Algerien: Tödliches Finale des Geiseldramas

19.01.2013 | 20:38 |  von Michael Laczynski und Jürgen Streihammer (Die Presse)

Nachdem am Donnerstag der erste Versuch nur teilweise erfolgreich war, starteten die Sicherheitskräfte am Sonntag einen finalen Angriff. Für Christoph Z. ist das Geiseldrama überstanden.

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Das Geiseldrama auf dem algerischen Gasfeld in Amenas hat am Samstag mit einem Blutbad geendet. Der Niederösterreicher Christoph Z. hatte es schon am Freitag unversehrt überstanden. Der 36-jährige Zwettler befand sich am Samstag in der US-Militärbasis Ramstein in Westdeutschland und wurde vom österreichischen Konsul betreut, der aus Luxemburg ins benachbarte Rheinland-Pfalz gereist war.

Wann der Mitarbeiter des Ölkonzerns BP nach Österreich weiterreisen würde, war zunächst nicht klar. Auch zu den Details seiner Befreiung gab es keine Angaben. Nur soviel: Der Absolvent der Montanuniversität Leoben dürfte sich in der Förderanlage vor den islamistischen Entführern versteckt haben. „Man kann sich vorstellen, was das für eine Erleichterung war. Für mich ist das Wichtigste, dass er lebt", sagte sein Vater, der im Urlaub von der Geiselnahme in Algerien erfuhr, zur „Presse".

Z. hatte Glück - denn bei ihrem Versuch, die Geiseln in der knapp 100 Kilometer von der libyschen Grenze entfernten Industrieanlage zu befreien, ging die algerische Armee ohne Rücksicht auf Verluste vor. Nachdem am Donnerstag der erste Versuch, bei dem auch Kampfhubschrauber eingesetzt wurden, nur teilweise erfolgreich war, starteten die Sicherheitskräfte am Samstag einen finalen Angriff auf die verbliebenen Terroristen, die sich mit ihren Opfern in einem Teil der Gasanlage verschanzt und das Gelände vermint hatten.

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Alle Terroristen starben. Nach Berichten der algerischen Nachrichtenagentur APS wurden dabei alle Islamisten getötet. Sie sollen zuvor sieben weitere Geiseln umgebracht haben. Insgesamt starben nach Regierungsangaben in den vergangenen vier Tagen 32 Entführer und 23 Geiseln. Den algerischen Sicherheitskräften sei es aber gelungen, 685 algerische Angestellte der Anlage zu befreien sowie 107 Ausländer.

Der Sturmangriff algerischer Soldaten vom Samstag habe dem Drama ein Ende gesetzt, sagte der britische Verteidigungsminister Philip Hammond bei einer Pressekonferenz mit seinem US-Kollegen Leon Panetta. Dass es Todesopfer gegeben habe, sei „entsetzlich und unannehmbar", liege aber in der „alleinigen Verantwortung der Terroristen". Frankreichs Präsident François Hollande verurteilte den Tod der Geiseln am Samstag als feigen Mord.

Die algerische Armee verteidigte ihr Vorgehen. „Der Einsatz ist die Antwort auf eine Entscheidung der Terroristen gewesen, alle Geiseln zu töten und ein wahres Massaker anzurichten", zitierte die Tageszeitung El-Khabar einen Armeesprecher.

Von langer Hand geplant. Hinter der Aktion, die offenbar von langer Hand geplant war, steht das Kommando „Die mit dem Blut unterschreiben" des Jihadisten Mokhtar Belmokhtar. Die Extremisten, die mit dem Terrornetzwerk al-Qaida in Verbindung stehen, haben sich nach eigenen Angaben monatelang auf ihren Einsatz vorbereitet. Am Mittwoch schlugen sie zu: Nachdem sie zuerst einen von Sicherheitskräften begleiteten Bus, der Richtung Flughafen unterwegs war, beschossen hatten, brachten die Angreifer die Gasanlage unter ihre Kontrolle. Sie durchsuchten den Wohnblock nach Ausländern und brachten ihre Gefangenen in das Freizeitgebäude des Werks. Doch offenbar hatten sie nicht mit einem Angriff der algerischen Streitkräfte gerechnet.

Der Hubschraubereinsatz am Donnerstag löste ein Chaos aus, bei dem hunderte Geiseln flüchten konnten.
Aber nicht nur Christoph Z. ist es gelungen, sich vor den Terroristen zu verstecken. Auch der Franzose Alexandre Berceaux konnte unentdeckt bleiben. „Ich habe mich fast 40 Stunden in meinem Zimmer unter dem Bett versteckt. Ich hatte etwas Verpflegung und wusste nicht, wie lange es dauern würde", sagte der Mitarbeiter der Cateringfirma CIS dem Sender Europe 1. Während der Geiselnahme sei „in Abständen viel geschossen worden". Dass die Terroristen in die Gasanlage eindringen konnten, sei für ihn ein Schock gewesen. „Niemand hat damit gerechnet. Die Anlage war geschützt, es waren Militärs vor Ort."

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2013)

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18 Kommentare

Geiselnahme = Verbrechen und da ...

ist Militär überfordert; Polizeiarbeit soll nicht von Truppen ausgeführt werden!

Landnahme (Okkupation) und Sicherung von Rohstoffen hat einen Preis!

