Anschluss: Vom Opfer- zum Tätermythos

09.03.2008 | 18:27 |  MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Nach wie vor steht beim „Anschluss“-Gedenken Engelbert Dollfuß im Mittelpunkt. Weil er der Schlüssel zum „Tätermythos“ ist.

Vor 20 Jahren, im „Bedenkjahr“, ging es hoch her. Im Gefolge der Waldheim-Affäre kam die „Vergangenheitsbewältigung“ in Mode, jene Zurichtung der Geschichte für den aktuellen politischen Gebrauch, die später zur „Vergangenheitspolitik“ mutierte.

Die Vertreter der „68er“-Generation hatten die Macht an den Universitäten übernommen. So konnten sie den Zorn gegen die Vätergeneration, der schon das Hauptmotiv ihrer austriakischen Gartenzwergrevolte gewesen war, im würdigen Gewand der Geisteswissenschaften kultivieren.

Eines der Hauptanliegen war die Zerstörung des „Opfermythos“, der als Kernproblem österreichischer Geschichtspolitik identifiziert wurde. Zurecht: Die Rede von Österreich als „erstem Opfer“ in der Moskauer Deklaration wurde von der wiedererrichteten Republik dazu benutzt, die legitimen Ansprüche der tatsächlichen Opfer zu verkürzen und die moralische Last der Täter und Mitläufer auf ungesunde Weise zu erleichtern. Seither herrscht common sense zum Thema „Anschluss“: Der Staat Österreich war „Opfer“, viele Österreicher waren Täter. That's it.

Bald zeigte sich auch auf dem Feld der Geschichtspolitik, dass „Entmythologisierung“ niemals die aufklärerische Überwindung eines irrationalen Ideengebäudes bedeutet, sondern das Ersetzen eines politisch nutzlos gewordenen Mythos durch einen politisch erwünschten oder, wie das heute heißt, korrekten. Man schritt also zur Produktion eines „Tätermythos“: Er erzählt davon, dass der Ständestaat als Wegbereiter des Nationalsozialismus zu verstehen sei und die Österreicher also nicht dessen erste Opfer, sondern seine perfekten Exekutoren gewesen seien.

Der genialste Einfall der postmodernen Mythenbastler war die Figur von der „kollektiven Verdrängung“: Weil wir Österreicher unser tatsächliches Nazitum verdrängt haben, muss damit gerechnet werden, dass es jederzeit zurückkommt. Das ohnehin nicht schlecht bestückte Waffenarsenal des politischen Moralismus wurde auf diese Weise mit einer argumentativen Wasserstoffbombe vervollkommnet, und seine Verwalter waren bereit, sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu zünden. Zuletzt im Februar 2000, als die Regierungsbeteiligung der FPÖ zur lange erwarteten, um nicht zu sagen ersehnten Wiederkehr des Verdrängten erklärt wurde. Dass sie sich damit selbst in die Luft gesprengt haben, begreifen etliche Reserveoffiziere der Moralarmee bis heute nicht.

Dass in den österreichischen Debatten über den „Anschluss“ 1938 nach wie vor der 1934 ermordete Engelbert Dollfuß die Hauptrolle spielt, ist kein Zufall: Er ist der Schlüssel für das Funktionieren des Tätermythos. Nur durch das Herausstreichen des „Arbeitermörders“ und „ideologischen Nazivorläufers“ lässt sich der Umstand verschleiern, dass Dollfuß tatsächlich das erste Opfer des Nationalsozialismus war. Innerhalb der Linken dominierte, wenn auch aus anderen Motiven, die Anschlusssehnsucht. Der Widerstand des Ständestaatsregimes gegen Hitler passt nicht in ein Konzept, das von der prinzipiellen moralischen Überlegenheit der Linken ausgeht.


Die Versuche, den Ständestaat zu einer Art katholischen Naziideologie umzudeuten, wirken gerade heute besonders skurril. Die Gleichzeitigkeit von Großer Koalition und Sozialpartnerschaft ist ja eine Art Gutmenschenständestaat. Er basiert zwar nicht auf einem autoritären System, aber auf Bevormundung. Zwangsmitgliedschaften und Kollektivierungen aller Art stellen offenbar kein Problem dar, solange man sich unter den Profiteuren wähnt. Anders ist nicht zu erklären, dass gerade jene, die sich um Aufbau und Pflege des „Tätermythos“ Verdienste erworben haben, ein solches System verteidigen.

An historischen Einsichten wird das Gedenkjahr wenig bringen. Im günstigsten Fall markiert es den Anfang vom Ende der österreichischen Vergangenheitspolitik.

