Meidlinger Markt: Alles, nur kein zweiter Naschmarkt

Das wenig aufregende Grätzel hat einen kleinen Aufschwung erlebt: Wie eine engagierte Initiative und ein paar mutige Standler den bis dato unscheinbaren Markt beleben.

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Meidlinger Markt – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Schuld an allem, da ist man sich hier im Grätzel einig, ist der junge Mann, der hier jeden Vormittag auf seinem Longboard über den Markt fährt, um seine Einkäufe zu erledigen. Gut zwei Jahre ist es her, da hat Christian Chvosta, ungeplant und per Zufall, hier auf dem Meidlinger Markt einen Kebabstand übernommen. Und daraus sein Lokal namens Milchbart gemacht. Urbane Küche (Burger am Donnerstag, sonst nimmt er gern über Facebook Kochvorschläge entgegen), Retromöbel, Fritz-Cola, ein bisschen Berlin, ein wenig Wien Neubau: Kurz: Ein Lokal, das so gar nicht hierher passt, auf den verschlafenen und nicht ausgeprägt charmanten Vorstadtmarkt.

Ein Lokal, das dem Markt gefehlt hat. Denn durch den Stand mit dem coolen Namen und dem entspannten Wirt hat der gesamte Markt binnen Kurzem einen Aufschwung erlebt, mit dem so niemand gerechnet hat. Vor einigen Monaten ist mit dem knallvioletten „Purple Eat“-Stand ein Lokal dazugekommen, das weit über die Grenzen des zwölften Bezirks strahlt: Hier kochen Asylwerber Gerichte aus ihren Heimatländern. Unternehmen (Weingut Heinrich etc.) spenden Getränke und Zutaten, Prominente (Daniel Glattauer, Thomas Maurer) helfen ab und zu mit.

Vor Kurzem hat zudem vis-à-vis vom Lokal Milchbart auf dem kleinen Platz, auf dem donnerstags und freitags die Flohmarkt-Standler Geschirr und Möbel verscherbeln, das „Anna am Meidlinger Markt“ im ehemaligen Stand der Manufaktur Lederhaas eröffnet.

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(C) DiePresse

Wurstsemmel und Kaffee

Da „Naturkosmetika allein für den Markt nicht genug waren“, verkauft Anna Putz hier nun hochwertige Lebensmittel und kultiviert insbesondere die Extrawurstsemmel in der De-luxe-Version. Kaffee serviert sie auch, der Fokus liege aber auf dem Handel. „Auf den Markt geht man, um einzukaufen“, sagt sie und winkt Chvosta zu, der eben mit einem Korb Kartoffeln auf dem Longboard vorbeirollt.

Dörflich ist es hier, keine Frage, und intim. Und doch, sagt Chvosta, „macht hier jeder sein Ding. Es ist so wahnsinnig entspannt. Wenn ich einmal nicht pünktlich aufsperre, nimmt mir das niemand übel“, sagt er. „Auf dem Naschmarkt wäre das undenkbar.“

Auf den Naschmarkt ist man hier sowieso nicht so gut zu sprechen. Zu touristisch, zu voll, zu hektisch. Davon ist der Meidlinger Markt trotz der Neuzugänge ohnehin weit entfernt: Denn hinter dem Platz, den sich das Milchbart und das Anna teilen, ist er so, wie er immer schon war: Beisl der rustikalen Sorte, in deren Gastgärten schon am Vormittag Damenrunden vor weißen Spritzern sitzen und Poker spielen. Hier hört man es noch, das „Meidlinger L“. Obst und Gemüse zu moderaten Preisen und – auch darüber ist man sich einig – der beste Fleischer weit und breit, der Nuran. Umrahmt wird der Markt wenig idyllisch von Wettcafés.

Nein, ein zweiter Nasch- oder Karmelitermarkt zeichnet sich hier nicht ab. Das Lokal Milchbart habe aber, sagt Alexander Hengl, Sprecher des Marktamts, „den ganzen Markt mitgerissen. Er war bis dahin zwar nicht unser größtes Sorgenkind, aber er ist vor sich hin gedämmert.“ 14.000 Passanten zählt man derzeit auf dem Meidlinger Markt in einer Woche. 2011 waren es 11.050. Und „3000 Besucher mehr machen auf einem so kleinen Markt einen Wahnsinnsunterschied,“ sagt Hengl. Da der Markt so gut funktioniert, wurde kürzlich die Sperrstunde nach hinten verlegt: Die Lokale dürfen, vorerst im Testbetrieb, bis 23 Uhr offen halten.

Beteiligt an dem Aufschwung ist auch die Gruppe „Wir sind 12!“, die den Markt mit Veranstaltungen – Tai-Chi-Kursen, Musikprogramm – belebt. „Wir haben gemerkt, dass es hier ein großes Bedürfnis nach Austausch und Nachbarschaft gibt“, sagt Norbert Pauser, einer der Initiatoren. An den Aktionen beteiligten sich, sagt er, so gut wie alle Standler und viele Grätzelbewohner. Was noch nicht gelungen sei: die türkischen, serbischen und kroatischen Communitys, die hier stark vertreten sind, anzusprechen. „Das ist mehr ein friedliches Miteinander, aber keine Inklusion.“

Wie es weitergeht? Pauser hofft, dass dem Markt die „Bobofizierung“ à la Karmelitermarkt erspart bleibt. Chvosta ist sich da nicht so sicher. „Ich weiß nicht, was genau hier passieren wird“, sagt er, „aber es wird noch viel passieren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2014)

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