Pharmatests: „Versuchskaninchen“ aus der DDR

13.05.2013 | 17:19 |   (Die Presse)

Westliche Pharmafirmen führten laut „Spiegel“ Experimente beim „Klassenfeind“ durch: Gegen Schweigegeld für das Regime erprobten sie neue Medikamente. Die Regierung in Berlin will das dunkle Kapitel aufrollen.

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Wien/Berlin/VIER. Die Bürgerrechtler schöpften Verdacht, als immer öfter Autos mit Westkennzeichen in der Fehrbelliner Straße parkten. In den 1980er-Jahren, als im Ostberliner Szeneviertel Prenzlauer Berg in Kirchen, Alternativzirkeln und Rockbands die Oppositionsbewegung keimte, gingen im Haus Fehrbelliner Straße 5 offenkundig Westbesucher ein und aus – ein eher ungewöhnlicher Vorgang in der Spätphase der DDR.

Wie sich jetzt herausstellte, waren es Vertreter westlicher Pharmafirmen, die bis heute, wenngleich oftmals inzwischen fusioniert, Rang und Namen haben: Bayer, Schering, Hoechst, Pfizer, Sandoz, Roche. Sie drückten sich mit ihren Geldkoffern die Klinke in die Hand. Im Westen hatte der Contergan-Skandal im Laufe der Jahre ein Bewusstsein für unerprobte Medikamente geweckt, eine kritische Öffentlichkeit erzwang rigorosere Auflagen durch die Behörden.

Da rückten für die Pharmaindustrie neue „Versuchskaninchen“ ins Visier, wie der „Spiegel“ nun aufdeckte: die Bürger des Obrigkeitsstaats DDR. Mindestens 50.000 Bürger, so schätzt das Magazin bei seinen Recherchen in Privatarchiven und ehemaligen DDR-Instituten, sollen als Versuchspatienten hergehalten haben. So wie heute Indien oder China als Experimentierfeld für neue Präparate dienen, richtete sich damals das Augenmerk auf den „Arbeiter- und Bauernstaat“.

Keine Berührungsangst

Die Bundesregierung in Berlin will das dunkle Kapitel der Pharmatests jetzt aufrollen. Die Aufarbeitung der SED-Diktatur dürfe sich nicht mit der Stasi erschöpfen, lautet der Tenor des Antrags für die Debatte im Bundestag.

Die DDR-Diktatur hatte bereits lukrative Erfahrung mit dem Kapitalismus gemacht, der seinerseits keine Berührungsängste kannte. In ostdeutschen Gefängnissen werkten Häftlinge als Zwangsarbeiter für den schwedischen Möbelkonzern Ikea, sie produzierten unter anderem das Bücherregal „Billy“, wie auch erst kürzlich zutage trat. Es traf sich jedenfalls gut, dass der Satellitenstaat der Sowjets dringend Westdevisen benötigte – nicht zuletzt für sein zusehends desolates Gesundheitssystem, das der internationalen Entwicklung hinterherhinkte. Bis zu 800.000 DM winkten pro Studie und Medikamententest.

Die Einnahmen teilten sich Alexander Schalk-Golodkowskis Abteilung für Devisenbeschaffung und die DDR-Spitäler brüderlich. Die Kliniken pumpten das Westgeld in die Verbesserung ihrer Infrastruktur: von der Charité in Berlin, dem Aushängeschild der Forschung, bis hin nach Leipzig oder Jena. In einer Bilanz vermeldeten die Krankenhauschefs alljährlich stolz ihre finanziellen Eingänge vom westlichen Klassenfeind.
Pharmageschäfte, die zuvor nur im kleinen Rahmen über Lobbyisten und gegen „Geschenke“ bei der Leipziger Messe abgewickelt wurden, florierten ab 1983 auf  institutioneller Ebene – dem neu geschaffenen Beratungsbüro in dem unscheinbaren Haus in der Fehrbelliner Straße. Es war ein offenes Geheimnis in der Bundesrepublik. „Dass westliche Konzerne in der DDR klinische Studien durchführen, wusste im Bundesgesundheitsministerium jeder“, sagt ein früherer Abteilungsleiter. „Warum und wie, das wurde nicht hinterfragt.“

Epo für Frühgeborene

Ohne jede Warnung verabreichten die Ärzte Medikamente aller Art: Psychopharmaka, Anti-Depressiva, das als Dopingmittel bekannte Epo an Frühgeborene. Immer wieder kam es zu Todesfällen, und sobald sie sich häuften, stoppten Ärzte das Experiment. So schildert es Hubert Bruchmüller, ein ehemaliger Elektromeister aus Sachsen-Anhalt, im „Spiegel“. Der Herzpatient war in der Testreihe als „Patient Nr. 030“ vermerkt. „Aufklärung bekam ich nicht, und ich musste auch nichts unterschreiben.“ Als „Patient Nr. 029“, sein Zimmernachbar in der Klinik Magdeburg, an einem akuten Herzinfarkt starb, endete der Test abrupt. Über den Tod eines anderen Patienten heißt es im Protokoll im Technokratenjargon, dass er „im Rahmen des Krankheitsverlaufs als mögliches Ereignis“ eingestuft wird.

