Plädoyer für Reform bei künstlicher Befruchtung

08.06.2012 | 21:26 |   (Die Presse)

Juristen und Mediziner fordern liberalere Positionen und werfen den Gegnern „Frankenstein-Fantasien“ vor.

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Haibach ob der Donau/Ett. Der Gesetzgeber solle so „wie er sich früher aus den Schlafzimmern zurückgezogen hat“, seine paternalistische Haltung zur künstlichen Befruchtung aufgeben und im Fortpflanzungsmedizingesetz liberalere Positionen zulassen: Der Wiener Medizinrechtler Christian Kopetzki fand für seinen Vortrag bei der diesjährigen Tagung der Juristenkommission breite Zustimmung. Anhänger der restriktiven Gesetzeslage in Österreich würden weitreichende Verbote mit „Dammbruchargumenten“ wegen möglicher medizinischer Risken verteidigen: „Es sind so Frankenstein-Fantasien.“

Während eine Arbeitsgruppe des Justiz- und Gesundheitsministeriums Änderungen des aus dem Jahr 1992 stammenden Fortpflanzungsmedizingesetzes berät, drängten am Freitag bei der Juristentagung in Haibach ob der Donau (Bezirk Eferding) auch führende Mediziner auf Änderungen. „Da ist Verbesserungsbedarf“, betonte Peter Husslein. „Wir hätten gern ein Gesetz, das die moderne Realität widerspiegelt und nicht die Realität von vor 20 Jahren“, meinte der Vorstand der Wiener Universitätsfrauenklinik mit Verweis auf medizinische Fortschritte. Zugleich gebe es im Ausland längst liberalere Regeln: Weil die Eizellenspende in Österreich verboten sei, würden die Leute nach Tschechien fahren.

Ins gleiche Horn stieß Ernst Wolner, der Leiter des Obersten Sanitätsrats: „Man braucht nur nach Bratislava fahren, die Wiener Institute haben dort ihre Exposituren.“ Auch für ihn sind die geltenden Verbote „nicht sinnvoll“. Was die Wahrscheinlichkeit der politischen Umsetzung betrifft, war sich Wolner mit Husslein freilich ebenfalls einig. Er rechne mit einer „Hochzeit“ für Juristen, „weil ich ganz sicher bin, dass es in der derzeitigen politischen Situation nicht zu einer Novellierung kommen wird“. Nur Höchstgerichtsentscheidungen erzeugten Druck. Er spielte damit darauf an, dass die ÖVP im Gegensatz zum Koalitionspartner SPÖ einer Lockerung – etwa in Richtung künstlicher Befruchtung für gleichgeschlechtliche Paare oder alleinstehende Frauen – ablehnend gegenübersteht.

Matthias Beck, Moraltheologe an der Universität Wien, forderte bezüglich der In-vitro-Fertilisation, die Grundstruktur der Familie im Auge zu behalten. Er stellte sich mit Blick auf die Würde des Menschen hinter restriktive gesetzliche Bestimmungen. Zu anderen Regeln im Ausland sagte er: „China macht Todesstrafe, also machen wir auch Todesstrafe?“

Für Erwin Bernat (Uni Graz) zeigen empirische Studien, „dass die Gesellschaft keinen Grund hat, sich um das Wohlergehen künstlich gezeugter Kinder zu sorgen“. Eltern hätten zu solchen Kindern sogar ein „warmherzigeres“ Verhältnis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)

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6 Kommentare

Das Grossziehen von Kindern ist ein Gestaltungsauftrag. Ihrem Entwicklungstand entsprechend will man schon Klein(st)kindern eine Vielfalt von Erlebnissen bieten. Man schafft für sie Freiräume in denen sie die Welt erkunden können. Natürlich alles im Rahmen der Liebe. Besonders wichtig ist natürlich, dass sie Beziehungen mit anderen Menschen erleben. Auch hier heisst es uU "gestalten" damit sie eine - ihren altersmässigen Kompetenzen entsprechend - positive Beziehungsvielfalt erfahren.


Für Kinder sind naturgemäss die primäre Bezugspersonen bei weitem am wichtigsten und können, insbesondere bei Kleinn(st)kindern, durch andere Personen nicht ersetzt werden.

