir sind.“ Kennt Krasniqi die Freelancers? „Ich glaube, ich habe den Namen schon einmal gehört“, sagt der Kulturminister. „In der Rockszene kenne ich mich nicht gut aus, das ist nicht meine Musikrichtung.“

Dass die Freelancers mit Krasniqi schon allein politisch nicht viel anfangen können, liegt auf der Hand. Die Band steht der Oppositionsbewegung „Vetëvendosje“ (Selbstbestimmung) nahe. Im Westen hat die Partei den Ruf, nationalistisch zu sein: Denn „Vetëvendosje“ tritt dafür ein, dass sich der Kosovo zumindest theoretisch Albanien anschließen darf, wenn seine Bevölkerung dies wünsche. Und die Partei kritisiert die „Bevormundung“ des Kosovo durch die internationalen Organisationen im Lande. Diese überwachen, ob der junge Staat die Vorgaben einhält, die das „Lösungspapier“ von Martti Ahtisaari aus dem Jahr 2007 vorsieht. Der Plan hatte den Weg des Kosovo in die Unabhängigkeit geebnet.

Das Geheimnis des Erfolges von „Vetëvendosje“ liegt aber woanders: Ihr Chef Albin Kurti gilt als einer der wenigen nicht korrupten Politiker. „Albin war früher so wie wir jetzt. Ich habe mal mit ihm ein Bier getrunken. Das kann man mit Minister Krasniqi nicht. Der hört uns gar nicht“, sagt Kreshnik. Neben den Freelancers sympathisieren noch andere Rockbands und kritische Künstler mit „Vetëvendosje“.

Einer von ihnen ist Fisnik Ismaili. Bilder seines zumindest physisch größten Kunstwerkes gingen vor drei Jahren um die ganze Welt: Es ist eine riesige Schriftskulptur, die die Worte „New Born“ darstellt. Sie wurde 2008 anlässlich der Unabhängigkeitserklärung aufgestellt. Mit ihren drei Metern Höhe, 22 Metern Länge und einem Gewicht von neun Tonnen ist die Stahlskulptur ein eindrucksvolles Symbol der Hoffnung. „Eigentlich hätte sie jedes Jahr in einer anderen Farbe gestrichen werden sollen“, erklärt Ismaili. „Aber dann hatte ich Meinungsverschiedenheiten mit der Regierung. Seitdem ist sie eben gelb.“

Meet the Pimpsons. Gelb ist auch eines seiner anderen Projekte – „The Pimpsons“. Die Pimpsons sind eine politische Persiflage, die mit den gelb gesichtigen Figuren der Zeichentrickserie „The Simpsons“ arbeitet. Ismaili sah gerade ein Fußballmatch im Fernsehen, als dieses wegen einer Nachrichtensendung unterbrochen wurde: Die politischen Spitzen des Kosovo hatten gerade beschlossen, eine Präsidentschaftskandidatin aufzustellen, die bisher wenig bekannt war. Und der US-Botschafter im Kosovo, Christopher Dell, hatte dabei die Fäden gezogen.

Ismaili widerstrebte es, wie diese Entscheidung getroffen worden war. Und plötzlich bemerkte er eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Dell und dem dicken Comicbuchverkäufer aus den Simpsons. „Nach und nach fand ich für die meisten Regierungsmitglieder eine passende Figur. Der Premier ist zum Beispiel Rainier Wolfcastle.“

Ismaili veröffentlicht seine Pimpson-Comic-Episoden auf Facebook. Jede Episode macht sich über einen anderen Missstand lustig. Die Facebook-Seite hat über 16.000 Fans. „Vieles läuft hier schief“, sagt der Künstler. „Regierungsmitglieder fahren in ihren großen Autos durch die Stadt, in der die meisten Leute weniger als nichts haben.“

Direkt hinter dem Regierungsgebäude in Prishtina versteckt sich ein kleines Café, das zugleich Buchhandlung ist. Das „dit' e nat'“ ist ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche. An den Wänden stehen deckenhohe Bücherregale. Hinter der Theke hängt ein Bob- Dylan-Poster. Es ist das Lieblingscafé von Besa Luci, der Chefredakteurin des Jugendmagazins „Kosovo 2.0“.

„Ein befreundeter Fotograf und ich haben uns Gedanken darüber gemacht, wie man den Kosovo aus seiner Isolation herausholen könnte. Wir wollten ihn für die Welt zugänglicher machen“, erklärt Besa. Im Sommer vergangenen Jahres ging die Website kosovotwopointzero.com erstmals online. Anfangs waren es nur ein paar junge Leute, die regelmäßig zu Themen bloggten, die sie bewegten. Mit der wachsenden Zahl der Mitarbeiter nahm auch die Vielfalt an Ideen zu. „Wir haben öfter Artikel online, die ich persönlich nicht so unterschreiben würde. Solange sie aber gut geschrieben sind und die Autoren ihre Meinung argumentieren können, veröffentlichen wir sie“, sagt Besa.

