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Heiler in Wien war Doppelgänger Karadzics

27.07.2008 | 17:57 |   (Die Presse)

Der Mann, den manche Bewohner des 15. Wiener Bezirks nachträglich für den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Karadzic gehalten hatten, meldete sich zu Wort: Er heißt Petar Glumac, ist 78 und hat auch einen Rauschebart.

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WIEN/RUDO (ag.; rath). Es war wohl doch nicht der mutmaßliche Kriegsverbrecher Radovan Karadzic, der im Vorjahr in der Wiener Märzstraße Patienten mit Erektionsstörungen die Hand auflegte und folgenlos als „Petar Glumac“ durch eine Razzia schlüpfte, wie „Krone“ und „Kurier“ berichtet haben. Am Sonntag meldete sich in der Nachrichtenagentur Tanjug der richtige Petar Glumac zu Wort, dem auch Wiener Polizisten nachträglich eine frappante Ähnlichkeit zum „Schlächter von Bosnien“ attestiert hatten.

Auch Petar Glumac trägt einen weißen Rauschebart, eine Brille und einen Zopf. Im Unterschied zu „Dr. Dragan Dabic“, als der sich Karadzic jahrelang ausgab, lebte er jedoch nicht mitten in Belgrad, sondern in Banatsko Novo Selo in der Vojvodina.


„Mein Hauptfach ist Unfruchtbarkeit“

Der Wunderheiler Petar Glumac, der auch als „Pera“ bekannt ist, bestätigte, dass er sich im Vorjahr in Wien aufgehalten habe und sowohl einen serbischen als auch einen kroatischen Pass besitze. „Ich behandle alle Krankheiten, die Unfruchtbarkeit der Frauen ist mein Hauptfach“, erklärte der 78-Jährige. Glumac meinte selbst, er sehe Dabic „zu 1000 Prozent“ ähnlich. Seinen Zopf trage er jedoch frei am Rücken und nicht auf den Kopf gebunden wie der getarnte Karadzic.

Radovan Karadzic, der ehemalige Führer der bosnischen Serbien, war am vergangenen Montag in Belgrad gefasst worden. Er hatte sich als esoterischer Arzt namens Dragan Dabic ausgegeben und sein Aussehen entsprechend geändert.


Bewusst gestreute Falschinformationen

Wie es Karadzic freilich in den letzten Jahren gelungen ist, ein relativ normales Leben zu führen, wird wohl erst nach und nach entschlüsselt werden können. Den jetzt verbreiteten Informationen dürfe man nicht trauen, meinen viele Experten in Serbien und Bosnien. Es würden bewusst falsche Informationen oder Halbwahrheiten gestreut, um mögliche Racheakte für die Ergreifer Karadzics zu verhindern.

Karadzics Neffe Dragan behauptete nun, er sei der einzige Helfer gewesen. Nur er habe die wahre Identität Dragan Dabics gekannt und Kontakt gehalten. Einen Pass hätte Karadzic nicht gehabt, deshalb hätte er auch keine Auslandsreisen unternommen. Nicht gesichert sind auch die Angaben kroatischer und serbischer Medien, wonach sich Karadzic 2006 in Kroatien, genauer auf der Insel Ciovo, nur wenige Kilometer von Split entfernt aufgehalten haben soll.

Besuch in seiner Zelle erhielt Karadzic am Wochenende von Bischof Amfilohije. Der montenegrinische Metropolit erteilte dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher die Kommunion. Karadzic habe gebeichtet und dem Bischof versichert, seit 30 Jahren ein Leben nach den Geboten von Jesus zu führen, hieß es in einer Mitteilung der Kirche.

Ansonsten hält sich die Solidarität der Serben in Grenzen. So fanden sich am Wochenende in der ostbosnischen Stadt Rudo nur wenige Anhänger zu einer Protestkundgebung ein. „Lediglich 18 Mitglieder der Serbisch Demokratischen Partei SDS waren hier dabei,“ sagt Bojan Bajic, Serbe und ein Vertreter der nicht-nationalistischen Zivilgesellschaft in Bosnien und Herzegowina. Nicht einmal die Mitglieder der Partei des Radovan Karadzic, deren langjähriger Vorsitzender er war, seien für den Doktor mobilisiert worden, erklärt er. Die meisten Leute bewahrten Ruhe, sie warteten ab.

Das von hohen Gebirgszügen und wilden Schluchten umgebene Rudo war einmal neben Visegrad Zentrum der serbischen Nationalisten in dieser Region, war Ort grausamer Verbrechen gegen die nicht-serbische Bevölkerung im Frühling und Sommer 1992. Hier halten sich heute immer noch einige der Freischärler auf, die damals die Schmutzarbeit für Politiker wie Karadzic erledigt hatten.

Zwar waren es in der Karadzic-Hochburg Pale mehr Demonstranten – dort versammelten sich am Samstag immerhin etwas über 1000 Menschen, etwa gleich viele wie in der Hauptstadt der serbischen Teilrepublik, Banja Luka. Parolen wie „Radovan ist unser Held“ scheinen aber offenbar nicht mehr so richtig zu ziehen.


Serben in Bosnien bleiben ruhig

Doch so einfach sei dieser Umstand wahrscheinlich nicht zu interpretieren. Beobachter sehen die serbische Bevölkerung in Bosnien in einem Schockzustand. „Das Symbol ist weg,“ sagen sie. „Jetzt will niemand reden.“ Das heiße aber nicht, dass die Anhänger Karadzics ihre Position verändert haben.

Dennoch muss es alle jene in der internationalen Gemeinschaft überraschen, die in den letzten Jahren immer wieder Horrorszenarien nach der Verhaftung der wichtigsten Kriegsverbrecher an die Wand gemalt hatten und mit dieser Argumentation erfolgreich waren.

13 Jahre lang scheuten sich die internationalen Sicherheitskräfte in Bosnien, die Kriegsverbrecher zu verhaften. 2004 erklärte der Brite Paddy Ashdown, damals Hoher Repräsentant in Sarajewo, Karadzic sei umgeben von bewaffneten Wächtern.


Karadzics Familie klagt über Korruption

Doch wie es scheint, hatte Radovan Karadzic in den letzten Jahren überhaupt keine Leibwächter. Seine finanziell keineswegs gut gestellte Familie klagte nach den Worten von Sohn Sascha zudem, dass viele für Karadzic bestimmte Gelder in die Taschen anderer Leute gewandert seien. „Manche Leute sind wegen meines Vaters reich geworden.“ Die Konten der Familie wurden hingegen schon vor langer Zeit eingefroren.

AUF EINEN BLICK

Radovan Karadzic, der als Ex-Führer der bosnischen Serben für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich ist, ist am vergangenen Montag verhaftet worden. Er hatte, getarnt als Arzt namens Dragan Dabic, in Belgrad gelebt. Ein Mann, der ähnlich aussieht, war 2007 als Wunderheiler in Wien. Das war jedoch nicht Karadzic, sondern Petar Glumac aus der Vojvodina.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2008)

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1 Kommentare
phuter
28.07.2008 09:45
0 0

Köstlich!

Kustorica Reife!

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