Warum Staaten nach der Bombe streben

13.04.2012 | 18:07 |  WOLFGANG GREBER (Die Presse)

Die Nazis wollten sie, die USA hatten sie als Erste, acht andere Mächte folgten. Jetzt greift Iran danach. Was den Reiz der Bombe ausmacht.

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Im Anfang war das schlechte Gewissen: September 1941 besuchte der Physiker und spätere Nobelpreisträger Werner Heisenberg seinen Mentor Niels Bohr in Kopenhagen. Der hatte ob der Erforschung des Atoms schon den Nobelpreis, nun kam der Deutsche und fragte: „Hat ein Physiker das sittliche Recht, im Krieg an einer Atombombe zu arbeiten?“
Bohr fragte überraschend zurück, ob so was technisch machbar sei, worauf Heisenberg sagte: Ja, er habe einen Weg erkannt. Bohr antwortete: Nun, dann werde die militärische Forschung durch Physiker unvermeidlich sein.

Die Wege zur Bombe wurden früh gelegt, einer hätte fast über Deutschland geführt. 1934 löste der Italiener Enrico Fermi Kernspaltung mit Neutronenbeschuss aus, dann 1938 Otto Hahn und Fritz Straßmann in Deutschland. Zuvor hatten der Ungar Leó Szilárd und der Japaner Hikosaka Tadayoshi postuliert, man könnte Kernspaltung für Waffen nützen. Das deutsche Ministerium für Erziehung berief anno 1939 Wissenschaftler ein, darunter Heisenberg, für das „Uranprojekt“. Ziel: ein Kernreaktor und ein „neuer Sprengstoff“.

Beides misslang, und so zündeten die USA am 16. Juli 1945 die erste A-Bombe in der Wüste New Mexicos und im August zwei über Japan. Die in die USA emigrierten Wissenschaftler Szilárd, Eugene Wigner (ebenfalls Ungar) und Albert Einstein hatten nämlich im August 1939 US-Präsident Roosevelt gewarnt, Deutschland könnte die Bombe bauen, es sei besser, hätten die USA sie zuerst – was im Zug des „Manhattan-Projects“ gelang.
Die Bombe versprach jeden Sieg, denn stärkere Waffen gab's nicht, abgesehen von Giftgas, einem Tabu, und der britischen „Grand Slam“-Bombe, die zehn Tonnen wog (inkl. 4100 kg Sprengstoff) und U-Boot-Bunker knackte. Sie versprach Frieden und Macht – und Ersparnis, denn nun konnte man konventionelle Streitkräfte verkleinern. Das führte in den 50ern in USA und Nato zur Doktrin der „massiven Vergeltung“: Auf jeden Angriff würde man nuklear antworten, das würde abschrecken.

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Die Bombe verleiht Prestige


Ändere dachten ähnlich: Die UdSSR sah das Gleichgewicht der Kräfte verschoben, ihre Bombe zündete 1949. Londons Atomprogramm (Erstzündung: 1952) wurde von den USA gefördert, die einen atomaren Partner in Europa wollten. Paris erwarb die Bombe (ab 1960) des Stolzes und der Autonomie wegen, bis in die 1970er folgten die Erzfeinde Indien und Pakistan sowie China; letzteren drei ging es auch ums reine Prestige, denn der Auftritt eines Landes ändert sich klar, hat es die Bombe im Köcher.

Israel wollte einen neuen Holocaust vermeiden und sich in Palästina behaupten. 1973, im Jom-Kippur-Krieg, wurden mehrere Bomben schon aktiviert, sollten Ägypter und Syrer durchbrechen. Viele Länder hatten zeitweise Bombenpläne: etwa Schweden (gegen die UdSSR), Argentinien und Brasilien (als Zeichen der lokalen Vormacht), Rumänien (Diktator Ceausescu wollte Sonderstellung im Ostblock) und die Schweiz (ob der Souveränität). Südafrika baute sechs Stück, gab sie aber 1990/91 auf, als das Ende des Apartheid-Regimes nahte.

