Indien: Wo Frauen fast nichts wert sind

31.12.2012 | 15:36 |  von Doris Kraus (Die Presse)

Der Tod des 23-jährigen Vergewaltigungsopfers könnte die Lage von Indiens Frauen mittelfristig zum Besseren ändern. Derzeit zählen sie in der patriarchalischen Gesellschaft des Subkontinents nicht sehr viel.

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Wien/Neu-Delhi/Singapur. Sie hatte einen Namen, doch den soll die Welt (noch) nicht erfahren. Stattdessen nennt man sie „Löwenherz“ und die „Furchtlose“: Ganz Indien trauert um die am Samstag verstorbene 23-jährige Studentin, die am 16. Dezember Opfer einer Massenvergewaltigung in einem Bus in Neu-Delhi wurde. Die Anklage gegen die sechs Täter wurde in Mord umgewandelt, ihnen könnte die Todesstrafe drohen. Die Studentin wurde gestern, Sonntag, eingeäschert. Danach traf ihre Familie mit Premierminister Manmohan Singh und Sonia Gandhi, der Chefin der regierenden Kongresspartei, zusammen.

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Das tragische Schicksal der 23-Jährigen, die im Februar heiraten wollte, könnte für Indiens Frauen allerdings auch positive Auswirkungen haben, wirft es doch ein weltweites Schlaglicht auf ein Land, dem vor Kurzem bescheinigt wurde, unter den G20-Ländern der schlimmste Ort für Frauen zu sein. Trust Law, ein Nachrichtendienst der Thomson-Reuters-Foundation, belegte mit Zahlen, was sonst nur Gegenstand schauriger Erzählungen ist: dass Frauen in Indiens Gesellschaft nach wie vor nicht viel wert sind. Weder will man eine Frau sein, noch will man als solche geboren werden. So sollen in den letzten 30Jahren zwölf Millionen weibliche Föten abgetrieben worden sein.

Diese Praxis hat nicht zuletzt mit den Eheregeln zu tun, bei denen die Familie der Braut eine möglichst hohe Mitgift mitgeben muss. Ist die Eheschließung allerdings erfolgt, haben viele junge Ehefrauen ihre Schuldigkeit getan und werden, nach Übergabe der Brautzahlung, von ihrer neuen Familie in sklavenähnlichen Zuständen gehalten.

Vergewaltigungen sind in Indien nicht nur in der Ehe an der Tagesordnung. Die Hauptstadt Neu-Delhi, Schauplatz des brutalen Übergriffs auf die 23-jährige Studentin, ist dabei die Hochburg der sexuellen Gewalt gegen Frauen. Alle 18 Stunden wird eine Vergewaltigung gemeldet, im gesamten Land stieg die Zahl der schweren Sexualdelikte zwischen 2007 und 2011 um 17 Prozent. 94 Prozent der Opfer kannten ihre Peiniger.

 

Behörden im besten Fall säumig

Damit ist es aber noch nicht getan. Frauen, die in Indien Sexualvergehen bei den Behörden anzeigen, erzählen ebenfalls schreckliche Geschichten. Dass ihr Fall nicht weiterverfolgt wird, ist offensichtlich noch der harmloseste Ausgang. Eine Frau wurde nach der Anzeige in der Polizeistation gleich noch einmal vergewaltigt. Ein Mädchen wurde gezwungen, ihren Vergewaltiger zu heiraten, um die Ehre seiner Familie wiederherzustellen. Sie beging anschließend Selbstmord.

„Milde“ sexuelle Übergriffe sind in Indien aber jedenfalls Teil des Alltags. Die deutsche Nachrichtenagentur DPA berichtete von einer Talkshow, bei der die Moderatorin das Publikum fragte, wer schon einmal in einem öffentlichen Verkehrsmittel begrapscht worden sei. Alle anwesenden Frauen zeigten auf. Gemeldet hatte den Übergriff allerdings nur eine einzige.

Die Massenproteste, die auch gestern, Sonntag, weitergingen, wenn auch ohne gewalttätige Zwischenfälle, kommen daher nicht von ungefähr. Ob sie für Indiens Frauen einen Wendepunkt bringen werden, ist allerdings schwer abzuschätzen.

Die indische Gesellschaft ist eine zutiefst patriarchalische, die den Problemen von Frauen keine besondere Aufmerksamkeit widmet. Das zeigte sich auch darin, dass Premierminister Singh eine Woche gebraucht hatte, bis er sich zu einem Statement zu dem Fall aufraffte.

 

Todesstrafe bei Vergewaltigung?

Dann allerdings ging es Schlag auf Schlag. Politiker aller Parteien betonten, dass sich so ein Fall nicht wiederholen dürfe. Eine Kommission untersucht nun, ob bei besonders schweren Vergewaltigungen auch die Todesstrafe verhängt werden könnte. Außerdem sollen Vergewaltiger nicht mehr auf Kaution freikommen und schneller vor Gericht gestellt werden. Diese Maßnahmen glaubwürdig umzusetzen wird allerdings nicht ganz leicht werden. Zumindest nicht in einem Land, in dem laut BBC sechs Abgeordnete schon einmal der Vergewaltigung beschuldigt wurden.

Auf einen Blick

Die 23-jährige Studentin, die am 16. Dezember Opfer einer Massenvergewaltigung in Neu-Delhi wurde, ist am Samstag gestorben und wurde gestern, Sonntag, im Beisein ihrer Familie eingeäschert. Die indische Politik will jetzt die Situation von Frauen verbessern, in erster Linie ihre Sicherheit. Vor allem Neu-Delhi gilt als Hochburg schwerer Sexualdelikte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2012)

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