Der letzte Habsburger

04.07.2011 | 18:38 |  von Michael Fleischhacker (Die Presse)

Otto Habsburg hat noch verstanden, was man unter einer demokratischen Metamorphose Kakaniens unter europäischen Vorzeichen verstehen könnte. Nach ihm kann das niemand mehr.

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Das Begräbnis von Otto Habsburg wird noch einmal die Vergangenheitssehnsüchte der Österreicher befriedigen. So war es beim Begräbnis seiner Mutter, der Kaiserin Zita, und so wird es dann nie mehr sein. Der Tod des letzten Thronfolgers bedeutet das Ende des „Erzhauses“ als Teil der politischen Wirklichkeit Österreichs.

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Daran würde sich auch dann nichts ändern, wenn eines Tages ein Bundespräsident namens Habsburg in die Hofburg einzöge. Das hat nicht nur damit zu tun, dass nach Ottos Tod kein Familienmitglied in Sicht ist, dem man eine überregionale politische Statur zutrauen könnte – die politischen Gehversuche seines ältesten Sohnes Karl sind noch in eher peinlicher Erinnerung.

Es hat auch und vor allem damit zu tun, dass mit Otto sowohl biografisch als auch intellektuell die Verbindung zum habsburgischen Vielvölkerstaat abgerissen ist. Otto Habsburg hat noch verstanden und gelebt, was man unter einer demokratischen Metamorphose Kakaniens unter europäischen Vorzeichen verstehen könnte. Nach ihm kann das niemand mehr, er war der letzte Habsburger.

Die Biografie dieses Mannes ist die Geschichte Österreichs: Der Untergang der Habsburgermonarchie aufgrund von dramatischen Fehlentscheidungen seines Urgroßonkels und seines Vaters, der Überlebenskampf des „Restes“, in dem sich die „schwarzgelben“ Kaisertreuen und die Deutschsehnsüchtigen aller Couleurs verbrauchten, die unselige „Heimkehr“ in Hitlers Reich, der Kampf um die Wiedererrichtung Österreichs, in den Otto Habsburg sich leidenschaftlich einmischte.

Von den durchaus zweifelhaften Versuchen, die wiedererlangte Selbstständigkeit geschichts- und identitätspolitisch abzusichern, war Otto Habsburg direkt betroffen: Eine Nation, die so wenig Selbstbewusstsein hatte, dass sie sich vor der Ambivalenz von Opfer- und Täterschaft in die Vorstellung flüchten musste, ausschließlich Opfer gewesen zu sein, musste sich natürlich auch vor einem Mann fürchten, der sich und seinen Überzeugungen über die Jahrzehnte treu geblieben war. Der Habsburg-Kannibalismus war Teil der österreichischen Verdrängungsstrategie, einer Geschichtsneurose, die man zunächst durch paradoxe Interventionen à la Waldheim zu heilen versuchte, ehe sie in der Therapiekammer der Europäischen Union ausklingen konnte.

Als Österreich nach Europa kam, war Otto Habsburg schon lange dort. Das Porträt, das den Knaben mit seinem Urgroßonkel, Kaiser Franz Joseph, zeigt, setzt diese Geschichte eines Jahrhunderts ins Bild. Die angemessene Form des Gedenkens an Otto Habsburg wäre die republikanische Fortsetzung eines Lebenswerkes, das die Wiedervereinigung Europas zum Ziel hatte. Für Otto Habsburg war das Aufgehen des Eisernen Vorhanges der wichtigste Moment in seinem Leben. Vor bald einem Vierteljahrhundert war das auch für die politischen Eliten des Landes so, man sah die Chance, Österreich wieder in der politischen Mitte Europas anzusiedeln. Genutzt wurde sie nur von klugen Geschäftsleuten und treuen Begleitern jener Helden, die sich in all den Jahren unter Einsatz ihrer Existenzen für eine Rückkehr ihrer Länder nach Europa eingesetzt hatten. Politisch dominiert heute die Angst vor fleißigen tschechischen Handwerkern, die sich nicht an die österreichischen Überstundenregelungen halten.

Denn politisch wird nicht mehr in historischen Perspektiven gedacht. Man muss kein Monarchist sein, um diese Verkürzung des Denkens auf vier- oder fünfjährige Legislaturperioden für einen der Nachteile der schlechtestbesten Regierungsform zu halten. Es ist eine schöne Ironie der österreichischen Geschichte, dass der Tod des letzten Habsburgers den republikanischen Kleingeist unserer Tage herausfordert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2011)

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17 Kommentare
Gast: Luzifer
09.07.2011 16:29
3

Habe von Chefred. Fleischhacker schon besseres gelesen!