Abschreckung mit Löchern


Ein Hauptmotiv war trügerisch: die Abschreckung. Konventionelle Angreifer und Terroristen ließen sich mehrfach von Atommächten nicht abhalten, etwa Ägypten und Syrien 1973 oder Argentinien 1982, als es die britischen Falklandinseln besetzte. Die Hemmschwelle für den Einsatz ist nämlich enorm, man kann nicht immer mit Kanonen auf Spatzen schießen und das legitimieren, zudem A-Einsätze völkerrechtlich illegal sind. Daher führten USA und Nato in den 1960ern die Doktrin der „flexible response“ ein, die bis Ende des Ostblocks galt. Quintessenz: Jeder Gefahr auf gleicher Ebene entgegentreten. Droht die Niederlage, wird stufenweise nuklear eskaliert.

So bleibt für „neue“ Atommächte“ wie Nordkorea und eventuell Iran neben dem reinen Prestige, der Druckausübung und den technisch-wissenschaftlichen Nebenprodukten des Atomwaffenbaus nur noch das einer Abschreckung im engeren Sinn: Nämlich gegen fremde Atomangriffe – die es indes seit 1945 nicht mehr gab.

Grafik: Die Presse

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2012)

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23 Kommentare
Gast: Bombasi
27.05.2012 01:46
0

wie swein verstet in apfelsinen so einige komentatoren versteen in


Die Bombe ist der Zwilling der Kernenergie!

Das ist der tiefere Grund, warum so viele Staaten die Kernenergie so hoch subventionieren.

Gast: netter gast
14.04.2012 18:46
4

Quelle?

"Die Nazis wollten sie..."

MW haben die N. auf die Atombombe
zugunsten anderer militärischer Entwicklung verzichtet

Vollkommen dummer Artikel

Hier wird das übliche Bild von den Guten, welche Atomwaffen besitzen und besitzen dürfen, und den Bösen, die damit nur Prestige und Macht wollen, klischeemässig wiedergekaut.

Vielmehr ist jedoch heute echt Souveränität leider nur noch mit Atomwaffen möglich, wie die Fälle Afghanistan, Irak und Libyen beweisen.

Man mag zu Leuten wie Hussein, Gaddafi oder den demokratisch gewählten Diktator Ahmadinejad stehen wie man will, aber letztlich werden diese Reformen wie den Verzicht auf den Dollar als Ölwährung nur durchsetzen können, wenn sie Atomwaffen im Land als Abschreckung besitzen.

Gast: verblühte Nelke
14.04.2012 16:35
0

hat türkei die Ü-Bombe?

die Türkei scheint auch die Atombombe zu haben und Mitteleuropa zu bedrohen. Und Ch, D, Ö müssen den Drohungen nachgeben und Millionen türkbürger ein schönes Leben in Mitteleuropa gewähren. vlt sollte die Türkei statt Waffen die eigene bevölkerung fördern und ein sicheres schönes Leben in türkei gewähren.

Re: hat türkei die Ü-Bombe?

Das wäre ein ähnlicher Schuss ins Knie wie die Iranische Atombombe auf Israel - ohne gleichzeitig die befreundeten PalästinenserInnen zu treffen ...

Gast: Naga Saki
14.04.2012 08:57
2

Abrüstung global

Hier wird nicht nur mit zweierlei Maßstäben gemessen sondern Heuchelei pur betrieben.
was ist aus der nuklearen Abrüstung geworden nach Ende des kalten Krieges?
Alles nur leere Worte..
Kernkraft nein danke?wers glaubt wird selig..reine Geschäftssache..allen Ökobestrebungen zum Trotz(ev. auf Sparflamme).
Das Wettrüsten hat nie aufgehört-aber jetzt wird auch Russland und China wieder zulegen(die Ami sowieso-allen Sparprogrammen zum Trotz)
1. die Atomreaktoren werden weiter gebaut(besser,sicherer,etc ?)
2. es werden weitere Länder dem Atomclub
(zwnagsweise) teilnehmen
3. die Weltherrschaft der Ami ist in 10 Jahren vorbei (die gelbe Gefahr kommt sicher)
4.es fehlt der gute Wille und das Vertrauen-eine atomwaffenfreie Zone im Nahen Osten wäre ein Anfang
aber: die Hoffnung stirbt zuletz

