Die Fußtruppen Barack Obamas in den Vorstädten

29.10.2008 | 18:18 |  Von unserem Korrespondenten THOMAS VIEREGGE (Die Presse)

Die Demokraten haben das ganze Land mit einem Netz von Wahlhelfern überzogen, die per Telefon oder bei Hausbesuchen Überzeugungs-Arbeit leisten.

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Washington. Der Tag beginnt mit Gottes Segen und der Nationalhymne, mit einem Gebet und einer Demonstration von inbrünstigem Patriotismus. Im Hauptquartier der Demokraten, unweit des Kapitols in Washington, wurlt es von freiwilligen Wahlhelfern, die von einem ganzen Chorus an Motivationskünstlern eingestimmt werden auf ihren Einsatz für Barack Obama. Das „Klinkenputzen“, die Wahlwerbung von Haus zu Haus, ist ein unbezahlter Knochenjob – noch dazu an einem Tag, an dem es draußen in Strömen regnet. „Weder Regen noch Schnee kann uns abhalten“, lautet die Parole.

Marion Berry, der ehedem so skandalumwitterte Exbürgermeister von Washington, feuert die Menge mit einem „Pep-Talk“ an, mit aufpeitschenden Worten, einem Victoryzeichen und dem Bekenntnis: „Ich hätte nie gedacht, dass dieser Tag kommen wird.“ Sein jugendlicher Nachfolger, Adrian Fenty, ballt die Fäuste, und Etan Thomas, der zwei Meter große Basketballstar der „Washington Wizards“ und Poet mit schwarzer Strickmütze, hält eine politische Predigt, die ihn für höhere Aufgaben qualifiziert: „Es ist Zeit für eine neue Vision für Amerika.“ Der volle Saal bebt vor Applaus.

So aufmunitioniert, schwärmen die Fußsoldaten, Obamas Bodentruppen, nach Virginia aus, um die einst republikanische Hochburg im Sturm zu erobern. „Wir müssen in Nordvirginia ganz groß gewinnen“, gibt einer die Devise aus.

Bevor sich Laura Foster und Joel Whitaker, ein Paar aus Washington, an die Überzeugungsarbeit machen, stärken sie sich freilich noch mit einem Snack. „Das ist harte Arbeit, das ist kein Spaß. Doch die letzten beiden Wahlen waren wie ein Schlag in die Magengrube. Ich will nicht, dass das noch einmal passiert“, erzählt Laura. „Und die Nominierung von Sarah Palin zur Vizepräsidentschaftskandidatin hat mich so aufgebracht, dass ich mich entschlossen habe, etwas zu unternehmen.“ Joel pflichtet ihr bei: „Noch einmal vier Jahre mit den Republikanern wären unerträglich. Ich will mich nicht mehr für die Politik der Regierung entschuldigen müssen.“

In der demokratischen Wahlkampfzentrale von McLean, einer reichen Vorstadt von Washington mit 40.000 Einwohnern, bekommen Laura und Joel ihren Einsatzbefehl. Mit 700 solcher Wahlkampfbüros hat das Obama-Team das ganze Land überzogen, Zehntausende Helfer rackern sich ehrenamtlich für den demokratischen Kandidaten ab – viel mehr als auf der Gegenseite. An der Wand hängt ein Obama-Poster in Pop-Art-Manier, darunter prangt der Slogan „Hope“. Wahlhelfer haben sich ans Telefon geklemmt, um Unentschlossene zu bearbeiten. „Obamonos“, ruft der Einsatzleiter – eine Verballhornung von „Vamonos“: Los geht's.

 

Ausgetüfteltes System

Mit einer exakten Adressenliste rollen Laura und Joel, zwei Managementberater Mitte dreißig, staunend durch das Villenviertel Holly Leaf, an dem sich ein protziges Haus an das andere reiht. Vor der Garage stehen meist zwei oder noch mehr Karossen, die Vorgärten sind akkurat gestutzt und mit Halloweenschmuck geziert. „Ein Volvo war früher eher ein Hinweis auf einen Demokraten, ein Sternenbanner auf einen Republikaner. Aber das stimmt so nicht mehr“, weiß Laura. „Ein Abonnement der ,Washington Post‘ ist aber immer noch ein sicheres Zeichen für einen Demokraten.“

Die beiden gehen nach einem ausgetüftelten System vor, bei dem die bereits registrierten Demokraten ausgeklammert sind. Ruhig und freundlich spult Joel sein Sprüchlein herunter. Es gehe nicht so sehr darum, die Leute in eine politische Debatte zu verstricken, sondern sie zum Nachdenken zu bringen, sagt Joel. „Es geht um die kleinen Siege.“

Bei David Aronson ist das gar nicht mehr nötig. Er stürzt aus der Tür und verkündet frei heraus: „Ihr habt alle drei Stimmen aus unserem Haus.“ Und auch Sanaa Atta und ihre Familie stimmen geschlossen für Barack Obama. Die Beamtin im Gesundheitsministerium, eine gebürtige Palästinenserin, lädt die vom Regen durchweichten Wahlhelfer zu Tee und Kuchen ins Wohnzimmer, wo auf einem Großbildschirm gerade ein Footballspiel läuft. „Ich bin eine Mama für Obama“, scherzt sie in Anspielung auf ihre beiden Töchter, die ihre politische Haltung mit Obama-T-Shirts zur Schau tragen. So wie sie, tun viele ihre Überzeugung kund.