Mokhtar Belmokhtar

war mit seinem Geschäftsmodell bereits viel zu lange erfolgreich. Erst die algerische Regierung hat dem jetzt ein Ende gesetzt, zu spät. Das Nachgeben der vorher erpressten hat jetzt viele das Leben gekostet.

Re: Mokhtar Belmokhtar

Das ist leider immer ein Faktum unserer Gutmenschgesellschaft. Es muss doch ohne Blut gehen; nur, wenn die andere Seite das so nicht sehen will, sondern nur auf suizidale Machtausübung, dann ziehen Gutmenschen immer den Kürzeren, oder sie stellen ihre Meinung um. Hätten die Briten 1938 die Impeasement - politik weiter verfolgt, wir wären heute alle im KZ und längst tot, wir "Gutmenschen".....

Der Schärdinger

Bei uns würde eine Endlosdebatte losbrechen, wie man den Terroristen helfen könnte.

"Gasfeld befreit, 55 Menschen tot"

Der Spiegel titelt treffend.

tragisch aber logisch

für die geiseln ist es immer tragisch, aber religiösen fanatikern ist mit vernuft und zugeständnissen nicht bei zu kommen. es ist daher nur logisch dass die geiselnehmer, wenn nicht anders möglich, getötet werden müssen. es ist dies aus westlich aufgeklärter sicht ein horror, aber diese islamistischen gottesstaatkrieger leben offensichtlich in einer geistig völlig isolierten steinzeitwelt.

Re: tragisch aber logisch

Da stimme ich zu 100% zu. Um einen berühmten Philosophen zu zitieren: "Im Namen der Toleranz müssen wir uns die Freiheit nehmen, die Intoleranz nicht zu tolerieren." Deshalb: mit aller Härte gegen Terroristen!

22 0

Es ist entsetzlich, aber Terror wird durch Gegenterror gebrochen.

Terroristen gehen in ihrem "Kampf" gegen mit voller Absicht gegen alle Regeln der Fairness, der Ehre und des Anstandes vor. Das Entsetzliche daran ist, dass auch ihre Bekämpfer oft gezwungen sind, nach diesen ihnen aufgezwungenen Regeln zu reagieren.
D. h. es gilt der Satz "Terror bricht man durch Gegenterror".
In Afghanistan nahmen die Russen, sobald sie erfuhren, dass jemand von ihren Leuten als Geiseln entführt wurde, einfach etliche Verwandte der Geiselnehmer gefangen. Das war sehr wirksam, die russischen Geiseln waren innerhalb kurzer Zeit wieder frei.

Re: Es ist entsetzlich, aber Terror wird durch Gegenterror gebrochen.

sehe ich genauso, Terroristen, deren "Angehörige" und Unterstützer gehören gleichbehandelt

Mit Terroristen verhandelt man nicht.

Gut so. Die westlichen Regierungen hätten Lösegeld angeboten und so die Terroristen zu weiteren Entführungen motiviert.

Die wissen wie man mit Terrorristen umgeht


bei uns bekommen sie eine Wohnung und Sozialhilfe.

Eine Geiselnahme in einem Militärstaat

wird wohl weltweit so enden. Es gibt einzig und alleine ein Freund / Feind denken und die verlockende Möglichkeit eine Terrorgruppe (komplett?) auszuschalten.
Der algerische Bürgerkrieg zwischen Islamisten und der vom Militär bestimmten Regierung hat weit über 100.000 Menschenleben gefordert und war an Grausamkeit kaum zu überbieten. Die sind einiges gewöhnt und fackeln dort nicht lange.
Zudem war die Erstürmung vermutlich den meisten involvierten Ländern recht - die Nachricht an die Terrorgruppen war eindeutig.

4 1

Re: Eine Geiselnahme in einem Militärstaat

Irrtum - auch jeder demokratische Staat - unsere Weicheier mal ausgenommen - hätte gehandelt wie die algerische Regierung, da es keine Alternative gibt.

11 1

Mit Schrecken erfüllt mich der Gedanke wie

unsere Laiendarstellertruppe mit dem Taxler Faygmann an der Spitze eine solche Krise bewältigen würden - wahrscheinlich die Terroristen bewirten und dann mit Handschlag verabschieden (alles hierzulande schon passiert)

9 0

Re: Mit Schrecken erfüllt mich der Gedanke wie

Wo denken Sie hin.

Zuerst eine Einladung zum Opernball, vielleicht Ehrengast bei Lugners. Dann mal ein paar Advokaten engagiert und Dolmetscher, damit sämtliche Sozialleistungen für diese Personen und die nachkommende Familiensippe zur Verfügung stehen.


Re: Re: Mit Schrecken erfüllt mich der Gedanke wie

Zur Ehrenrettung Faymanns, möchte ich schon noch anmerken, er hätte sicher vorher um die Freislassung der Geiseln gebeten.

29 4

Eines sollte man sich vor Augen führen...

Schuld am quasi Desaster hat nicht die algerische Armee, sondern die Islamisten!

Spätesten jetzt sollte sich Europa einmal in Klausur zurück ziehen und den Umgang mit dem Islam neu überdenken. ;-)

Chaos der Regierungen und Medien

Bei den sich widersprechenden algerischen Regierungsangaben kann man sich nur wundern. Das total organisierte Chaos scheint Regie zu führen.
Welch furchtbaren Stunden und Tage gehen damit für Angehörige einher, die vielleicht noch immer einen Funken Hoffnung in sich spüren?

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