Von Innsbruck in den Jihad gegen Assad

26.04.2013 | 16:42 |  von EMRAN FEROZ  (Die Presse)

Drei tschetschenische Flüchtlinge im Alter zwischen 23 und 26 Jahren setzten sich von Tirol nach Syrien ab, um im dortigen Bürgerkrieg auf der Seite der Rebellen zu kämpfen. Zwei von ihnen sind mittlerweile tot.

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[INNSBRUCK] Auch wenn Innenministerin Johanna Mikl-Leitner die Zahl offiziell nicht bestätigen will. Bis zu 60 Personen aus Österreich haben sich auf den Weg in den syrischen Bürgerkrieg gemacht. Das ist den österreichischen Sicherheitsbehörden bewusst ("Die Presse" berichtete).

Nicht bekannt ist dem Innenministerium jedoch ein konkreter Fall in Innsbruck, den „Die Presse" im tschetschenischen Milieu recherchiert hat. Demnach haben sich in den vergangenen Monaten drei tschetschenische Flüchtlinge im Alter zwischen 23 und 26 Jahren nach Syrien abgesetzt, um dort gegen Diktator Bashar al-Assad zu kämpfen. Zwei von ihnen sind mittlerweile gefallen, vom dritten fehlt jede Spur.

Die drei Männer waren allesamt keine österreichischen Staatsbürger. Sie hatten Flüchtlingsstatus. Ihre Familien waren geteilter Meinung über die „Reise" in den Jihad. Manche zeigten Verständnis, andere waren fassungslos. Über den Tod der zwei Burschen sind sie nun sehr traurig.

Ibrahim* floh vor ungefähr zehn Jahren gemeinsam mit seiner Familie aus seiner Heimat Tschetschenien. Sie hatten es satt, in einem Land zu leben, in dem kriegerische Zustände herrschen und Meuchelmorde auf der Tagesordnung stehen. Nach einer langwierigen und nicht ungefährlichen Flucht landete Ibrahims Familie in Österreich. Damals war er noch ein Jugendlicher.

Er wollte an der Uni studieren

In Innsbruck begann er mit seinen Eltern und seinen Geschwistern, eine neue Zukunft aufzubauen. Ibrahim lernte schnell Deutsch und war gut integriert. Oft begleitete er andere tschetschenische Flüchtlinge zu verschiedenen Ämtern, um dort für sie zu übersetzen. Der junge Tschetschene holte nicht nur seinen Schulabschluss nach, sondern arbeitete auch nebenbei, um seine Familie zu unterstützen. Sein Ziel war es, bald an der Universität zu studieren.

Ibrahim wollte den Weg der Bildung einschlagen. Zum gleichen Zeitpunkt begann er sich seiner religiösen Wurzeln zu besinnen. Der Islam hielt ihn davon ab zu rauchen, Alkohol zu trinken oder Drogen zu konsumieren.

In der Innsbrucker Moschee, die mehr einem Hinterhofgebetsraum gleicht, konnte man Ibrahim oft treffen. Dort wurde der syrische Diktator Assad schon längst verteufelt. Der Imam vermischt Politik gern mit Religion und ruft immer wieder auf, für die Menschen in Syrien Geld zu spenden. Manche sind skeptisch, denn sie wissen nicht, wo das Geld hingeht. Ibrahim und viele andere können die meisten Worte des Imams gar nicht verstehen, da dieser ausschließlich Arabisch spricht.

Deshalb spielte Ibrahim oft mit dem Gedanken, eines Tages eine Moschee für Tschetschenen zu eröffnen, damit vor allem seine Landsleute verstehen, was gesagt wird. Allerdings beschäftigte ihn der Konflikt in Syrien zu sehr. Er erinnerte sich an jene Tschetschenen, die einst nach Afghanistan gingen, um das Sowjet-Regime zu bekämpfen. Für ihn und für viele andere ist Bashar al-Assad gar kein Muslim. Genau deshalb muss er bekämpft werden. Die sunnitischen Gelehrten und Politiker, die sich auf die Seite Assads stellen, sind für ihn Heuchler. Auch sie müssen weg.

