Kärntner Volksabstimmung: Kampf um die Herzen am Fuß der Karawanken

08.10.2010 | 18:28 |  HANS WERNER SCHEIDL (Die Presse)

In der Propaganda schlugen sich die Österreicher sensationell gut. Jeder zweite Kärntner mit slowenischer Umgangssprache stimmte am 10.Oktober 1920 für Kärntens Einheit.

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Ganz neue Töne kommen aus Kärnten: Zwei Jahre nach dem tödlichen Autounfall Jörg Haiders senden seine Nachfolger zarte Signale in Richtung Wien: Die unendliche Geschichte rund um zweisprachige Ortstafeln in mehreren Kärntner Gemeinden könnte zu einem guten Ende finden. Bleibt zu hoffen, dass die Annäherung bisher unversöhnlicher Standpunkte nicht nur der großen Landesfeier am morgigen Sonntag geschuldet ist, um den geplanten Festumzug vor den Spitzen der Republik nicht zu gefährden.

Der 10.Oktober ist zu Recht seit dem Jahr 1921 Kärntens Landesfeiertag. 1920, vor neunzig Jahren, entschied sich die Bevölkerung im heutigen südlichen Teil des Bundeslandes mehrheitlich für den Verbleib beim Bundesstaat Österreich und gegen den Anschluss an das „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ (SHS). In einer geheimen Volksabstimmung, der ein unglaubliches Trommelfeuer an Agitation vorausging. Heutige Wahlkämpfe sind ein lindes Lüfterl gegen die Emotionen, die damals beiderseits entfacht wurden. Mit heißem Herzen kämpften Österreicher und Südslawen um jede einzelne Stimme in der Abstimmungszone – wochenlang, mit allen damals bekannten Mitteln der Propaganda.

 

Kärnten griff zu den Waffen

Aber wie kam es zu diesem Volksentscheid? Wieso erhielten ausgerechnet die Kärntner diese Chance, ihr Selbstbestimmungsrecht auszuüben? Das gab es sonst nirgends in Europa: Südtiroler hatten diese Möglichkeit ebenso wenig wie die Untersteirer, die Kanaltaler, die Unterkärntner, die Sudetendeutschen, die Schlesier.

Sie alle wurden nach Ende des Ersten Weltkrieges und dem Kollaps der österreichisch-ungarischen Monarchie von den Nachbarn im Friedensvertrag zu St.Germain vom 10.September 1919 den Nachbarstaaten einfach einverleibt – eine gröbliche Verletzung des so gepriesenen „Selbstbestimmungsrechts der Völker“. Unter Protest zwar, aber ohne Gegenwehr der betroffenen Bevölkerung. Lediglich die Kärntner hatten zuvor schon zu den Waffen gegriffen.

 

Ferlach, Völkermarkt besetzt

Denn der neue südslawische Staat hatte voreilig gehandelt. Um seine territorialen Ansprüche auf Kärnten sicherzustellen und noch vor einem Friedensvertrag klare Fronten zu schaffen, fielen am 5.November 1918 SHS-Truppen ins Rosental und ins untere Gailtal ein. Ferlach und Völkermarkt wurden besetzt. Treibende Kraft war – so wie bei der Annexion der Untersteiermark mit Marburg und Cilli – der frühere k.u.k. Offizier Rudolf Maister, der sich nun – als glühender Nationalist – „Majster“ nannte. Die Kärntner Landesregierung wich vorsorglich nach Spittal an der Drau aus.

Einen Monat später beschloss die provisorische Kärntner Landesregierung unter Arthur Lemisch den bewaffneten Widerstand. Die provisorische österreichische Regierung konnte den Abwehrkampf offiziell nicht unterstützen, denn das hungernde Österreich war auf Lebensmittellieferungen aus den Nachbarstaaten angewiesen.

Wien schickte allerdings Material und ein kleines Truppenkontingent. Auch der spätere Bundespräsident Franz Jonas kämpfte gegen das südslawische Königreich unter dem Kommando von Oberleutnant Hans Steinacher und dem Landesbefehlshaber Oberstleutnant Ludwig Hülgerth.

Arnoldstein wurde im Jänner 1919 zurückerobert, dann auch Ferlach. Die USA als selbst ernannte Vermittler schritten ein. Am 14.Jänner erzwangen sie einen Waffenstillstand und bildeten eine Kommission unter Oberstleutnant Sherman Miles zur Klärung strittiger Gebietsfragen.

