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Gesundheit: Sozialversicherungen empfehlen "Rosskur"

18.11.2010 | 18:21 |  THOMAS PRIOR (Die Presse)

Angesichts der ausufernden Systemkosten legt der Hauptverband ein Konzept vor und will nun mit Bund und Ländern in Verhandlung treten. Kaum ein Stein soll auf dem anderen bleiben.

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[WIEN] Die nackten Zahlen verheißen nichts Gutes: Seit zehn Jahren steigen die Gesundheitsausgaben in Österreich stärker als die Wirtschaftsleistung. Das Institut für Höhere Studien prognostiziert, dass sie von derzeit 10,5 Prozent des BIPs auf über 12,5 Prozent bis ins Jahr 2030 anwachsen werden. Allein die öffentlichen Spitäler haben im Vorjahr 12,5 Milliarden Euro verschlungen. Schätzungen besagen, dass täglich eine Million Euro dazukommt.

Diese Entwicklung will der Hauptverband der Sozialversicherungsträger jetzt stoppen. Donnerstagabend präsentierten Vorstandschef Hans Jörg-Schelling und die Vorsitzende der Trägerkonferenz, WGKK-Chefin Ingrid Reischl, einen „Masterplan für Gesundheit“. Es ist ein sieben Seiten starkes Manifest für eine umfassende Gesundheitsreform. Die wichtigsten Punkte:

Neue Machtverteilung:
Kern der Reform ist eine Verfassungsänderung. Denn die wesentlichen Kompetenzen – Zieldefinition und Rahmenplanung – sollen dem Bund übertragen werden. Die Länder sollen im Spitalsbereich nur noch mit der Detailplanung betraut werden; man könnte auch sagen: entmachtet werden. Auch wenn das so natürlich nicht im Papier steht.

Überhaupt will die Sozialversicherung das System vereinfachen. Derzeit trennt das Gesundheitswesen die Kompetenzen zwischen Krankenanstalten und niedergelassenen Ärzten auf. Mit negativen Folgen, wie der Hauptverband findet: So komme es oft zu „Über-, Unter- und Fehlversorgungen“. Im Spitalsbereich sind die Kompetenzen nochmals aufgeteilt: Der Bund ist für die Grundsatzgesetzgebung zuständig, die Länder für Ausführungsgesetzgebung und Vollziehung. Mit dem fragwürdigen Effekt, dass jedes Bundesland andere Regeln hat. Ergo: „Die Versorgung erfolgt nicht nach dem Bedarf, sondern nach den Zuständigkeiten der Akteure“, heißt es im Papier.

Der Hauptverband fordert deshalb eine bundesweit einheitliche Planung im Gesundheitswesen, die sich am Bedarf orientiert. Einen Rahmenplan gebe es zwar bereits – er sei jedoch „vergangenheitsorientiert“ und „nicht umfassend“.

Einheitliche Gesundheitsziele:
Zur Orientierung sollen künftig nationale Gesundheitsziele definiert werden, wie das in nahezu ganz Europa übliche Praxis ist. Einige Bundesländer haben zwar sogenannte Landesgesundheitsziele, doch die Themen und Zeithorizonte sind entsprechend unterschiedlich. Notwendig sei „ein Paradigmenwechsel“, meint die Sozialversicherung: Weg von der „reinen Reparaturmedizin“ – hin zu mehr Prävention.

Restrukturierung der Spitäler:
Mit 6,4 Akutbetten pro 1000 Einwohner liegt Österreich deutlich über dem EU-Schnitt von 3,6. Das ist ziemlich kostspielig, weshalb der Hauptverband dafür plädiert, die überzähligen Betten für Pflege und Rehabilitation zu verwenden.

Überhaupt müssten die Spitäler modernisiert und länderübergreifend geplant werden. Es brauche Tages- und Wochenkliniken; die Ambulanzen seien in Aufnahme-, Erstversorgungs- und Spezialzentren aufzuteilen. Spitzenversorgung, etwa komplizierte Operationen, sollte in Schwerpunktkrankenhäusern zentralisiert werden, die Basisversorgung dezentral bleiben. Schließungen seien nicht nötig. Die Ideen dürften im Sinne von Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) sein, der ähnliche Pläne hat. Interessanterweise bringt er es im „Masterplan“ auf keine Erwähnung.