500 Kämpfer aus Europa

Ibrahim entschloss sich also eines Tages, nach Syrien zu reisen, um zu kämpfen. Zwei seiner Freunde, ebenfalls Tschetschenen, schlossen sich ihm an und brachen ebenfalls auf. „Von heute auf morgen waren sie plötzlich weg", meint einer ihrer Bekannten. Es ist nicht schwierig, nach Syrien zu gelangen. Man muss nur in die Türkei fliegen. Von dort geht es dann weiter nach Syrien. Nahe der Grenze gibt es, ebenso wie in Jordanien, Ausbildungslager für Kämpfer. Sie werden von westlichen, aber auch von arabischen Staaten betrieben. Der Antiterrorkoordinator der EU, Gilles de Kerchove, glaubt, dass mittlerweile 500 Personen aus Europa zum Kämpfen nach Syrien gereist sind. Auch Deutschlands Innenministers Hans-Peter Friedrich hat, anders als seine österreichische Amtskollegin, keine Hemmungen, Zahlen zu nennen. Er geht davon aus, dass sich drei Dutzend deutsche Jihadisten in Syrien tummeln. Tendenz steigend.

Die weithin bekannte „Freie Syrische Armee" ist nur eine von vielen Rebellengruppen, die gegen Assad kämpfen. Die Gruppierungen sind ebenso heterogen wie damals bei den Mudschaheddin im Afghanistan-Krieg. Unter ihnen sind auch terroristische Vereinigungen wie die al-Nusra-Front, die der al-Qaida nahesteht.

Ibrahim rief in unregelmäßigen Abständen seine Familie an. Er habe noch zu kämpfen, sagte er immer. Jetzt meldet er sich nicht mehr. Es war Ibrahims ganz persönlicher Kampf. Von den Medien wird dieser Kampf gern als „Jihad" bezeichnet. Einen wahren Jihad - einen Kampf mit sich selbst - hätte Ibrahim geführt, wenn er sein Uni-Studium angefangen hätte. Seine Waffe wäre sein Verstand gewesen und nicht ein Gewehr.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27. April 2013)

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160 Kommentare
 
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Die Schreiblehrwerkstatt hat wieder einmal geschlampt

Eigentlich ist dieser Artikel, weder was die Ausdrucksweise, noch was Richtigkeit und Objektivität betrifft, gut genug für die Presse.

Wieder einmal hat die Qualitätskontrolle versagt.

Pakistanischer Atomphysiker: "Muslimische Gesellschaften sind kollektiv gescheitert"

http://www.spiegel.de/politik/ausland/interview-mit-dem-pakistanischen-atomphysiker-pervez-hoodbhoy-a-879319.html

asylanten

freiwillig in den kampf - warum sind sie dann "geflüchtet"?

Re: asylanten

Geflüchtet sind ihre Eltern damit die jungen eine Wahl haben...

Auch Mutter der Attentäter auf Terrorliste

http://orf.at/stories/2179047/2179048/
Die radikale Islamistin darf nicht unterschätzt werden. Sie ist auch dem russischen Geheimdienst bekannt und wechselte oft den Wohnort. Dagestan, Tschetschenien und dann die USA waren die Länder, in denen sich die Familie auffallend oft aufgehalten hat. Jetzt steht auch diese Dame im Focus der Ermittlungen.

Einen wahren Jihad - einen Kampf mit sich selbst - hätte Ibrahim geführt, wenn er sein Uni-Studium angefangen hätte. Seine Waffe wäre sein Verstand gewesen und nicht ein Gewehr.

Ibrahim wäre wohl nicht in der Lage gewesen, ein Massenstudium wie Jus an der Uni Innsbruck erfolgreich zu überleben.

Da braucht man nämlich Hirnschmalz und Ellbogen und keine Sprengwesten.

Amen.