Abgesehen von der seltsamen "Statement", daß Otto Habsburg mit seinem 22 Enkeln der "letzte Habsburger" sei: Das Leben und Wirken des Thronprätetenten zeigt doch einen höchst erstaunlichen Weitblick! Zu Zeiten, als kaum mehr einer an Österreich glaubte, kämpfte er mit Löwenmut um ein selbstständiges Österreich und hätte, wenn ihn Schuschnigg gelassen hätte, auch sein Leben dafür geopfert. Auch sein Engagement für Europa zu einer Zeit, als Europa in West und Ost und dieses wieder in "Sieger-" und "Verlierernationen" verfiel, ist ein weiterer schlagender Beweis, daß die österr. Mittelmäßigkeit in blankem Umverstand einen der größten Söhne Österreichs aus der Heimat verbannte. Wie edel und großmütig dieser MANN war, zeigte sich, als er nichts desto trotz als bayrischer Europa-Parlamentsabgeordnete für die Aufnahme seiner Heimat in die EU eintrat und sie aus der politischen Versenkung befreite!
Wir alle, welcher politischen Richtung auch immer, sollte mit großem Respekt dieses großen Mannes gedenken!

Gast: hk1190
06.07.2011 10:29
4

Anstrengend ...

… ist die immer wieder in der Öffentlichkeit – besonders im ORF – wiedergekäute Position, daß Monarchie und Demokratie nicht vereinbar wären. Eine abgrundtiefe Dummheit, die wir uns aus dem Staatsfunk gefallen lassen müssen, schon einmal dadurch widerlegt, wenn man die politischen Systeme der Staaten Eu-ropas betrachtet. Findet sich niemand der Adressaten solcher Meldungen, der an das verursachende Medium herantritt und auf die Unhaltbarkeit solchen Schwindels hinweist?
Im übrigen wäre es über die vergangenen Jahrzehnte durchaus von Vorteil gewe-sen, einen Menschen mit der Qualität Otto von Habsburgs in Hofburg gehabt zu ha-ben.
In Verbindung damit noch etwas: das ewige Schielen unserer Politiker nach dem, was denn das Ausland zu diesem und jenem argwöhnen könnte, läßt an dem Selbstverständnis unseres Staates zweifeln und ihn als bloßen Appendix vermuteter externer Interessen erscheinen.
Was meint die Leserschaft?

Antworten Gast: Johann S
06.07.2011 17:50
1

Re: Anstrengend ...

Pardon es muss natürlich dass heissen.Staats und Regierungsformen sind unterscheidbar Staatsform: Republik-Monarchie. Regierungsform: Demokratie-Diktatur wobei meiner Sicht nach die Demokratie sehr wohl im kausalen Zusammenhang zur Monarchie steht.(Demos= Volk) Lb Gr

Antworten Gast: Johann S
06.07.2011 17:07
2

Re: Anstrengend ...

Insofern vereinbar , das die europäischen Monarchien auch Demokratien sind.Gegen eine Erbmonarchie spricht jedoch die Menschenrechtserklärung der Uno von 1948 in ihren Artikeln 1,2 und 21(Gleichheitsprinzip).Auch üben die bestehenden Königshäuser eher repräsentative Funktionen aus.Dieser momentane Hype aus traurigem Anlasswird sich bald wieder legen.Es gibt nichts was in unserer Republik nicht bewältigbar ist. Lb Gr Johann

Wer hat Vergangenheitssehnsüchte ?

Will wirklich wer die Habsburger als Regenten zurück?
Unsere Regierungen kann man -zum und mit Glück- abwählen- der Kaiser ist gottgewollt......
Fürstenhochzeit, Kaiserbegräbnis----Stoff für die Medien und Unterhaltung für die Zuseher,ohne Bedeurung , dass man diese Zustände auch im eigenen Land möchte.

Antworten Gast: Genosse Graf Gudenus
05.07.2011 23:42
0

Sehnsüchte ?

Nach etwas Zukünftiges

Gast: Lolo52
05.07.2011 13:45
0

Ich verstehe den 1. Absatz so !

Wenn mehrere Herrscher ein Hirngespinst wie Rußlands Tschernobil unter Europäischer Führung unter den Teppich kehrt ohne dass jemand etwas bemerkt - oder
"Tsunami einmal anders".
Oder: Licht, Luft und Wasser mehr braucht der Mensch nicht um zu Leben !
Demokratische Metamorphose Kakaniens unter europäischen Vorzeichen.

worthülse des jahres 2011!

mit viel freude lese ich die klugen anmerkungen der monarchisten mit tagesfreizeit, und den tiefsinnigen kommentar von Herrn Fleischhacker über "den letzen Habsburger" (werden die jetzt noch lebenden alle umbenannt?);
ganz besonders begeistert hat mich aber die dreifach gedrechselte worthülse im quadratischen konjunktiv am beginn dieses kommentars; was immer das auch heissen soll, es ist erstaunlich für den chefredakteuer eines blattes, das stolz die jahreszahl 1848 auf der titelseite führt; ich werde wohl den ganzen urlaub brauchen, um die bedeutung dieser definition zu verstehen; und Herr Fleischhacker darf dafür in der Kapuzinerkirche ministrieren?

Gast: homunculus
05.07.2011 10:47
5

Habsburger

An die Größe und den Glanz der Familie Habsburg wird irgend so ein republikanischer Politiker von gestern, heute oder morgen NIE (!!!) heranreichen. Von den Habsburgern wird man in 200 Jahren noch in den Geschichtsbüchern lesen, von irgendwelchen heutigen, gestigen oder morgigen "Politikern" wohl kaum!