Imas

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2008)


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77 Kommentare
 
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Von Bombur am 11.03.2008 um 12:48

Natürlich waren wir...

die ersten Opfer immerhin erkennt man das ja an der massiven Widerstandsbewegung die sich bildete. -.-

Ich versteh die Augenauswischerei nicht, immerhin was hätte Österreich anders machen sollen? (Politisch, Wirtschaftlich)

Wir müssen damit leben das unsere Großväter aus der Sicht der Geschichtsbücher die "Bösen" waren.
Was aber kein Grund ist ewige Entschädigungszahlungen zu rechtfertigen.

Von Gast: Zeithistoriker am 10.03.2008 um 15:44

Schuschnigg hat den Anschluss nicht, wie hier von manchen behauptet wird, bis zum letzten bekämpft sondern ihm im Gegenteil den Weg geebnet!

Ich sag nur: Juliabkommen 1936, dann knapp vor dem Anschluss völliges einklicken in Berchtesgaden.

Perteiinterne Nazi-Gegner wie ernst Karl Winter die eine gemeinsame Front mit der Linken gegen den Anschluss bilden wollten wurden politisch ausgeschaltet. Stattdessen wurde die Linke massiv bekämpft während der NSDAP unter Schuschnigg unbegrenzte Entfaltungsmöglichkeiten geboten wurden.

Von Gast: gjansen am 10.03.2008 um 15:02

12.3.08: "nacht des schweigens" am heldenplatz

www.nachtdesschweigens.at

österreichs jugend gedenken der opfer des nationalsozialismus in einer nacht des schweigens am heldenplatz.

12.3.2008 ab 18:30

Antworten Von Gast: Crusader am 11.03.2008 um 09:15

Re: 12.3.08:

Also ich hab`da ein Problem - vielleicht können sie mir helfen?
Vom vielen Kerzerlhalten am Heldenplatz hab`ich schon total verwachste Hände!
Wie werde`ich die wieder los??
Nutzt es wenn ich eine rechte Partei wähle?
Weil ich glaub` jedesmal wenn ich links gewählt hab` ist es schlimmer geworden...
:)

Von wienleoben am 10.03.2008 um 13:08

Zur Abwechslung

hat "Die Presse" wieder die spitze Zunge gefunden, aufgrund derer ich zum regelmäßigen Leser wurde. Entgegen dem Mainstream zu schreiben und seine political correctness selbst zu definieren liegt in der Tradition dieser Zeitung, und ist zu meiner Freude noch nicht aus dem Bildungsauftrag des Mediums gestrichen worden!
Weiter so!

Antworten Von Gast: WerAuchImmer am 11.03.2008 um 09:39

Re: Zur Abwechslung

Worin soll denn hier die Abwechslung bestehen? Worin denn spitze Kommentare, oder kritische Meinung? Verstehen Sie es denn als Leistung hier entgegen gesichterten historischen Erkenntnissen einen Österreich-Opfer Mythos zu propagieren?
Ein Freund aus Deutschland und ich kamen auf dieses Thema zu sprechen und er sagte etwas sehr zutreffendes: "Zu wenig ist für die Österreicher schon viel zu viel!" Gemeint war die Aufarbeitung und Wiedergutmachung. Eine Schande.

Von Gast: Gast am 10.03.2008 um 11:19

Schade ...


Schade, dass "Die Presse" dem Michael-Fleischhacker-Artikel über den Tätermythos einen Kommentar ausgerechnet von Andreas Mölzer zur Seite stellt; schade, dass Fleischhacker seinen berechtigten Ansatz durch Parteigeplänkel schwächt; schade, dass er ins Horn jener bläst, die Gutsein-Wollen desavouieren.... Einfach schade!

Von Gast: Jack am 09.03.2008 um 20:36

Zweifel

Ob Hitler ohne Austrofaschismus und in einer Situation, wo sich Konservative und Sozialisten nur belauerten und nicht bekriegten, sein Vorhaben, Österreich zu besetzen, aufgegeben hätte, ist mehr als zweifelhaft.Zumal ja die NSDAP sicher auch in dieser Situation auf 20-30% angewachsen wäre, und Hitler für den Anschluss handfeste wirtschaftliche Gründe hatte, die wahrscheinlich wesentlich schwerer wogen als sein pathetischer Wunsch, "seine Heimat zurück ins Reich zu führen"