Republikanische Wähler reagieren auf die Obama-Werbetour eher kühl. Trotz mancher Zweifel bleiben viele in der Nachbarschaft den Republikanern treu. Doch einer gesteht unumwunden zu: „Euer Freund wird gewinnen.“


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WISSEN

Obamas Wahlkampf wird sehr direkt und intensiv geführt. In Nebraska wurde kurz vor der Wahl noch ein Wahlkampfbüro eröffnet. In North Carolina unterhält der Kandidat 45 Büros, in Virginia sogar 70. Ziel der Kampagne ist es auch, die Wahlbeteiligung zu steigern. Obama ist ebenso im Internet stark präsent: Er schaltet 100-mal mehr Anzeigen im Netz als sein Konkurrent McCain.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2008)

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5 Kommentare
Gast: Bresner
30.10.2008 18:14
0 0

Mc Cain wird gewinnen...

Die Demokraten, sind das, was die Grünen in Österreich sind: Umfragemeister...

Der logische Sieger kann aber nur Mc Cain heißen, ihr werdet sehen...

Gast: Peter Manda
30.10.2008 05:25
0 0

hab's gesagt

Bei der Wahl in den USA geht es um die Definition des Amerikaners. Mit Praesident Obama werden wir nicht mehr Schwarze und Rote sein, sonder Amerikanische Staatsbuerger. Der Traum MLK's hat sich endlich verwirklicht.
Es mag sein, dass wir Freiwillige Fusstruppen sind, aber wir deklarieren nicht Hass und Angst, sondern Kooperation und Hoffnung. Fuer Zusammenarbeit und Inklusivitaet, bin ich gerne einer der vielen Fusstruppen.
Peter Manda
New Jersey

Gast: wieso
30.10.2008 00:20
0 0

Manipulierende Medien

Heißt es nicht immer wieder, es gäbe in den USA ein Kopf an Kopf rennen zwischen den Parteien?

Wen würden wir in Österreich wählen? Geschlossen Obama! Wie ist so was möglich? Subjektive Medien!

Das gleiche mit Putin - in Russland beliebt, bei uns als dubios gesehen. Aber kennen ihn die Russen nicht besser als wir?

Im deutschen Radio reden "gscheite Leute" vom tragischen Rechtsrutsch in Österreich. Völlig übertrieben aus meiner Sicht.

Oder man schlage unseren verstorbenen Haider in ausländischen Medien nach und vergleiche das mit Berichten in österreichischen Zeitungen -> dazwischen liegen Welten!

Und wer kennt sich wohl mit unserer Politik tendenziell besser aus? Ein Einheimischer oder ein Gast?

Es gäb doch bestimmt auch was über McCains Wahlkampf zu berichten?!
So brisant wie dieser Artikel ist schnell mal was.

Antworten Gast: Gast
30.10.2008 17:23
0 0

Re: Manipulierende Medien

Was Putin betrifft, so gaben bei seiner ersten Wahl in Nachwahlumfragen nur 10% an, Putin gewählt zu haben. Ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass er diese Wahl wirklich gewonnen, sondern vielmehr, dass sein KGB getrixt hat. Und seit er an der Macht ist, gibts keine Presse- und Meinungsfreiheit mehr, sondern nur noch Putin-Propaganda, wie in alten Sovjet-Zeiten. Putin ist also ein schlechter Vergleich. Österreich als Vergleichsland hinkt ebenso, da es mit seiner Normalisierung von Rechtsextremismus föllig aus der Reihe tanzt. Aber eines stimmt sicher, hierzulande wird viel mehr über Obama als über McCain berichtet. In amerikanischen Online-Zeitungen ist das nicht so.

Re: es ist nicht leicht

Ich glauber der Unterschiede der Sichtweisen ist auch ein wichtige Indikator wie weit die grundlegenden Anliegen und Ansichten der Länder auseinander liegen.

In Russland stehen Fragen des täglichen Überlebens und der Niedergang der Weltmacht im Vordergrund, für den Westen (+Geld) ist aber aber eher Stabilität und Rechtsstaatlichkeit wichtig.

Somit können beide Seiten im Grunde recht haben aber die Urteile werden unterschiedlich ausfallen :-)

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