Antworten Gast: Anton Hin
15.04.2012 15:59
0

Re: Abrüstung global

Es fehlt der gute Wille und das Vertrauen-eine atomwaffenfreie Zone im Oiropa wäre ein Anfang. Russland muss A-Waffe aus Europa nach Ural zien.

Sollte ein Staat nur daran denken eine Atombombe zu basteln

ist dieser mit allen Mitteln kalt zu stellen, ähnlich wie die USA mit Kuba verfahren hat.
Unsere Kinder haben kein Interesse an einem 3. Weltkrieg. Vor allem was bleibt von der Erde übrig wenn ein paar Atombomben hochgehen.

Re: Sollte ein Staat nur daran denken eine Atombombe zu basteln

Beim ersten Staat, der eine derartige Bombe baut, kann man darüber diskutieren.

Danach ist es besser, wenn mehrere diese Macht teilen, denn auch an einem orwellschen "1984" haben unsere Kinder kein Interesse, und das kommt sicher bei einem Machtmono- oder -oligopol.

Re: Re: Sollte ein Staat nur daran denken eine Atombombe zu basteln

@Michael Danke für die Antwort!

Meine Meinung klingt sicher radikal und beim Reden kommen angeblich auch die Leute zusammen.
Denkt man aber, dass Gespräche über den Umstieg auf alternative Energieformen mit unseren Nachbarländern (statt Atomkraft) scheitern, bin ich bei der Blumen in die Kanonstecktaktik etwas skeptisch.
Deutschland hat als einziger Staat auf die Folgen von Reaktorunfällen reagiert.

Das bedeutet es müssten zuerst Atombomben hochgehen, um die Diplomatie dem Gesprächsstil anzupassen.

Mit Machtmonopolen haben wir es bereits heute zu tun. Der Traum von der funktionierenden Demokratie ist größtenteils nur mehr in Kleinst- und zum Stimmenfang in Oppositionsparteien erkennbar.

Tu quoque felix austria

Und hier noch ein paar hochplausible Gründe, warum auch Österreich auf das Bombel nicht länger verzichten kann. Erstens könnte man endlich mit Nachdruck von Liechtenstein wichtige Dokumente einfordern. Zweitens würde Slowenien endlich siedenheiß klar, daß Käsekrainer & Lippizzaner Österreichs sind und niemandes sonst. Und als unbestrittener Höhepunkt würde Tschechien schließlich doch verstehen, warum es sein Atomkraftwerk dringend abschalten muß. A wie Austo-Bombe - was könnte daran falsch sein...? Befragen wir doch das Volk - wir alle kennen noch 1000 triftige Gründe, warum wir das Bombel wollen! Direkte Demokratie sofort!

Gast: Hans Gans
13.04.2012 21:12
4

"Jetzt greift Iran danach"

Alle US-Geheimdienste sagen das Gegenteil, daß der Iran kein Atomprogramm hat.

Woher stammen also die "Informationen" der Presse, daß sie behauptet, der Iran würde nach der Atombombe greifen?

Aus einem Märchen aus "1001 Nacht"?

ich möchte nicht wissen

wieviele fpö-affine heinies sich eine a-bombe für ihren zwergerlstaat wünschen und dies auch noch "rational" begründen....

guter artikel

alles schön zusammengefasst

Antworten Gast: Atomexperte
16.04.2012 20:56
1

Re: guter Artikel, na ja?

Es fehlt völlig der Hinweis auf den Zusammenhang der Bombe mit den AKWs! Diese werden doch ausschließlich deshalb so hoch subventioniert, weil die Staaten das spaltbare Material für die Bombe wollen.......