Bereits mit 6 Mon können Säuglinge geschlechtliche Merkmale von Mama und Papa gut erkennen, damit Mann von Frau voneinander unterscheiden. Der Klangunterschied, wenn Papa oder Mama liebevoll singt, Unterschiede im Körperbau, Gesichtsform, Bewegungsmuster usw gehören zum Erlebnisvielfalt von Klein(st)kindern. Sie setzen sich mit diesen Unterschieden auseinander, geniessen sie und spätestens mit 12 Mon drücken sie ihre Wünsche aus ausdrücklich mit Papa oder Mama zu interagieren.

Es ist nur fair, Kindern verschiedengeschlechtliche Eltern zu bieten, um ihnen diese spezielle Erlebnisvielfalt zu bieten und ihnen während ihrer ersten Lebensjahren das Erleben eines besonders liebevollen, vertrauensvollen Umgangs mit Vertretern beider Geschlechter zu ermöglichen.

Die Befriedigung des Grundbedürfnisses vertrauensvoll mit Vertretern beider Geschlechter zu interagieren ist ein Freiheitsrecht, welches Sie, Mitglieder der Juristenkommission, für sich täglich in Anspruch nehmen.

Warum wollen sie, dass der Staat daran mitwirken soll, dass zukünftige Kinder vermehrt in Lebensituationen aufwachsen, wo ihnen Entsprechendes in ihren ersten Lebensjahren absichtlich weitgehend verwehrt wird?

Steht Kindern dieses Recht nicht zu?
Ist ein Kind kein "ganzer" Mensch? Man schränkt ihre Freiheit ein, wenn es erzieherisch sinnvoll / zu ihrem Schutz notwendig ist, aber es gibt keinen solchen Grund Kindern genanntes Bedürfnis in hohem Masse zu verwehren.

Re: Das Grossziehen von Kindern ist ein Gestaltungsauftrag......

Mein Kommentar richtet sich natürlich nur an die Teilnehmer u Vortragende der Tagung der Juristenkommission die die Aufhebung der Beschränkung zulässiger Massnahmen der Forpflanzungsmedizin auf Partner verschiedenen Geschlechts befürworten.

Gast: Milla
09.06.2012 09:47
1

Nachtigall, ich hör dir trapsen!

Es ist eine unglaubliche Anmaßung mancher Fortpflanzungsmediziner, so zu tun, als wäre es breiter gesellschaftlicher Konsens, sämtliche Regeln und Gesetze betreffend die künstliche Befruchtung über Bord werfen zu wollen - das ist es nämlich ganz und gar nicht!

Ich verstehe schon, dass es für Husslein & Co wesentlich einfacher wäre, (noch) mehr Geld zu verdienen, wenn es gar keine beschränkenden Gesetze mehr geben würde. Matthias Beck hat mit seinem Verweis auf andere Sitten und Gesetze in anderen Ländern absolut Recht. Nicht alles, was uns als "Fortschritt" verkauft wird, muss schon einer sein.

Zu Herrn Bernat: Es ist fahrlässig, zu sagen, die Gesellschaft hätte keinen Grund, sich um das Wohlergehen von künstlich gezeugten Kindern zu sorgen. Künstlich gezeugte Kinder haben erwiesenermaßen ein höheres Risiko für Behinderungen. Und entsprechende Langzeitstudien gibt es sowieso nicht (was einen auch misstrauisch machen könnte).

Antworten Gast: Vogel Strauss
09.06.2012 12:54
0

Re: Nachtigall, ich hör dir trapsen!

So ein Blödsinn, klar gibt es Langzeitstudien zum Outcome von ART-Kindern, einfach mal in Pubmed suchen ...

Antworten Antworten Gast: milla
11.06.2012 18:34
0

Re: Re: Nachtigall, ich hör dir trapsen!

Nicht mal einen Link? Sie enttäuschen mich ...

Antworten Antworten Gast: milla
09.06.2012 14:35
1

Re: Re: Nachtigall, ich hör dir trapsen!

na dann, immer mal her damit!

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