Ps.: Die rote Reichshälfte darf sich jetzt empören, was mir piepschnurzegal ist ... !!!

Gast: Genosse Graf Gudenus
05.07.2011 10:16
3

Der letzte ...,

Fürsten - soweit sie regieren - sind in Latein männlichen Geschlechtes.

In diesem Sinne war der “letzte” 'Habsburger' nicht Karl VI. sondern Maria Theresia.

Als archidux Austriæ.

Regel, die vielleicht hinsichtlich Böhmen NICHT galt wohl aber betreffend Ungarn. Dementsprechend war Maria Theresia erster rex Apostolicus Hungariæ.


Der letzte Habsburger

Ausgezeichneter Kommentar. Hr. Fleischhacker erwähnt alle wesentlichen Konsequenzen und Folgen des Todes Otto von Habsburgs.

Otto war in der Tat "der letzte Habsburger". Selbst wenn (rein hypothetisch) dereinst ein Habsburger noch einmal einen Thron auf dieser Welt besteigen sollte, die mystische, grosse Zeit dieses Hauses ging mit dem Tod Ottos endgültig und unwiederbringlich zu Ende. Es ist - wie im Artikel erwähnt - das Ende des "Erzhauses".

Das Einhalten

von Traditionen hat nichts mit "Vergangenheitssehnsucht" zu tun, sondern ist Ausdruck von Vernunft und kulturellem Verständnis. Siehe dazu englische Monarchie.
Dass wir unsere Vergangenheit so selten zu sehen und hören bekommen, liegt einzig und allein daran, das die Roten sprich die SPÖ und auch die FPÖ Habsburg und alles, wofür er stand und steht, hassen, bekämpft und marginalisiert haben, vor allem in Wien.

Ps: übrigens fürchtet sich nicht "die Nation" vor Habsburg: 1963 hat die ÖVP FÜR Habsburg (Aufhebung der Vertreibungsgesetze) gestimmt, SPÖ und FPÖ DAGEGEN - von wegen "Nation".

Die Plage des Kontinents

Wie kein anderes Adelgeschlecht haben die Habsburger Schaden, Tod und Verderbnis über den europäischen Kontinent gebracht.
Die ach so friedliebenden Herrscher von "Gottes Gnaden" die ja eine angeblich so glückliche Heiratspolitik betrieben, um Ihren Besitz zu mehren, haben in Wirklichkeit alle große Kriege in Europa ausgelöst. Z.B. den 30-jährigen Krieg, bei dem fast 50% aller Deutschen ermordet wurden und den ersten Weltkrieg, der mehr als 20 Millionen Tote forderte.
Das Volk haben sie immer nur als Mittel zum Zweck Ihrer Habgier mißbraucht. Ein wahres Tyrannengeschlecht, das bis zum heutigen Tag nur daran interessiert ist, sich die alten Besitztümer wieder einzuverleiben. Geblieben ist ein Volk von obrigkeithörigen Feiglingen, das sich auch heute noch von korrupten Familienclans aussackeln läßt.
Selbst die Bande zur katholischen Kirche waren immer nur Mittel zum Zweck, wie z.B. die Plünderung Roms durch die Truppen Karl V im Jahr 1527 zeigen.

Antworten Antworten Gast: helo
06.07.2011 03:12
2

Re: Die Plage des Kontinents

bbss22 bitte lernen Sie erst die Geschichte bevor Sie so einen Schwachsinn verzapfen.

Danke ...

... dass Sie mein Geschichtsverständnis auf Vordermann gebracht haben.
Ich war doch immer der Meinung, dass der schwedische König im Reich und nicht Habsburg in Schweden gekämpft hat.
Dass der katholische König von Frankreich die Protestanten finanziert hat um dem Erbfeind Habsburg zu schaden (die Frankreich auch die Türken bei ihrem Angriff auf Wien mitfinanziert hat).
Wissen Sie - zum Streiten gehören schon mindestens 2.
Angriffskriege führt Deutschland auch ganz ohne Herrscherhaus bis in die Jetztzeit.
Ich würde mir die Steursätze der "habgierigen" Habsburger wünschen. Der Pöbel hat da viel weniger Hemmungen, anderen ihr Geld wegzunehmen.

Antworten Antworten Gast: Prekär
05.07.2011 09:23
6

Re: Die Plage des Kontinents

Ziegelböhmmentalität!Die Vertreibung der
Altösterreicher aus den Kronländern war
natürlich der Ausdruck eines neuen oder
besseren Weltverständnisses. Benes,Rakosy,Tito die neuen Heiligen,die
der Welt nur Gutes brachten in der Form
von Dekreten,die zum Teil noch heute existieren.

Antworten Antworten Gast: anonymouse
05.07.2011 08:40
3

Re: Die Plage des Kontinents

Wie kein anderes Adelsgeschlecht???

Also waren die anderen Monarchien in den letzten 500 jahren hier in Europa alle friedfertig? Kriege? Führten nur die Habsburger! Greueltaten in den Kolonien (speziell Südamerika, Afrika und Indien), ja das waren alles die Habsburger!

Wirklich!

/ Sarkasmus off


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