Mit Herz und Hirn zum Sieg

In Wien brachten junge Sozialwissenschaftler ihre Forschung auf die Bühne: So soll die Vermittlung an die Öffentlichkeit angeregt werden.

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Symbobild – (c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)

Bunte, runde Papierscheiben flogen durch die Luft. Die junge Frau auf der improvisierten Bühne klebte sich rosa Post-it-Zettelchen auf Stirn und Brust. Und hatte dabei nur eines im Sinn: den Zuschauern zu vermitteln, worum es in ihrer Dissertation mit dem Titel „The Communicative Construction of Emotions“ eigentlich geht. Gloria Maria Bottaro bestritt ihren ersten „Science Slam“, sie ist Doktorandin der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.

Beim Science Slam handelt es sich um einen Wettstreit zwischen Nachwuchsforschern, bei dem die Teilnehmer nur wenige Minuten Zeit haben, um ihr Forschungsvorhaben dem Publikum verständlich zu machen. Dieses unkonventionelle Format der Wissenschaftsvermittlung bildete den Höhepunkt des ersten „Tag des SoWi-Doktorats“ in der Aula am Universitätscampus im alten AKH. Zugleich war es der erste rein sozialwissenschaftliche Science Slam.

Normalerweise zählen Sozialwissenschaftler bei Forscherwettkämpfen wie FameLab oder Science Slam zur Minderheit. Diese Rolle als Exot kennt einer der beiden Organisatoren, Roman Pfefferle, aus eigener Erfahrung. Vor zwei Jahren nahm der Politikwissenschaftler und Koordinator des Graduiertenzentrums der Fakultät für Sozialwissenschaft beim ersten Science Slam Vienna teil. Gemeinsam mit Reinhard Slepcevic vom Doktorandenzentrum der Uni Wien ebnete er nun beim Tag des SoWi-Doktorats neuen Präsentationsformen den Weg.


Vermittlung ist Neuland. Für viele Forscher aus den Sozialwissenschaften ist die Vermittlung ihrer Ergebnisse jenseits wissenschaftlicher Publikationen oder eines Vortrags noch unbekanntes Terrain. Doch genau wie ihre Kollegen aus anderen Disziplinen müssen auch sie sich immer öfter nicht allein durch die Qualität ihrer Forschung, sondern durch gewisse Vermittlungskompetenz profilieren. Dass Karriere und Kommunikation in der Forschung heute in einem engen Zusammenhang stehen, wurde bei den Panel-Diskussionen deutlich. Vor allem für Sozialwissenschaftler ist es laut Experten wichtig, ihre Forschungstätigkeit klar sichtbar zu machen, um sowohl universitätsintern als auch in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen zu werden.

Ein erster Schritt dahin sind Poster. Eine Präsentation neben der anderen gab Einblick in die thematische Vielfalt sozialwissenschaftlicher Forschung. Mehr als 20 Dissertanten standen den Besuchern Rede und Antwort. Profitiert haben nach eigenen Angaben alle davon. Dennoch gelang es nur wenigen, sich von der Dominanz des Textes zu lösen und auch Bilder oder Grafiken „sprechen“ zu lassen. „Darüber sind wir nicht gerade glücklich. Posterpräsentationen sind allerdings noch wenig bekannt. Wir haben daraus gelernt“, zieht Slepcevic eine erste Bilanz.

Die Aula war kurz vor Beginn des Science Slams bis auf den letzten Platz belegt. Gespannt warteten die Zuschauer auf die Darbietungen der vier Doktoranden. „Das Schwierigste für Sozialwissenschaftler ist die Visualisierung von abstrakten Begriffen“, erklärt Pfefferle. Denn anders als bei Naturwissenschaften, Medizin oder Technik geht es hier weder um Experimente noch um anschauliche Dinge. Übertriebene Vorsicht und ein Mangel an Selbstbewusstsein stünden außerdem vielen Forschern im Weg. Die Organisatoren kennen diese Schwachpunkte: Gerade deshalb setzen sie nun auf unkonventionelle Formate wie Posterpräsentationen oder den Science Slam vor großem Publikum.


Lässig präsentiert. Unterstützung erhielten die Teilnehmer von Bernhard Weingartner. Der Physiker (und vierfache Vater) gewann den FameLab Austria 2008, begeistert Kinder in Parks mit Physikexperimenten und organisiert die Science Slams in Wien.

Er schickte den Publizistik-Dissertanten Josef Ladenhauf als Ersten auf die Bühne. In Begleitung eines kleinen Hundes stellte sich der als Rotkäppchen vor und erklärte, wie Hunde in der Therapie von Demenzkranken die Kommunikationsfähigkeit verbessern könnten.

Bottaro hatte nur einen silbergrauen Stockschirm bei sich. Papierscheiben verwandelten sich zu Kommunikationsinhalten, und die Post-it-Herzchen stellten Emotionen dar. Ihre Darbietung brachte ihr beim Gruppenvoting den Sieg ein. Fazit: Ob Science Slam, Medien oder Förderungen, wer sein Forschungsvorhaben auf den Punkt bringen kann, gewinnt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)

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