Von Gast: WerAuchImmer am 09.03.2008 um 19:48

Fleischhacker's Denkmantel

Hinzuzufügen wäre:
Wenn M.F. schon andere (wirkliche) Intellektuelle für seine armselige Argumentation missbraucht, dann sollte er diese auch zitieren. Zum Ersten. (Die Rede war davon, wie man einen Mythos mit einem Gegenmythos zertört und ersetzt wird.) Das ist der Mechanismus, der wahrlich funktioniert, wie der (nicht namentlich) zitierte Soziologe herausgefunden hat. Diesem Mechanismus seine Gültigkeit zuzusprechen und zu konstatieren, dass er in diesem Fall funktioniert hat ist eine Sache. Damit aber einen postmodernen "Mythenbastler" als abstrakten Akteur zu konstruieren versuchen, ist hier nicht nur die falsche Schlussfolgerung, sondern will auch verschleiern, welchen Mythos man gerne selbst einsetzen würde, um den letzten zu ersetzen. Spricht so ein Konservativer, der einem katholisch-faschistischen Ständestaat nachtrauert?

Antworten Von Gast: gast am 09.03.2008 um 21:56
Von Gast: Christian am 09.03.2008 um 17:10

Man soll weder verklären noch schlecht reden.

Leider werden von unseren Meinungsmachern immer wieder ein paar wesentliche Faktoren vertuscht:

Dollfuß und nicht einer der sozialistischen Säulenheiligen hat sein Leben für Österreich geopfert. Auch Schuschnigg und Miklas haben ohne Furcht solange für ein selbständiges Österreich gekämpft, bis die Gleichgültigkeit der Weltgemeinschaft jeden Widerstand aussichtslos erscheinen ließ. Der letzte tschechische Staatspräsident, Hacha, hat in einer vergleichbaren Situation die Tschechei "das Schicksal dieses Staates vertrauensvoll in die Hände des Führers gelegt".

Wie recht Schuschnigg hatte, daß er nciht im Kampf um die Selbstständigkeit Österreichs auf die Unterstützung der Sozialdemokraten vertraute, zeigte sich, als Staatsgründer Renner sich für den Anschluß Österreichs an Deutschland ausssprach!!

Damit halte ich aber grundsätzlich nicht eine engere Zusammenarbeit mit einem demokratischen Deutschland auf der Grundlage der gemeinsamen Sprache für schlecht!


Antworten Von Gast: Österreicher am 09.03.2008 um 17:26

Erspar uns doch deinen Missethon-Schmutzkübel-Stil

Dollfuss hat sich nicht für Österreich geopfert! Er war Diktator seines austrofaschistischen (http://de.wikipedia.org/wiki/Austrofaschismus) Ständestaates und wollte wie alle Despoten schlicht und einfach an der Macht bleiben.

Also, kleiner Parteisoldat, freu dich über NÖ, bilde dir ein es hätte etwas mit der VP zu tun, und lass es gut sein.

Falls dir fad wird: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Renner

Antworten Antworten Von Logos21 am 09.03.2008 um 17:40

Re: Erspar uns doch deinen Missethon-Schmutzkübel-Stil

"Österreicher", dein Hinweis auf Wikipedia, wo ein paar linke Historiker Rote Geschichte betreiben, ist gelinde gesagt LÄCHERLICH.
Und wenn du so ein Hasser von Dollfuß (lerne ihn richtig schreiben) und Schuschnigg bist, dann mache es doch wie deine Idole Renner und Co.: LEGE FREUDIG DEINE ÖSTERREICHISCHE STAATSBÜRGERSCHAFT NIEDER, du trauriger Sozialist.
+++

Antworten Antworten Antworten Von Gast: mike am 10.03.2008 um 09:21

Re: Re: Erspar uns doch deinen Missethon-Schmutzkübel-Stil

Daß Wikipedia zwar in Sachthemen sehr nützlich, aber in politischen Wertungen mit äußerster Vorsicht zu genießen ist, sollte bekannt sein.
Gerade hier wird ( meist von linker Seite ) manipuliert, daß sich die Balken biegen ..

Antworten Antworten Antworten Antworten Von Gast: Sleipnir am 12.03.2008 um 10:49

Re: Re: Re: Erspar uns doch deinen Missethon-Schmutzkübel-Stil

Das ist Schwachsinn. Nachforschungen haben herausgefunden dass sowohl von PCs der ÖVP als auch der SPÖ genug manipuliert wurde. Da will ich garnicht wissen was auf privaten Rechnern passiert

Für deine Behauptung "meist von linker Seite" hast du natürlich genausoviele Beweiße wie die Leute, die wikipedia manipulieren.

Weißt du was - ich behaupte einfach mal du bist einer der auf wikipedia für die rechte Seite Werbung macht... außerdem bist du homophob und bist Mitglied eines Terrornetzwerkes.

