ÖVP blitzt mit Krankenstand-Vorstoß ab

07.04.2012 | 16:09 |   (DiePresse.com)

Der Vorschlag des ÖVP-Wirtschaftsbunds, den ersten Krankenstandstag nicht mehr zu bezahlen, stößt auf breite Ablehnung. Er sei "dumm", "geschmacklos" und "wirtschaftlicher Unsinn". Auch parteiintern regt sich Widerstand.

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Der ÖVP-Wirtschaftsbund hat sich mit seinem Vorschlag, den ersten Krankenstandstag nicht mehr zu bezahlen, eine klare Absage geholt - und zwar von SPÖ, Opposition und Gewerkschaft. Selbst parteiintern regt sich Widerstand. Unterstützung kommt nur von der Wirtschaftskammer.

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Stein des Anstoßes: Wirtschaftsbund-Generalsekretär Peter Haubner hatte am Freitag gefordert, dass die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall künftig erst am zweiten Tag des Krankenstandes beginnen soll.

Sein Parteikollege Lukas Mandl lehnt den Vorstoß ab. "Wir respektieren die Position des Wirtschaftsbundes zu Krankenständen. Aber wir vertreten eine andere Position", sagte der Generalsekretär des ÖVP-Arbeitnehmerbunds ÖAAB. Mandl betonte, dass auch der ÖAAB für eine Senkung der Lohnnebenkosten eintrete. Dies könne allerdings nicht bedeuten, die Kosten auf die Arbeitnehmer zu verlagern. "Gesunde Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie intakte Familien sind grundlegend auch für wirtschaftlichen Erfolg. Diese Grundlagen sollte man nicht aufs Spiel setzen", betonte Mandl. Einseitige Einkommenseinbußen für Arbeitnehmer lehne man ab.

ÖGB: Forderung "politisch unverfroren"

Für den Leitenden Sekretär des ÖGB, Bernhard Achitz, ist die Forderung "politisch unverfroren" und "wirtschaftlicher Unsinn". Kranke Arbeitnehmer seien anfälliger für Arbeitsunfälle und wer sich nicht rasch auskuriere, riskiere einen langen Krankenstand. Dazu komme die Ansteckungsgefahr. "Damit sollte klar sein, dass es für einen Betrieb sinnvoller ist, wenn kranke MitarbeiterInnen zu Hause bleiben", sagte Achitz in einer Aussendung am Samstag. Außerdem würden sich Arbeitnehmer nicht aus Jux und Tollerei krankmelden, im Gegenteil: "Wir wissen, dass der Druck auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer steigt und sie eher dazu neigen, sich krank in die Arbeit zu schleppen, weil sie Angst haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren."

Eine Absage kommt auch von SP-Wirtschaftssprecher Christoph Matznetter, der die Haubner-Forderung als "unausgegoren" bezeichnet. "Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind das wichtigste Kapital unserer heimischen Betriebe. Ihre Gesundheit ist ein entscheidender Faktor für die österreichische Wettbewerbsfähigkeit", so Matznetter. An sozialstaatlichen Errungenschaften zu kratzen, wie jener des bezahlten Krankenstandes, sei der falsche Weg.

"Besonders geschmacklose Initiative"

Der stellvertretende FPÖ-Obmann Norbert Hofer bezeichnete den Vorschlag als "besonders geschmacklose Initiative". Für ihn unterstellt Haubner, dass Arbeitnehmer bei eintätigen Krankenständen "blau machen". Dabei seien von eintätigen Krankenständen vor allem chronisch Kranke mit regelmäßigen Kontrolluntersuchungen betroffen. Sie wären die "Hauptopfer dieser unsozialen Politik", so Hofer via Aussendung: "Gut geführte Unternehmen haben eine solche Unkultur der pauschalen Verdächtigung nicht nötig."

BZÖ-Arbeitnehmersprecher Sigisbert Dolinschek bezeichnete die Idee als "kontraproduktiv, unausgegoren und schlichtweg dumm". Er geht davon aus, dass - sollte für den ersten Krankenstandstag kein Gehalt gezahlt werden - die Betroffenen eben zum Arzt gehen und sich für mehrere Tage krankschreiben lassen würden. Dies würde letztendlich mehr kosten als ein Tag im Bett, so Dolinschek in einer Aussendung.

Die grüne Arbeitnehmersprecherin Birgit Schatz vermutet in der Haubner-Idee einen "verspäteten Aprilscherz". "Die Entgeltfortzahlung bei Krankheit schützt nicht nur die kranken MitarbeiterInnen, sondern auch die Betriebe. Wer sie einschränkt, erntet Menschen, die mit Fieber in die Arbeit gehen und andere anstecken können", so Schatz in einer Aussendung. Sie vermutet, dass Haubner ohnehin nur auf die schnelle Schlagzeile aus war "und nicht überlegt hat, was er da fordert".