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selber Schuld

Für gewisse Kreise haben immer der Westen oder die Christen die Schuld an den verworrenen Verhältnissen im Nahen und Mittleren Osten.
Bei einer Frage an einen Ö. türkischer Herkunft, woran es liege an der Religion oder Mentalität oder beides zusammen, konnte keine Antwort gegeben werden!
Es ist davon auszugehen, dass die nächsten Jahrhunderte nach wie vor der Westen als Hauptgegner angesehen wird.
Die verharmlosende westliche Politik ist ein Schuss ins Knie! Aus dem Weltverfolgungsindex über die Christen wird ersichtlich wo der Hase im Pfeffer liegt.
Aus dem Verhalten dieser Tschetschenen wird auch ersichtlich, dass Ihnen Ö. ziemlich gleichgültig ist!!

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Bedenklich ist

eigentlich auch ein Imam, der offensichtlich nur Arabisch sprechen kann, und diese Burschen radikalisiert hat. Wieso ist so jemand, eigentlich in Österreich?

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Die militanten, kriegsgeilen, stets auf Beutzügen befindlichen Großmächte (insbesondere USA, GBR) bringen - oft mit Unterstützung anderer NATO-Länder - die fundamentalistischsten islamischen Bevölkerungsgruppen und größten Räuberbanden an die Macht.

Oder will jemand behaupten, in Jugoslawien sind die schwerkriminellen islamischen UCK-Banden, die über Rauschgift-, Menschenhandel, Erpressung finanziert wurden, bei ihrem Vormarsch gegen die christlichen Regionen im Land von Jugoslawien unterstützt worden?

Oder die schwerkriminellen islamischen Tschetschenenbanden (mit Überfällen auf Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Wohnanlagen, Theater u. dgl.) von den Russen, die ebenfalls zu den Christen gehören?

Oder sind die Schiiten, welche die fundamentalistischsten Islamisten im Irak sind und die besten Beziehungen zum Iran von allen haben, von Saddam Hussein unterstützt worden? Der ja übrigens vorher auch vom Westen mit allen Mitteln unterstützt worden war.

Und auf welcher Seite kämpfen die größten kriminellen Banden in Afghanistan (siehe Rauschgifthändler und Produzenten, Warlords), wenn nicht auf der Seite ihrer Förderer und Unterstützer, USA, GBR u. NATO?

Und welche fundamentalistischen Islamisten und plündernden Räuberbanden in Libyen sollen für Gaddafi gekämpft haben? Und nicht auf Seite der Großmächte USA, GBR, F bzw. NATO?

Auch die umfangreichen Waffenlieferungen (inkl. Raketen) an den Steinzeitislamisten Ajatollah Khomeini durch die USA (unter Reagan) und Israel sollte man nicht vergessen.

Und selbstverständlich floss auch Geld von den USA und Israel an die Hamas.

Und sollen wir jetzt in Tränen ausbrechen ?

Wer freiwillig in den Krieg zieht kriegt außer ner Kugel (wenn ueberhaupt) irgendwohin sicherlich nichts geschenkt.

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Gut Integriert:

...Assad ist kein Muslim und genau deshalb muss er bekämpft werden...

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Die Fragen

Was hat diese Personen - tschetschenische Flüchtlinge - nach Österreich geführt?
Warum such(t)en sie in Österreich Asyl um dann wieder in den Krieg zu ziehen?
Wie glaubwürdig sind ihre Argumente (auch jener die nicht nach Syrien gehen) um das Asylverfahren für sie positiv abzuschließen
Was passiert, sollten diese Personen (wohl alles Männer) wieder nach Österreich zurückkehren (wollen)?

"wahre Jihad???"

EMRAN FEROZ: der letzte Satz ihres Artikels ist bemerkenswert und steht auf der positiven Seite; da und nur da sehe ich eine Chance des Islam zu einer modernen Welt. Dass wir hier in Europa leider immer noch vollkommen falsch informiert sind, etwa wie Menschen indoktriniert werden zu dieser blutigen und tödlichen Auseinandersetzung und wir da einfach zuschauen, versteh ich schlicht nicht. Wer ist denn hier der Nutznießer?

