Blaues X als späte Ehre für Deserteure

Das Deserteursdenkmal auf dem Wiener Ballhausplatz, eine dreistufige Treppenskulptur, wurde offiziell enthüllt.

Das Deserteursdenkmal am Ballhausplatz in Wien ist das erste seiner Art in Österreich.
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Das Deserteursdenkmal am Ballhausplatz in Wien ist das erste seiner Art in Österreich.
Das Deserteursdenkmal am Ballhausplatz in Wien ist das erste seiner Art in Österreich. – Clemens Fabry / Die Presse

Wien. Wehrmachtsdeserteure seien keine Opfer, sondern „Täter im positiven Sinn“ gewesen – schließlich hätten sie ganz bewusst eine Entscheidung getroffen und die Folgen in Kauf genommen. Daher wünsche er sich, dass die Zivilbevölkerung den Ballhausplatz, wo am Freitag das Wiener Deserteursdenkmal enthüllt wurde, künftig als einen Ort versteht, „an dem sie aktiv werden, Haltung zeigen und sich kompromisslos mit ihrer Vergangenheit beschäftigen kann“, sagt Olaf Nicolai. Der in Deutschland geborene Künstler entwarf die begehbare dreistufige Treppenskulptur in blauem Grundton, die ein zehn mal neun Meter großes liegendes X darstellt.

In die Oberfläche wurde eine Inschrift eingelassen, die aus den Worten „all“ und „alone“ besteht und ein Gedicht des schottischen Lyrikers Ian Hamilton Finlay zitiert. Der in Schreibmaschinentypografie gehaltene Text verweist auf die Frage, wie man sich als Einzelner in der Gesellschaft verhält, wenn man nicht deren Meinung teilt, so Nicolai. Das X stehe als „Zeichen der Anonymisierung, der der Einzelne unterworfen ist und die ihn zum Zeichen in einer Liste, zum X in einer Akte werden lässt“.

Deserteursdenkmal: Treppenskulptur als späte Ehre

Festakt mit Heinz Fischer

An dem Festakt, nahm auch Bundespräsident Heinz Fischer teil. Die Festrede hielt die Autorin Kathrin Röggla. Zu Wort kam aber auch Richard Wadani, einer der wenigen noch lebenden Wehrmachtsdeserteure, der mit dem Personenkomitee „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“ jahrelang für das Denkmal gekämpft hat.

Die Realisierung des Mahnmals an die Opfer der NS-Militärjustiz hat die rot-grüne Stadtregierung bereits in ihrem Koalitionspapier verankert. Als Gesamtbudget wurden 245.000 Euro festgelegt. Die konkrete Ausgestaltung steht seit Juni 2013 fest, als Nicolai die entsprechende Ausschreibung gewonnen hat – obwohl der 52-Jährige gar kein Geheimnis daraus macht, Denkmälern grundsätzlich kritisch gegenüberzustehen.

Wenn es um Gedenken geht, seien Mahnmäler oft gar nicht hilfreich, weil sie eine gewisse Interpretation darstellten, nach der man sich verhalten müsse. „Mit diesem Denkmal hingegen wollte ich etwas Lebendigeres im Umgang mit der Vergangenheit schaffen, das keine ehrfurchtsvolle Distanz nahelegt, sondern von den Menschen angenommen wird.“ Das Mahnmal ist das erste seiner Art in Österreich, während es in Deutschland bereits zahlreiche Deserteursdenkmäler gibt. „Aber auch in Deutschland dauerte es 50 Jahre, bis man sich mit diesem Thema ernsthaft auseinandersetzte“, sagt der deutsche Historiker Magnus Koch, der bei der Entwicklung des Wiener Denkmals beteiligt war und Mitglied des Komitees „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“ ist.

Er ist nicht der Meinung, dass Deutschland in diesem Punkt Österreich weit voraus ist. „Ich sehe sogar viele Parallelen zwischen den Ländern. Beispielsweise haben sich beide lange als Opfer des NS-Regimes gesehen“, so Koch. „Die Deutschen waren mit Deserteursdenkmälern zwar zehn, 15 Jahre früher dran, aber an einem zentralen, bedeutenden Platz in Berlin vergleichbar mit dem Ballhausplatz in Wien gibt es noch keines.“ Einen geeigneteren Standort als den Ballhausplatz könne er sich gar nicht vorstellen. Mit dieser Wahl seien alle Voraussetzungen erfüllt, „damit über dieses Denkmal kontroversiell gesprochen wird und es nicht schon bald in Vergessenheit gerät“.

Das Deserteursdenkmal soll im Übrigen nur den Anfang bilden. Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) zufolge sind in den nächsten Jahren Denkmäler für die Opfer der Februarkämpfe 1934 und die Homosexuellen geplant, die vom NS-Regime verfolgt und getötet wurden.
Bereits fix ist hingegen ein Denkmal für die Vorarlberger Deserteure und Wehrdienstverweigerer der NS-Zeit, das im Sommer 2015 in Bregenz präsentiert werden soll. Für das Projekt stehen 90.000 Euro von Land, Stadt Bregenz und Gemeindeverband zur Verfügung.

Pauschale Rehabilitation

In Österreich sind Wehrmachtsdeserteure mittlerweile vollständig rehabilitiert. Das entsprechende Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz trat mit 1. Dezember 2009 in Kraft. Die Regelung umfasste pauschal alle Deserteure im Zweiten Weltkrieg. Die Prüfung von Einzelfällen wurde damit hinfällig. Die NS-Militärjustiz verhängte während des Zweiten Weltkriegs mehr als 30.000 Todesurteile, wovon die meisten gegen Deserteure ergingen.

 

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