Wirtschaftskammer: "Hoch an der Zeit"

Unterstützt wird Haubner nur von der Wirtschaftskammer. Für Generalsekretärin Anna Maria Hochhauser (ÖVP) wäre eine Entlastung der Unternehmen durch Übernahme des ersten Krankenstandstages durch die Arbeitnehmer "hoch an der Zeit". Sie verwies in einer Aussendung darauf, dass zuletzt mehrere neue Kostenbelastungen für die Betriebe eingeführt worden seien - etwa das Recht auf Elternteilzeit, der Mehrarbeitszuschlag für Teilzeitarbeitende und die "Auflösungsabgabe" bei Kündigungen. Außerdem müssten Betriebe immer öfter auch Entgeltfortzahlung für Situationen leisten, die nichts mit der betrieblichen Sphäre zu tun hätten.

(APA)

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254 Kommentare
 
12 3 4 5 6
Gast: Na und?
10.04.2012 10:28
0

Konter:

Dann machen halt die AN Dienst nach Vorschrift!

Schauen wir uns an, wer den längeren Atem hat...

Gast: Br2012
10.04.2012 08:58
0

Wahnsinn

Ich bin zwar so gut wie nie im Krankenstand aber bei so einer Regelung denk ich als erster dran einen Tag länger "krank" zu sein. Das lenkt in die falsche Richtung. Und die armen Unternehmen: Wieoft ist das GEhalt in den letzten 10 Jahren nich an die Inflation angeglichen worden, sprich es ist von Jahr zu Jahr weniger bezahlt worden!

Frau Generalsekretärin, sehr geehrter Wirtschaftsbund ihr Vorschlag ist eine bodenlose Frechheit!

Gast: prüfer
09.04.2012 20:14
0

Heuchler

In manchen Fällen (bei grob fahrlässiger Erkrankung, zB Verkehrsunfall) gebührt gegen den Arbeitgeber überhaupt kein Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Auch freie Dienstnehmer haben keinen Lohnfortzahlungsanspruch gegen ihre (freien) Dienstgeber. Für alle diese sieht § 138 Abs 1 ASVG vor, dass Krankengeld erst ab dem 4.Tag der Arbeitsunfähigkeit gebührt. Während der Wirtschaftsbund fest gescholten wird für einen Tag Lohnausfall, zahlt die ach so soziale Krankenkasse an freie Dienstnehmer erst ab dem 4.Tag, streicht also gleich 3 Tage. Das wissen natürlich die ÖGB Funktionäre,die in den Kassen sitzen, doch was im eigenen Bereich gesetzlich vorgesehen ist, dürfen die bösen Arbeigeber nicht einmal zu einem Drittel fordern - Heuchler!

Gast: Ex-ÖVP-Wähler
09.04.2012 18:48
3

Die zukünftige 20%-Partei fällt schon wieder mit dummen Sprüchen auf.

Gott, ist diese ÖVP eine jämmerliche Partei geworden. Dieser Abstieg hat mit diesem Lügenkanzler Schüssel begonnen.

Gast: harakiri
09.04.2012 15:26
0

hat sich dahinter

nicht irgendwo das Junggenie versteckt, das durch einen neuen genialen Vorschlag aufhorchen lässt ?

Wie kommt man auf sowas?

Menschen sind dazu verdammt krank zu werden. Der eine mehr den Andere weniger. Und das will man jetzt bestrafen??? Einfach krank!

Gast: ist es so ?
09.04.2012 13:59
0

Unsere sogenannten Vertreter bringen Schande über uns!

Ich denke da eher daran, dass da eher von den sogenannten "Vertretern" der Wirtschaft Schadenersatz zu verlangen ist, auf dass uns mit derartig kranken Vorschlägen mutwillig jegliches Vertrauen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zerstört wird. Was haben derartige Figuren als "unsere" Standesvertreter verloren, welche ausschließlich in primitiv brutaler Weise immer wieder mit dummdreisen Vorschlägen die Angestellten und Arbeiter beleidigen, die noch immer die Arbeit für jeden erwirtschafteten Gewinn erbringen und bei Gott zu 99% vernünftiger denken und handeln, als dies offensichtlich die Vertreter der Wirtschaftskammer imstande sind zu tun.
In diesem Sinne entschuldige ich mich bei allen Arbeitnehmern in Österreich und auch deren Vertretern, dass aus den Reihen der Wirtschaftskammer derart unvernünftige und beleidigende Vorschläge abgesondert werden!
Ich, der ich von diesen Herren ebenfalls vertreten werden soll, schäme mich dafür!

man sollte als Arbeitgeber Schadenersatz von den Balumachern fordern können, als Unternehmer ist man immer der Blöde!


Antworten Gast: austria wien
10.04.2012 09:20
0

Re: man sollte als Arbeitgeber Schadenersatz von den Balumachern fordern können, als Unternehmer ist man immer der Blöde!

was wären sie ohne arbeiter ?
dann müssten sie selbst alles machen - sind sie so gut ?