„Gesamthafte“ Finanzierung:
Ziel des Hauptverbands ist eine „Finanzierung aus einem Topf“. Die Spitäler sollten zur Offenlegung ihrer Schulden und dann zu Konsolidierungsmaßnahmen gezwungen werden – wie die Krankenkassen.

Die Mittel für die Spitalsfinanzierung (die Hauptlast tragen Sozialversicherungen und Bund, obwohl sie kein Mitspracherecht haben) sollen gebündelt und an ein Prinzip gekoppelt werden: „Erst ein an gemeinsam formulierten Gesundheitszielen orientierter Bedarf löst Zahlungsströme aus.“

Orientierung am Patienten:
Die Öffnungszeiten in den Ärztepraxen sollten an die Bedürfnisse der Patienten angepasst werden. Denn: „Krankheit kennt keine Öffnungszeiten.“ Darüber hinaus brauche es neue Versorgungsstrukturen, etwa Kassenambulatorien und interdisziplinäre Ärztegesellschaften. Denn Gruppenpraxen gleicher Fachrichtungen seien letztlich nicht genug.

Mit diesen Vorschlägen will die Sozialversicherung einen „Gesundheitsreformdialog“ mit Bund und Ländern starten, es gilt das plakative Motto: „Allianz der gesunden Vernunft.“ Anfang 2011 wird Vorstandschef Schelling zur „Ersten nationalen Gesundheitskonferenz“ laden. Bis 2013 soll die Reform stehen. Dann nämlich wird der nächste Finanzausgleich geschnürt.


("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2010)

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14 Kommentare
Gast: Versailles
19.11.2010 13:28
0 0

Die Einnahmenseite wird stets ausgeblendet

Aber daran wird ebenfalls die Sozialversicherung zerbrechen.

Gast: Kassenarzt
19.11.2010 12:34
0 0

Orientierung am Patienten

"Die Öffnungszeiten in den Ärztepraxen sollten an die Bedürfnisse der Patienten angepasst werden. Denn: Krankheit kennt keine Öffnungszeiten. Darüber hinaus brauche es neue Versorgungsstrukturen, etwa Kassenambulatorien und interdisziplinäre Ärztegesellschaften."

Ja,wenn die gesetzlichen Vorgaben geändert werden (z.B. Anstellung von Ärzten durch Ärzte,
was derzeit nicht möglich ist) u n d wenn diese Rund-um-die-Uhr-Leistungen von den Kassen auch bezahlt werden !

Das mit den Kassenambulatorien bitte wieder ganz schnell vergessen, die sind nur teuer und ineffizient im Vergleich zu den Niedergelassenen.

Re: Orientierung am Patienten

Kleien Frage: Ist hIr Nickname Programm?

Bei den Kosten für die Ambulanzen ist zu unterscheiden, ob diese einem Spital angeschlossen sind und die in der Ambulanz beschäftigten Ärzte auch als "Reserve" für das Spital eingesetzt werden. In der regel werden die Kosten für ambulanzen wohl so berechnet, als wären die Ärzte und das ärztliche hilfspersonal ausschließlich in der Ambulanz beschäftigt.

mediview
19.11.2010 10:01
0 0

Zurück in die Zukunft....

Und für diesen Zukunftsplan hat man monatelang gearbeitet und die Präsentation von März auf November verschoben. Im Grunde nichts Neues, einige schöne Stehsätze, der Plan wird auch wieder in der Schublade enden und die Länderfürsten weiter in Sichtweite ihre Spitäler errichten. http://mediview.wordpress.com/

Entropix
19.11.2010 09:59
0 0

ceterum censeo

Landesregierungen sind abzuschaffende ;-)

Antworten Steininger
19.11.2010 13:06
0 0

Re: ceterum censeo

Die Regierungen könnte man schon lassen. Die Landtage sollte man zusammenstreichen.
Sagen wir die Wähler eines Bundeslandes wählen einen Staatsrat direkt. 5 Leute. Die sind dann die Landesregierung. Als Konzentrationsregierung müssen sie zusammenarbeiten. Auf jeden Fall: Arbeiten.
Die Perversion eines nicht amtsführenden Landesrates sollte abgeschafft werden!

