Dienstag, 15:36 Uhr MESZ: Morgen geht es für mich zurück nach Österreich. In Erinnerung wird mir vor allem der große Hass der Leute auf die USA bleiben. Nahezu jeder, mit dem ich gesprochen habe, bestätigt dieses Gefühl. Die Pakistani fragen sich keineswegs, wie es passieren konnte, dass Osama jahrelang unter ihnen lebte. Sie fragen sich vielmehr, wie es passieren konnte, dass die Amerikaner auf ihrem Boden den Terrorpaten töteten. "Die Pakistani machen die Amerikaner für alles Übel verantwortlich und denken in keiner Weise daran, dass sie vielleicht auch selbst Schuld an ihrem Schicksal tragen", sagt etwa die Analystin Ayesha Siddiqa, die ich heute interviewte. Dem kann ich nur zustimmen, für die Zukunft des Landes verheißt das zweifelsohne wenig Gutes.
Dienstag, 7:48 Uhr MESZ: So wie es aussieht, wird die pakistanische Regierung das Anwesen Osamas in Abbottabad nicht zur Besichtigung freigeben - aus welchen Gründen auch immer. Für mich wäre das ein Grund gewesen, nochmals hinzufahren. Nun werde ich wahrscheinlich in Islamabad bleiben, heute mit ein paar Militär- und Politikexperten sprechen und voraussichtlich morgen die Heimreise antreten.
Montag, 18:55 Uhr MESZ: Der schwer unter Druck geratene Premier Yousuf Raza Gilani hat heute in Islamabad zum Parlament gesprochen, um die ganze Sache zu erklären. Die vielsagende Kurzfassung: Pakistan ist ein Opfer. Ein Opfer der USA, die bin Laden erst stark gemacht haben (im Afghanistan-Krieg gegen die Sowjets). Ein Opfer der Terroristen, die aus Afghanistan eingedrungen sind. Und ein Opfer der unfairen Medien, die das kooperative und friedfertige Pakistan ständig in ein falsches Licht rücken. Wie es passieren konnte, dass Osama jahrelang neben der renommiertesten Militärbasis des Landes leben konnte, will der Herr Premier nun untersuchen lassen. Na dann.
Montag, 13:36 Uhr MESZ: Islamabad wäre eine schöne Stadt, nur wenn du ständig überall in ein MG schaust, ist das schon beängstigend", sagen mehrere Diplomaten, die hier leben. Das kann ich nur bestätigen, selbst jede kleinere Bank wird von zwei Sicherheitsbeamten mit Maschinengewehren bewacht. Von der US-Botschaft gar nicht erst zu reden: Dort bin ich gerade, fünf Checkpoints sind zu passieren, ehe man den Haupteingang erreicht. Das Areal ist großräumig abgesperrt, meterhohe Stacheldrahtzäune und mehrere Sicherheitsschleusen ebnen den Weg ins Innere. Fotografieren ist übrigens streng verboten.
Montag, 7.15 Uhr MESZ: Die Sicherheitsvorkehrungen in Islamabad sind nach der Tötung bin Ladens weiter verschärft worden. Das Marriott-Hotel beispielsweise ist in einem Umkreis von 100 Meter völlig abgeriegelt. Mit dem Auto näher hinzufahren ist unmöglich. Um zur Rezeption zu gelangen, sind mehrere Sicherheitsschleusen und ein Metalldetektor zu passieren. Der Preis für eine Nacht in dem Hochsicherheitstrakt: Ab 250 Dollar aufwärts. Nur wenige Minuten entfernt bieten kleine "Guest Houses" eine gute Alternative - deutlich günstiger, genauso schön.
Sonntag, 19.44 Uhr MESZ: Bin nun in Islamabad, hier soll sich morgen Premier Yousuf Raza Gilani vor dem Parlament zu der Causa äußern. Viele Pakistani sind auf ihn wütend, so wie auf die gesamte politische Führung. Interessanterweise weniger wegen der Tatsache, dass Osama jahrelang von pakistanischem Boden aus agieren konnte. Sondern vor allem, weil die Amerikaner ihre Operation problemlos durchführen konnten.
Noch eine Anmerkung, weil einige Leser fragten, wie ich mich hier organisiere: Bin mit einigen Pakistani in Kontakt, die sehr hilfreich sind. Und Internet und Telefon funktionieren in den größeren Städten relativ verlässlich. Momentan ist die Verbindung aber leider zu schwach, um Fotos hochzuladen - das werde ich morgen nochmals versuchen.
Sonntag, 15.38 Uhr MESZ: Die Gegend südlich von Haripur, wo sich Osama vor Abbottabad aufgehalten haben soll, halte ich viel eher als Versteck geeignet als das Anwesen in Abbottabad (war sie wohl auch, wie wir nun wissen). Chak Shah Mohammad Khan heißt der kleine Ort. Einige Ziegelhäuser ohne Fenster stehen nebeneinander, vielleicht 40, 50 Menschen leben hier. Ansonsten im Umkreis von mehreren Quadratkilometern nichts als hügelige Landschaft. In den Hügeln finden sich zahlreiche Höhlen. Die Leute bauen diese, um sich vor der Hitze zu schützen - durchaus möglich, dass bin Laden sich in einer von ihnen eine Zeit lang versteckt hielt.
Samstag, 6.45 Uhr MESZ: In Abbottabad herrscht wildes Treiben, am Marktplatz tummeln sich tausende Menschen auf engstem Raum. Kaum vorstellbar, dass nur zwei Kilometer Luftlinie entfernt Osama bin Laden jahrelang gelebt hat. Das Areal rund um das Anwesen des Terrorpaten ist momentan ein paar hundert Meter weit abgeriegelt. Es heißt, Journalisten sollen noch heute oder morgen ins Innere des Hauses gelassen werden. Da will man wohl noch die Blutspuren (und anderes?) beseitigen wollen.
Samstag, 1 Uhr MESZ: Grüße aus Islamabad. Bin vor Kurzem angekommen und mache mich nun auf den Weg nach Abbottabad. Jene pakistanische Journalisten und Militärbeobachter, mit denen ich bisher gesprochen habe, sagen alle dasselbe: Nämlich, dass sie niemals glauben, dass Pakistans Armee von der Aktion nichts mitbekommen habe. Viel zu zentral würde die Villa bin Ladens liegen, direkt neben einer Militärakademie. Ich werde versuchen, mir selbst ein Bild zu machen und mich an dieser Stelle wieder melden.
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