Re: man sollte als Arbeitgeber Schadenersatz von den Balumachern fordern können, als Unternehmer ist man immer der Blöde!

wer sich als unternehmer so schwer benachteiligt fühlt dem steht es allzeit frei
sich beim mitbewerb als angestellter oder arbeiter zu verdingen ;-)


Antworten Gast: Be-obachter
09.04.2012 20:08
0

Re: man sollte als Arbeitgeber Schadenersatz von den Balumachern fordern können, als Unternehmer ist man immer der Blöde!

Uns was machen wir, wenn der Chef selber krank wird? Wenn dann also durch den fehlenden Entscheidungsträger Ausfälle entstehen?
Wird er dann auch jeden ersten Tag auf sein Einkommen verzichten?

ÖVP vernichtet sich selbst.

Ich finde es interessant zu beobachten, wie sich eine Partei selbst vernichtet.

Solange die ersten sechs Wochen Krankenstand

aussschliesslich der Dienstgeber voll bezahlt - kanns doch jedem wurscht sein.
Krankenkasse - wozu??

ÖVP-Vorschlag

Und wieder ein paar %-Punkte weniger bei der nächsten Wahl.

der erste


Gast: das schwarze Schaf unter den Roten
09.04.2012 03:42
0

Krankenstand am 1. Tag zum Arzt,

. . . am 2.Tag zum Chefarzt.

Re: Krankenstand am 1. Tag zum Arzt,

Und zu bettlägrigen kommt der Chefarzt dann ins Haus oder wie?

Aufregen

Der Haubner war mir bis dato völlig unbekannt, das wird seinen Grund haben.
Trotzdem werden sich über diesen Vorschlag vornehmlich Leute aufregen, die offenbar öfters einen Tag krankfeiern.

Antworten Gast: Braunau2012
10.04.2012 09:12
0

Re: Aufregen

Wieso? Dieser Vorschlag trifft genauso Leute, die 2 Wochen wegen einer Lungenentzündung ausfallen. Nicht einzusehen!

Oder warum auch nicht die Menschen für Krankheiten mal wirklich bestrafen?

z.B am Besten Wegsperen oder eine Geldstrafe verhängen? Oder den Krebskranken so hohe Auflagen auferlegen damit sie sich wie in Italien selbst umbringen und somit der "Gesellschaft" viel Geld ersparen? / End of Sarkasmus


Gast: Heger&Pfleger
08.04.2012 22:04
2

Halali auf die Wildsau

Jetzt schieß ma die Simulanten ab und dann ab zur nächsten Wildsau. Das Weidwerk will gelernt und was noch wichtiger ist, finanziert sein. von : Heger&Pfleger weit angelegter Pfründe

Antworten Gast: so ist es !
09.04.2012 19:03
1

Re: Halali auf die Wildsau

.. und der U-Ausschuss soll natürlich umgehend abgeschlossen werden, denn durch die Verkommenheit der Moralapostel und "Leistungsträger" aus den Reihen der ÖVP und Konsorten sollen diejenigen, welche in Zukunft für Krankheit bestraft werden sollen, also die dummen Arbeitnehmer und Blaumacher (das ist ja nach Ansicht der ÖVP-Herrschaften ja anscheinend das Gleiche), natürlich nicht von ihrem einzigen Daseinszweck, nämlich "brav" zu arbeiten, nicht abgelenkt und verwirrt werden.
Soweit zur offensichtlichen Einstellung von nicht unbedeutenden Leistungsträgern in den Reihen der "christlichen" Partei ÖVP!
Und auch hier muß die Gültigkeit der Unschuldsvermutung erwähnt werden.

Gast: black magic
08.04.2012 21:28
2

das Ziel der Wirtschaft war

seit jeher, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen.

Geistig Inkontinente haben den Grundzweck durch "gehts der Wirtschaft gut, gehts uns allen gut" ins Gegenteil verkehrt.

Es ist daher nicht verwunderlich, wenn Parteien (Teile des Ganzen) sich nur selber auf Kosten der Bürger vertreten.

Gast: Franz Franitzki
08.04.2012 20:52
1

neue Idee

Das ist wohl das Ende dieser ÖVP wie wir sie kennen !!!

Ich hätt einen Vorschlag:

Einheitlich 20% Selbstbehalt für jeden Arztbesuch wie dies bei manchen Krankenkassen bereits jetzt der Fall ist.

Damit würden die Arztbesuche drastisch reduziert werden und die Krankenkassen gleichzeitig saniert sein !

Aber da traut sich nicht einmal die ÖVP drüber - geschweige denn die Sozialisten !


Re: neue Idee

Ja genau. Damit jene, die schwerkrank sind und aufgrund dessen nicht arbeiten können und von Almosen leben müssen, dann nicht mehr zum Arzt gehen können.
Aber sonst geht's Ihnen eh noch gut?

wenns wenigstens die "richtigen" treffen würde

welche bekanntlich ihre Krankenstände im vorraus planen und natürlich weiterhin bezahlt bekommen dürfen (weil sich ansonst Neugebauer querlegt), statt erneut wieder die kleinen Hackler zugunsten einiger Grosser bestrafen zu wollen !

Aber SO ???


 
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