Diese „Miles-Kommission“ empfahl eine Volksabstimmung in dem umkämpften südkärntnerischen Gebiet, wo Deutsche und Slowenen seit Jahrhunderten mehr schlecht als recht miteinander siedelten. Man schuf zwei Zonen – A und B. Zuerst sollte in der südlicheren Zone abgestimmt werden. Hier siedelten vornehmlich Kärntner Slowenen: Bei der letzten Volkszählung 1910 hatten hier 70Prozent Slowenisch als Umgangssprache“ angegeben. Ginge das Votum hier für Österreich aus, dann könnte man sich die Abstimmung in der nördlicheren Zone ersparen. Diese „ZoneB“ hätte dann auch die Landeshauptstadt Klagenfurt betroffen. So war die Ausgangslage. Eine faire demokratische Fragestellung – unter internationaler Beobachtung.

 

Eine wahre Propagandaschlacht

Was dann folgte, war eine Mobilisierung der beiden Volksgruppen in bis dahin nicht gekanntem Ausmaß. Mit Versprechungen, düsterer Schwarzmalerei und brutalen Drohungen wurde das Landvolk beeinflusst. Vor allem die Slowenen, die für Österreich stimmen wollten, sahen sich einem südslawischen Agitationstrommelfeuer ausgesetzt. Auf einem slowenischen Plakat lockt eine zerlumpte Greisin ein hübsches Kärntner Trachtenpärchen: „Ich mag das alte abgewirtschaftete Österreich nicht. Ich habe das junge reiche Jugoslawien lieber...“

Die deutsche Propaganda setzte auf Bewährtes: „Die Heimat ruft“ – „Auf zur Abstimmung!“ – „Bleibt Kärnten treu!“ Sie musste im Untergrund agieren, weil die ZoneA jugoslawisch okkupiert war. Hier liegt der Wurzelgrund des „Kärntner Heimatdienstes“, der heute nach vielen Jahrzehnten unverrückbarer Gegnerschaft der Aussöhnung mit der slowenischen Minderheit das Wort redet.

 

Belgrad allzu siegessicher

Die Landesregierung hatte ihren Sitz inzwischen außerhalb des Abstimmungsgebietes in St.Veit/Glan aufgeschlagen. Ein Jahr dauerte das Ringen um die Herzen der Menschen. „Jugoslawien“, schrieb die Historikerin Claudia Fräss-Ehrfeld im Sammelband „90 Jahre Republik“, „Jugoslawien übte in dieser Zeit in der ZoneA die vollen staatlichen Hoheitsrechte aus – mittels zweier Bezirkshauptmannschaften in Völkermarkt und in Ferlach, die Laibach direkt unterstellt waren. Die Verbindung zum übrigen Kärnten war abgeschnitten, die Demarkationslinie zum Norden des Landes hermetisch abgeriegelt.“ Dementsprechend siegessicher gab sich auch Belgrad.

Umso erstaunlicher der Erfolg von Lemisch und Steinacher sowie die Haltung der slowenischen Minderheit: Fast jeder zweite Kärntner mit slowenischer Umgangssprache hat für die Einheit Kärntens gestimmt. Ihnen war das gewohnte wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Umfeld offensichtlich wichtiger als die Nation.

 

Ein unstrittiges Ergebnis

Das Ergebnis vom 10.Oktober war klar und eindeutig: Bei einer Wahlbeteiligung von 95,78 Prozent stimmten 22.025 Kärntner für die Landeseinheit, 15.279 für den Zusammenschluss mit dem SHS-Staat.

Der Schock in Belgrad saß so tief, dass es der jugoslawischen Truppe in Laibach befahl, die Abstimmungszone zu besetzen. Ein Ultimatum der interalliierten Botschafterkonferenz in Paris erzwang nach einer Woche den Truppenabzug.

1945 sollte sich diese Gefahr für die Kärntner Landeseinheit übrigens wiederholen. Große Teile Südkärntens (Klagenfurt eingeschlossen) wurden von den kommunistischen Tito-Partisanen besetzt, deutschsprachige Kärntner deportiert oder gleich an Ort und Stelle liquidiert. Britische Truppen beendeten schließlich den Spuk.