Viele Pharmafirmen weigerten sich laut „Spiegel“ bisher standhaft, ihre „Giftkammern“ zu öffnen. Und in der Charité schaffen Gabelstapler turnusmäßig gerade die Akten aus dem Jahr 1983 weg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2013)

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18 Kommentare

Heiter gehts weiter....

...damit in Afrika...im großen Stil.

Bei uns ist es leider ähnlich - zum Thema Krebs/MS und Behandlung - da die Ursachen nicht bekannt sind, wird an Patienten (die keine Wahl haben - dafür aber Angst und Schmerzen) lustig herumgetestet und experimentiert - ganz legal und gratis....auch bei Kindern.

Heiter gehts weiter....

...damit in Afrika...im großen Stil.

Bei uns ist es leider ähnlich - zum Thema Krebs/MS und Behandlung - da die Ursachen nicht bekannt sind, wird an Patienten (die keine Wahl haben - dafür aber Angst und Schmerzen) lustig herumgetestet und experimentiert - ganz legal und gratis....auch bei Kindern.

Damals warens nur die im Osten

heute dürfen wir alle daran teilhaben. Wenn Bauer Fritz und Co seine ach so tollen "Pflanzenschutzmittel" tonnenweise auf unsere Nahrung sprühen. Lest euch einmal die Gefahrenhinweise solcher Mittel durch und Ihr wisst, dass Versuchskaninchen da noch eine Untertreibung ist.

Unfreiwillige Menschenversuche ...

... sind höchst verachtenswert. Das Blöde daran ist nur, dass viele segensreiche Medikamente leider gerade aufgrund derartiger Versuche erfunden wurden.
Ich weiß auch nicht, wie man dieses Problem lösen soll.
Jetzt einmal wirklich ehrlich: Wer würde sich hier im Forum für Testzwecke zur Verfügung stellen - aber nicht nur für Kopfwehtabletten.

Evolution

Das Böse steckt tief in unseren Genen. EIn Preis den wir für unser ¨Superhirn¨ zahlen.

und wer......

.....glaubt das sowas heute nicht mehr gemacht wird in irgendwelchen 3.Welt Ländern is auch eher auf der Nudelsuppe dahergeschwommen.....

Deutschland hat anscheinend

kein Problem mit diesen Menschenversuchen.
Das diente alles nur der Wissenschaft. Erlaubt ist, was nützlich ist.

Aber das von der DDR (1950-1990) gezielt angewandte Doping an ihren Sportlern war nach der Wiedervereinigung schon ein Fall für die Gerichte und die Medien.
Das wurde gnadenlos aufgearbeitet und verfolgt in bester Siegermanier.

Ich sags immer wieder: Die Moral ist wie die Wäsche, die man trägt und wechselt und wäscht....

Wären es Tierversuche gewesen,gäbe es hier mindestens 1000 Kommentare !

Da es sich aber "nur" um Menschen handelt, sind es einmal knappe 10. Schon beruhigend was für ein beschissenes Völkchen wir sind oder?

4 1

vielleicht sollte man sich mehr darauf konzentrieren was die in afrika aufführen


... betrieben in DDR?

Wie überhaupt "dort im Osten" verwerfliche Praktiken von der Völkergemeinschaft toleriert wurden.
.
Wehrhafte Jugendarbeit, militärische Aufmärsche und ... auch kollektive Ferienlager, "Senderverbot" und vieles andere von dem man glaubte, es sei Geschichte.
.
Nur die großen Fü*rer gingen nicht ins Feuer!

3 1

Berlakowitz - Deine Freunde

....

Werft die Verantworlichen in den Häfen, dort ...

sollen sie neben den gefährlichen Kiffern ihre Strafe abbüßen.

0 0

Stichwort Verantwortliche... Re: Werft die Verantworlichen in den Häfen, dort ...

Wo es doch, wie immer in den HÖHEREN KREISEN, nur um das Deckungsprinzip geht. Je diktatorischer und grö§§er, desto skrupello§er.

Gähn....

Ein höchst eigenartiger Versuch, die Schuldigen am System "DDR" zu suchen.

2 0

Ohne Nützliche Idioten... Re: Gähn....

Ohne beflissene Mittäter gäbe es solche "Systeme" nicht. In allen Rängen.

Was ist schlimmer?

Das die westlichen Pharmakonzerne in der DDR Menschenversuche machten, rein aus Profitgier und ohne Rücksicht auf Leib und Leben oder das die DDR es zuließ, aus Bedarf an Devisen?

Re: Was ist schlimmer?

Wie die Pharmakonzerne nach dem von Rockefeller initiierten Arzneimittelkartell geworden sind, weiß man genauso, wie man weiß, wie die DDR getickt hat. Was davon schlimmer ist, weiß ich zwar auch nicht, aber das Schlimmste ist, dass es immer mehr Leute gibt, die offenbar das Arbeiter und Bauernparadies wieder herbeisehnen, indem sie Grün wählen... ;-)

1 2

unerheblich, WAS SIE wählen... Re: Re: Was ist schlimmer?

Egal, was sie wählen. Sie erwarten von ANDEREN, dass sie das Richtige tun.

In einer parlamentarischen Demokratie würde das auch funktionieren aber in der Exekutivoligarchie niemals. Die ist nur die Fortsetzung der Monarchie mit Abnickparlament.

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