Es tut mir Leid dass ich diese leeren Behauptungen aufgestellt habe, darum eine Tatsache: Leute wie du haben den A**** offen.

Antworten Antworten Antworten Von Gast: Österreicher am 09.03.2008 um 19:16

Ich bin ein Hasser von (austro)faschistischen,


totalitären Systemen. Macht mich das automatisch zum Sozialisten? Und muss ich mir von einem wie dir vorlügen lassen, Wikipedia sei links?
Ihr Dollfuss-Jünger sei lächerlich ...


Antworten Von Gast: Zensor am 09.03.2008 um 17:24

Re: Man soll weder verklären noch schlecht reden.

das hört sich und liest sich doch sehr nach CICERL!!!
der Stil ist es, nicht der Inhalt.

Von Gast: WerAuchImmer am 09.03.2008 um 15:44

Die zerquetschte Presse

Wenn der Autor dieses Artikels die 68 Generation für so schlechte Vertreter von gedenkenden Individuen hält, wie er sie hier beschreibt, wen kann er nur möglicherweise nennen, der ein angemessenes und kritischen Gedenken Österreichs zur NS Zeit ermöglicht hat?
Öffensichtlich ist diese Verantwortung einem Journalisten wie ihm vielleicht unangenehm oder vielleicht lässt ihn das Geschehene (wie leider so vielen) in gewisser Weise unberührt? Vielleicht schränkt es ihn heute ein, das zu machen, was er gerne wirklich täte?
Er soll sie doch nennen, die Leute, die seiner Meinung nach das Wort ergreifen sollten!

Antworten Von Gast: gast am 09.03.2008 um 17:30

sie haben recht

fleischhacker -jahrgang 69- sollte sich für das wort "tätermythos" schämen.

Antworten Von Gast: Älter als die 68iger am 09.03.2008 um 17:27

Re: Die zerquetschte Presse

Kritik gab es schon vorher, nur nicht so unqualifiziert!!
Und von angemessenem Urteil sind die 68iger meilenweit entfernt.

Von Gast: Zeithistoriker am 09.03.2008 um 00:19

Ich vestehe nicht warum eine profesionelle und seriöse Zeitung wie die Presse so eine Online-Leserschaft hat.

Mit dem Kommentar bin ich nicht einverstanden, aber das ist freie Meinungsäußerung im Rahmen des Möglichen. Viel erschreckender ist jedoch dass eine beträchtliche Anzahl an Postern hier zur Verklärung und Relativierung der Verbrechen des Nationalsozialismus und des Ständestaates neigt.

TRAURIG UND BESCHÄMEND! Mehr kann man dazu nicht sagen!

Antworten Von Gast: Crusader am 09.03.2008 um 15:59

Re: Ich vestehe nicht warum eine profesionelle und seriöse Zeitung wie die Presse so eine Online-Leserschaft hat.

Ja traurig ich wein`schon den ganzen Tag :)

Antworten Von Gast: AEIOU am 09.03.2008 um 15:56

Diese Zeitung hat natürlich eine Vielzahl unterschiedlicher Leser


Und etwa 10-15 Stück fühlen sich berufen ihren reaktionären Schlechtmenschen-Müll zu posten.

Diese armen Würsteln, zumeist mit "zu viel Tagesfreizeit", haben es ja schwer, denn offline trauen die sich nicht und wissen sehrwohl um ihre kuriosen Aussenseiterrollen.

Antworten Von Gerhard Oberschlick am 09.03.2008 um 13:28

Nächstliegende Vernutungen

Vielleicht irren Sie mit Ihrer generösen Beurteilung dieser Zeitung.

Vielleicht behält Karl Kraus mit seiner weniger schmeichelhaften Beurteilung des Vorgängerblattes auch mit Bezug auf die heutige Nachfolge-"Presse" Recht.

Vielleicht züchtet jede Zeitung die ihr gemäße Leserschaft, zieht dabei freilich auch die Kritik aus anderen Meinungsspektren sich zu.

Sonst bin ich ganz bei Ihnen. Schö Grü

Antworten Von Pour.le.merite am 09.03.2008 um 11:36

Sie verstehen nicht, sie ärmster?

Erschreckend ist vielmehr, dass noch immer Landsleute ein verklärtes Geschichtsbild, wie z.B. das des Märchenonkels Guido Knopp, mit sich herumtragen.
Aber wenn sie sich von ihrem Weinkrampf erholt haben und sich die Tränen aus dem Gesicht wischen, werden sie vielleicht auch etwas klarer sehen.

Denn:
"Es ist sehr schmerzhaft, aber durch den Schmerz kommt die Wahrheit, und durch die Wahrheit kommt das Verständnis."

 
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