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Da frage ich mich doch

warum man diesen Leuten nicht sofort die Staatsbürgerschaft bzw. den Asylstatus aberkennt, denn offensichtlich wollen sie keinen Schutz vor Verfolgung, sondern Krieg führen. Meines Wissens erfolgt diese Aberkennung der Staatsbürgerschaft ja auch, wenn man sich zur französischen Fremdenlegion meldet. Warum soll das für islamistische Söldner nicht gelten?

Zynisch könnte man auch sagen Assad und das syrische Regime löst unsere Integrationsprobleme, denn dass diese Djihadis sich integrieren, darauf braucht man nicht zu hoffen.

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Eigenartig...

wegen anhaltender kriegerischen Auseinandersetzungen in seiner Heimat flüchtet ein Tschetschene nach Österreich, hier ist zwar Frieden und hier lebt es sich ungefährlich, aber das ist nicht was er möchte. er radikalisiert sich (oder lässt sich radikalisieren) und reist nach Syrien, ein sicher extremer Ort und lässt sich zum "zukünftigen" Terroristen ausbilden!!
wie gehts weiter......kommt er wieder retour?? ich hoffe man verweigert ihn die Einreise nach Österreich, da er hier sicher nichts wertvolles zum friedlichen System in Österreich beitragen kann!!!

Re: Eigenartig...

viel besser: er geht in die Türkei!!!

von dort greit er den Nachbarn Syrien an!

Türkei dringend in die EU!!!

BIITTEEEE!!!

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betet

fuer sie.

Arme Irre

Leider gibt es diese armen Irren, die für irgendeinen Glauben, einen Despoten ihr Leben opfern wollen, aber es gibt immer irgendwen, der mit diesen Menschen viel Geld verdient.

Was gibt es eigentlich in Syrien zu holen ?

Die Amerikaner wollen schon wieder Giftgas entdeckt haben (lt. ZIB 1, heute)

Re: Was gibt es eigentlich in Syrien zu holen ?

Leute wie Sie verursachen bei mir Heiterkeit. Diese Mischung aus Pseudowissen, stupidem Antiamerikanismus und Verschwörungstheorien, köstlich.

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Re: Re: Was gibt es eigentlich in Syrien zu holen ?

Sie haben ja so recht. Die US Regierung hat noch nie gelogen. Sie würden es z.b. nie wagen eine Person, nennen wir sie z.b. Powell, zum UNO Sicherheitsrat zu schicken und dort zu erzählen daß der Irak Massenvernichtungswaffen hat, obwohl es nicht so ist.

Lassens die Kirche im Dorf

Dass man damals im Irak nichts gefunden hat, ist heute noch höchst erstaunlich. Der Saddam hat solche Waffen nämlich ein paar Jahre zuvor gegen den Iran und gegen eigene Minderheiten (Halabdscha) im großen Stil eingesetzt. Erwiesenermaßen. Und dann hat sich sein ganzes Arsenla in Luft aufgelöst. Schon komisch.

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Re: Was gibt es eigentlich in Syrien zu holen ?

Syrien ist das Tor zum Iran,der ist mit Sicherheit der Nächste welcher befreit werden muss dann sitzt die USA endlich überall wo es Erdölförderung gibt.
Zudem wo doch der böse Iran noch Hauptlieferant Chinas ist.

Re: Was gibt es eigentlich in Syrien zu holen ?

was es zu holen gibt

na einen Direktzugang zum Iran

was sonst

Re: Was gibt es eigentlich in Syrien zu holen ?

Die weltpolizei hat Atombomben auf zivile Bevölkerung geworfen und trägt noch immer die gleiche Flagge... denen glaube ich garnichts.

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Re: Was gibt es eigentlich in Syrien zu holen ?

Anbiederung an Saudiarabien und Russland einen Verbündeten auf den Weg in den Iran wegschnappen, simple as it is!

 
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