Re: guter artikel

Bitte was? Hier werden nur alte Klischees von den "Guten" und den "Bösen" mit ein paar historischen Fakten subsummiert, sonst nichts. Hintergründe über die US-Aussenpolitik und die daraus folgenden Konsequenzen werden nicht beleuchtet.

Re: guter artikel

man hätte noch hinzufügen und erklären können, warum es eben seit 1945 keinen weiteren atomwaffeneinsatz mehr gab. und weiters hätte man die diskussion anschneiden können, ob eine welt mit atomwaffen nicht sicherer ist als eine ohne, so paradox und dumm das auch klingen mag.

Re: guter artikel

Dem kann ich nur zustimmen! wirklich sehr gut recherchiert!

Es ist die Unangreifbarkeit., das Risiko, das jeder Angreifer eingeht.

Und damit einhergehend auch eine ganz andere Position bei Verhandlungen.
Wenn da einer sagen kann : ".... im übrigen sind unsere Forderungen auf unsere nuklear Waffen gestützt... " klingt das gleich mal wesentlich nachdrücklicher als das Bitten um Gehör, das Nicht-Atommächten nur gewährt wird.
Es ist einfach die Augenhöhe gegenüber Jedem.
Und noch dazu das Beispiel das die Nuklear Rabauken abgeben. Wer hat schonmal versucht Russland China oder die USA für ungebührliches Verhalten zu strafen ?
Mit kleinen Staaten , die nicht über die Wumme verfügen wird das ständig gemacht und die Geschehnisse der letzten 15 Jahre tragen auch nicht gerade zur Beruhigung sich verfolgt fühlender Staaten bei. Da werden ohne Skrupel Kriege vom Zaun gebrochen und Staaten einfach niedergebombt, sich in innere Angelegenheiten eingemischt und Recht einfach ausser Kraft gesetzt. Die Uno zum Abnickorgan umfunktioniert segnet das Ganze auch noch ab.
Und dann gibt es da noch das Beispiel eines kleinen Landes, das sich seiner Atomwaffen wegen jeden Faux Pas leisten kann.
Wer soll da nicht nach der ultimativen Drohung schielen ?

Antworten Gast: Bolta
16.04.2012 10:08
0

Re: Es ist die Unangreifbarkeit., das Risiko, das jeder Angreifer eingeht.

Eine kleine Einfügung:
...das das sich seiner Atomwaffen, in norwegischen Gewässer auf U-Booten sicher aufbewahrt, wegen jeden Faux Pas leisten kann.

Re: Es ist die Unangreifbarkeit., das Risiko, das jeder Angreifer eingeht.

gasti, ihre anielungen auf ein kl land, ohne es zu nennen, koennen sie sich aus dem hinterhalt sparen.
diese land hat die bombe nur als ultimo ratio, fall die umliegenden staaten ihre vernichtungsphantasien in die realitaet umzusetzen streben.
faktenresistent ist die behauptung, dass es sich deswegen alles leisten koenne.

OK ! Dann gilt dein letzter Satz wohl auch für jedes andere Land der Welt ?

Und diesen letzten Ausweg will doch jedes Land im Arsenal ohne das Ding, ähnlich wie der kleine Staat, einsetzen zu wollen. Denn eines ist klar: die Bombe funktioniert nur solange sie nicht eingesetzt wurde, nämlich als Drohung.
Ist das Ding einmal von der Kette gelassen, dann ist der Erstschläger der gnadenlosen Rache der Anderen ausgesetzt. Und das hat niemand im Sinn nichtmal die verrückten Nordkoreaner.
Die waren übrigens das Land das sich jeden Faux Pas leisten darf.
Aber wegen deines gut angezüchteten pawlowschen Beissreflexes blieb dir nichts anderes übrig als sofort loszugeifern. (Schuldbewusstsein?)
Mit zunehmendem Alter wirst du vielleicht weiser und überlegst erst mal, bevor du loskreischt. Hoffe ich zumindest.

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