Für Europa von Bedeutung bleibt, dass die Volksabstimmung von 1920 die erste demokratische Befragung einer Bevölkerung nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker war. Und dass die Karawanken als Staatsgrenze gesichert blieben. Sie bildeten jahrzehntelang die Grenze im Ost-West-Konflikt zwischen kommunistischen Diktaturen und westlicher Demokratie, später auch die Schengen-Außengrenze.

Auf einen Blick

Für Österreich votierten in der Abstimmungszone A (in Prozent):
Zell Pfarre 3,2
Windisch Bleiberg 20,5
Ludmannsdorf 20,6
Vellach 21,4
Schwabegg 25,0
Feistritz i. Rosental 45,0
St. Jakob i. Rosental 45,7
Globasnitz 46,2
Sankt Kanzian 54,6
Eberndorf 61,1
Köttmannsdorf 62,3
Eisenkappel 67,8
Ferlach 72,5
Bleiburg 75,3
Tainach 85,9
Völkermarkt 83,4
Lavamünd 92,9
Pustritz 96,8

Wer war „General Majster“?

Rudolf Maister war Sohn einer ethnisch gemischten Familie in der Steiermark, wurde von seiner slowenischen Mutter zu einem glühenden Nationalisten er- zogen und ging als „Schlächter von Marburg“ in die Geschichtsbücher ein. Der 1874 Geborene diente als k.u.k. Leutnant (l.) und betrieb 1919 als „General Majster“ (r.) konsequent die Abtrennung der Untersteiermark von Österreich – fast ein Drittel des Landes. Der slowenische nationale „Volksrat für die Steiermark“ übertrug ihm den Militärbefehl über Marburg, die bisherige Hauptstadt von Untersteier.

„Blutsonntag“:
Am 27.Jänner 1919 demonstrierten 10.000 Marburger für einen Verbleib ihrer Stadt bei Österreich. Maister ließ in die Menge schießen, Panik erfasste die Men-schen. 13 Tote und etwa 60 Schwer- verwundete wurden rasch weggeschafft, denn die „Miles“-Kommission sollte auf ihrem Weg nach Kärnten nichts von dem Massaker erfahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2010)

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14 Kommentare

Auch eine Geschichtslüge ..

... dass sich die Kärntner für den Verbleib bei Österreich entschieden.
"Kärnten frei und ungeteilt (!)" war die Parole. Für die meisten Kärntner (egal welcher Muttersprache sie sind) ist eine Teilung des Landes undenkbar. Daher auch die große Zustimmung der slowenischen Bevölkerung.

Der Zusammenhalt der Bevölkerung dieses Landes ist auch geographisch bedingt. Es ist das einzige Land der Welt, in dem alle Quellen ins Landesinnere fließen. Das macht das Land zu etwas einzigartigem.

Außerdem haben in diesem Land 1000 Jahre Slawen und Germanen zusammengelebt ohne sich gegenseitig zu bekriegen. Auch das ist einzigartig.

Aber was weiss schon ein Wiener.

Gleiches Maß

Ich nehme doch an, dass Leutnant Maister für die Ermordung von Zivilisten abgeurteilt wurde. Oder etwa nicht?

Wieso?

Hat ja nur unser Volk umgebracht.
Dafür bekommt er von den Sozialisten und Grünen höchstens noch einen Orden und wird in der PRESSE noch lobend erwähnt.
Wer immer gegen uns kämpft (wobei die Wahl der Mittel unbedeutend ist) ist ein Held.

Slowenischsprachig...

Die Kärtnerslowenen haben sich damals entschieden in einem ungeteilten, mehrsprachigen Kärnten zu leben...
Wurde es ihnen gedankt?
Wie Viele Kärtnerslowenen gab es damals und wie Viele gibt es heute?
Ist der Kärtner Ortsnamenkonflikt gelöst und genießen die Kärtnerslowenen einen optimalen Schutz ihrer Sprache und ihrer Kultur?
Ein Beispiel wie man es richtig macht...
Alta Badia: Ortstafelparadies ohne Ortstafelstreit
"Sechs Dörfer in einem Teil des Südtiroler Gadertals haben 18 Namen – italienische, deutsche und ladinische – und kein Problem damit. Eher, auch Österreicher als Gäste zu gewinnen. Jetzt versuchen sie's kulinarisch."
http://diepresse.com/home/leben/reise/600782/index.do?from=suche.intern.portal

Dann braucht man auch nicht Andere zu betteln, daß man gerettet wird... ;)

Viele Grüße aus Südtirol...