Re: Re: ceterum censeo

Nun da sich bekanntlich Zwangsheiraten zur Freude aller sehr bewähren, installieren wir Zwangskoalitionen durch eine Konzentrationsregierung, wobei nicht klar ist, was diese eigentlich tun sollen. Kontrollieren, ob der Abstand zwischen zwei Vollspitälern mit vielelicht 20km nicht zu groß und daher unzulässig ist?

babyzloti
19.11.2010 00:06
0 0

Ergänzende Infos zum Artikel

Der neue "Masterplan Gesundheit -Einladung zum Dialog" des Hauptverbandes der Sozialversicherungstärger wurde heute im Rahmen einer Präsentation vorgestellt. Das Dokument ist auf der Homepage des HVB der SV-Träger zu lesen.
www.hauptverband.at

In der Zib2 war der Präsident des Hauptverbandes der SV-Träger Hans Jörg Schelling Studiogast.
http://tvthek.orf.at/programs/1211-ZiB-2

Gast: Denkender Mensch
18.11.2010 22:21
1 0

Welche Industrie wird sich selbst Forschungen finanzieren,die ihre Einnahmen verkleinern

Der Staat meint sich viel Geld zu ersparen,wenn
er die Forschungskosten der Industrie überläßt.
Doch diese kann nur gewinnorierentiert arbeiten.
Das heißt die Industrie ist natürlich nicht "böse"
doch will jede Industrie eben verdienen.
Das heißt:Entweder der Staat forscht selbst,
wie man gesunde Menschen erreichen kann,oder das System wird
ganz einfach pleite gehen!

Der Staat könnte sich zumindest an den Forschungskosten beteiligen.
Es gibt auch die Möglichkeit ,wie in der USA,dass
verschiedene Industriezweige Forschung bezahlen,doch müßte das Ergebnis letztlich
freie Forschung sein.Wahrheit kann unbequem
sein,doch wenn die Wahrheit gekauft ist,so
ist das so wie wenn jemand mit einer
schlechten Brille geht und dabei letztlich stürzt !

realized
18.11.2010 21:30
0 0

All die Aufregungen...

..werden einmal mehr darin resultieren, dass die "pöse" Pharmaindustrie wieder einmal zur Kasse gebeten wird und man in der Folge sechs Monate weiterwurschteln kann.

Solange jede Gruppe von Privilegierten ihre eigene Krankenkasse hat, jeder Misthaufen in jedem Bundesland sein Schwerpunktkrankenhaus , solange als Folge Krankenhausärzte bis zur Besinnungslosigkeit schuften müssen wird sich wenig ändern.

Auch im Gesundheitsbereich heisst das einzige Thema STRUKTURREFORM und Schluss mit dem Föderalismus

Gast: Tropsch
18.11.2010 21:14
1 0

Auch ein Kostenfaktor

Es muß aber auch darauf geschaut werden, dass eine e-card nur für EINE Person gilt!

helmar
18.11.2010 20:06
3 0

1 Versicherungsträger.....

würde bundesweit reichen. Aber wohin dann mit den ganzen Funktionären?

Antworten realized
18.11.2010 21:32
1 0

Re: 1 Versicherungsträger.....

Wenn alle diese Apparatschiks arbeitslos wären, könnte man nachts nicht mehr auf die Strasse gehen.

Gast: Parteiloser
18.11.2010 18:59
1 0

Eigentlich gut, aber doch was Wichtiges vergessen!

Die Verwaltung der Sozialversicherungsträger ist so was von schlecht und voller Privilegien (gesetzlich geregelt), dass auch dort etwas gemacht werden muss.

Ich selber würde erst mein eigenes Haus in Ordnung bringen und dann die Verbesserungen bei meinen Mitmenschen einfordern.

Bei den Spitälern liegt sicher sehr viel im Argen. Das geht auch nicht anders, wenn dieser Bereich von studierten Musiklehrern, mit krankhaft übersteigerten Selbstwertgefühl, zur eigenen Krankheitsbehandlung missbraucht wird.

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