Mit Humor gegen die Mächtigen. Seit Juli 2011 gibt es „Kosovo 2.0“ auch als gedrucktes Heft. Humoristisch, aber kritisch wagt sich das Magazin an Themen heran, die für die Jugend relevant sind. So schmückt etwa eine Bilderstrecke über die protzigen Autos von Politikern die ersten Seiten. „Der nächste Schritt wird die Entwicklung einer iPad-Version sein“, sagt Besa.

„Kosovo 2.0“ erscheint in drei Sprachen: Albanisch, Serbisch, Englisch. „Es war uns wichtig, dass Leute von überall mitmachen können, deshalb die englische Übersetzung. Und Serbisch ist hier eine der offiziellen Sprachen“, sagt Besa. „Es ist eine gute Methode, Menschen auf der ganzen Welt vor Augen zu führen, dass sie Gemeinsamkeiten haben. Wir wollten zeigen, dass junge Leute einfach junge Leute sind, egal, woher sie kommen.“

Das Magazin
wagt sich mit Humor, aber kritisch an Themen heran, die für die Jugendlichen des Kosovo wichtig sind. Es erscheint auf Albanisch, Serbisch und Englisch. Als gedrucktes Heft gibt es „Kosovo 2.0“ seit Juli 2011, als Online-magazin seit Sommer vergangenen Jahres.

www.kosovotwopointzero.com


Teresa Reiter
ging als eine Siegerin der Aktion „Reporter 11-Ost“ hervor, bei der die „Presse“ jungen Journalisten hilft, ihre Reportage-Ideen in die Tat umzusetzen.

Gemeinsam mit „Presse“-AußenpolitikredakteurWieland Schneider
war sie zwei Wochen in Serbien und im Kosovo unterwegs.

Das Projekt findet in Kooperation mit der Erste Stiftung, Nokia und FM4 statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2011)

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9 Kommentare

naja...

dieser artikel verherrlicht den alltag im kosovo. zwar mögen unter umständen jugendliche den westlichen lebensstil in cafes praktizieren,doch sobald sie wieder bei ihren familien sind wird wieder zwangsverheiratet,misshandelt uvm
mal abgesehen von der arbeitslosigkeit,der korruption und dem organisierten verbrechen
nein zum kosovo!

Gast: ABDULLAH
15.08.2011 00:28
3

Solange Zehntausende Kosovaren

in Österreich,Deutschland u.s.w für`s nichtstun bezahlt werden,werden sie niemals das so erkämpfte Kosovo aufbauen können!

Kosovo ist eher ein Umschlagplatz für Drogendealer,die von dort aus ihre Ware nach
Westeuropa bringen,und von ihren Landsmännern verteilt werden!

Gast: wienbleibtwien
14.08.2011 09:52
4

wem interessiert das,

hauptsache, sie schmarotzen nicht bei uns herum

Antworten Gast: lidhja e prizrenit
14.08.2011 21:23
0

Re: wem interessiert das,

sie sind sicher einer mit viel niveau haha ^^

Re: Re: wem interessiert das,

neidisch auf uns ° °

Gast: lidhja e prizrenit
14.08.2011 01:11
1

sehr guter artikel

ich möchte der presse gratulieren, ein wirklich sehr guter artikel !

Gast: GentoS1
13.08.2011 23:15
0

Kosovarisch vs. Vetevendosje( Albanisch )

Tschuldigung, aber der Titel passt nicht direkt dazu.

Die Vetevendosje setzt sich für die albanische Bevölkerung des Kosovo ein - für die Kultur und Traditionen. Für soziale und "menschliche" Werte.

Wie lange, hat die Vetevendosje schon einen Importstopp für Waren aus Serbien gefordert...

Re: Kosovarisch vs. Vetevendosje( Albanisch )

und das embargo hat dem kosovo natürlich seeeehr gebracht...

Gast: Konstantin I.
13.08.2011 19:51
1

"Kosovarisch" vs. Selbstbestimmung (Vetevendosje)

Endlich fokussieren sich Kommentare rund um das Thema Kosova auf die alltäglichen Probleme der Bürger dieses Landes. Grundsätzlich ist das einer der richtigen Ansatzpunkte, die Probleme, die ihre Wurzeln in der Fremdherrschaft dieses doch noch sehr infrastrukturell kolonialistisch geprägtes Konstrukt "Kosovo", zu benennen.
Nur sollte man bei der selektiven Wahrnehmung bezüglich der Darstellung der "Realität" in diesem Land immer vor Augen halten, dass die Menschen dort nicht weniger Rechte haben sollten als ein Wiener Bürger im österreichischen Staat. Worauf will ich hinaus?
Die Menschen dieses Landes sollten das Recht haben, vor allem in Europa seit Woodrow Wilson, selbst zu bestimmen, ob sie "Kosovaren" werden wollen, oder als Albaner die gewaltsame Teilung Albaniens zu revidieren. Deutschland, Frankreich, Italien und fast alle anderen europäischen Staaten genießen das Recht der Selbstbestimmung. Doch deswegen sind sie nicht weniger "nationalistisch" als die Bewegung "VETEVENDOSJE!", die lediglich Selbstbestimmung fordert!

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