Antworten Gast: Elsässer
11.10.2010 00:28
0

Re: Bei uns stirbt das Deutsch aus! Warum?

Weil es im Elsaß für die 2 Mill. Deutschsprechenden keinen Minderheitenschutz gibt!

Sie sollten daher ihre Leserbeitrag in einer Elsässer Zeitung bringen ...

Heute habe ich heimweh............

vivat kaernten - crescat et floreat - fuer mich ein festtag - heute arbeite ich nicht - eingedenk meiner vorfahren, die fuer die freiheit meiner heimat eingetreten sind - damals - zwischen 1918 und 1920 - keine gedanken an die politik von heute oder der letzten jahre - fern der heimat tut es mir weh, dass ich in klagenfurt nicht dem umzug beiwohnen kann - ein gutes gelingen - und - kaernten frei und ungeteilt.......

Gast: AlterKämpfer
10.10.2010 07:31
3

Kärnten deutsch und ungeteilt!

Sie starben auf daß Kärnten lebe!
Ehre ihrem Andenken!

"... gleich an Ort und Stelle liquidiert. Britische Truppen beendeten schließlich den Spuk."

Sowas als Spuk zu bezeichnen ...

Verharmlosung ...

... ist leider nicht immer straffrei.

Gast: Markus Trullus
09.10.2010 09:15
1

Tragisch ist's schon...

Man mag zu den Kärntner stehen, wie man will. Einer österreichorientierten Mehrheit den Willen anderer aufzuzwingen war damals der "Renner der Panslawisten", die eine Lückenlose slawische Kultur von der Baltik bis nach Albanien schaffen wollten, Ungarn und Österreich waren das Hindernis, dass es langsam "auszuhungern" und rauszudrängen galt. Diese Ängste sind es, die bis heute, neben den viel älteren, aus der Türkenerfahrung 1683 gibt, die die Menschen hierzulande unterbewußt steuern. Das kann man belegen... wo immer auch, in Vorurteilen usw... darüber "redete man aber nicht"... und das Nichtaufarbeiten pflegt dann an anderen Stellen wie Xenophobie wieder hoch zu kommen.

Erinnerungen


I meinem Heimatort Feistritz im Rosental wuetete, der Erzaehlung meiner Mutter nach, Jugoslawien freundliche Pruegelbanden und verschreckten die heimattreuen Waehler.
So weit ich mich erinnere, waehlte die Gemeinde mit einer knappen Mehrheit den Anschluss an Jugoslawien. Die Mehrheit des Landes -Gott sei Dank - fuehrte zur Freiheit und Einheit. Mein Vater, Lehrer in Feiastritz , musste nach Bodensdorf fluechten und kehrte als Lehrer zurueck .Als Auslands Kaerntner (Jahrgang 1919) hoffe ich, das Land findet zu einer vernuenftgen Regelung in der Volksgruppen Frage WLK

Gast: LernenLernen
09.10.2010 02:05
0

Das gab es sonst nirgends in Europa ?1?

Wie waere es mit der Volksabstimmung 1921 um Oedenburg?

Unglaublich - dieses Niveau ist beschaemend!

Am besten die Auflage einstampfen.

Gast: Luzifer
09.10.2010 02:00
1

Kärnten blieb nicht ganz ungeteilt: südlich der Karawanken

gelegene Bezirke mußten sehr wohl abgetreten werden, und das ganz ohne Volksabstimmung. Ob die Kanaltaler freiwillig zu Italienern wurden?

Interessant wäre auch zu wissen, wo die vielen Deutschsprachigen in Marburg hingekommen sind. Wenn man im slowenischen Telefonbuch von Marburg blättert, fallen die vielen deutschen Familiennamen auf: wahrscheinlich haben diese Leute freiwillig zum Slowenentum bekannt, sodaß man zweisprachige Ortsschilder in den ehemals deutsch- oder gemischtsprachigen Bezirken gar nicht mehr braucht ....

Gast: Gedanken_sind_frei
09.10.2010 01:28
0

Bemerkenswert

Nüchterne und objektive Beschreibung - auffallend im Vergleich zu den üblichen Gehässigkeiten des lachsrosanen Gutmenschenblattls.

Gut zu wissen daß es hier objektive Berichterstattung gibt !

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