IIASA: Die Katastrophe als Chance

Das IIASA in Laxenburg feierte seinen 40. Geburtstag mit einem hochrangig besetzten wissenschaftlichen Symposium.

IIASA Katastrophe Chance
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(c) AP (JOERG SARBACH)

Angesichts des Zustandes der Welt ist es leicht, in pessimistische Töne zu verfallen: Die Weltbevölkerung wächst, die Versorgung mit Lebensmitteln wird prekärer, Wasser und Energie werden knapper, die Welt wird wärmer usw. Pavel Kabat hat sich fest vorgenommen, nicht in diesen Chor einzustimmen: Der neue Direktor des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) mit Sitz in Laxenburg (südlich von Wien) will im Gegenteil der Öffentlichkeit positive Geschichten erzählen – nämlich über die Chancen, die sich aus den Problemen der Welt ergeben. „Wir müssen unser Paradigma ändern“, sagte er am Mittwoch in der Hofburg zur Eröffnung jener Konferenz, mit der das 40-Jahr-Jubiläum des IIASA gefeiert wurde.

Kabat drückte damit den Tenor der rund 800 angereisten Experten – unter ihnen etliche Nobelpreisträger – aus. Ein konkretes Beispiel lieferte der Demograf Wolfgang Lutz (ÖAW), der am IIASA das World Population Program leitet. Er präsentierte eine Zusammenschau von 600 Bevölkerungsprognosen bis zum Jahr 2100. Die pessimistischste Variante spricht dabei von einem Anwachsen auf zwölf Milliarden Menschen, im Mittelwert sehen die Prognosen eine Bevölkerungszahl von neun Milliarden im Jahr 2050 und danach ein leichtes Abfallen.

Und was soll daran eine positive Geschichte sein? Es sind die optimistischeren Prognosen: nämlich jene, in denen auch der Bildungsstand der Menschen einbezogen wird (der Einfluss auf die Geburtenraten hat): Wenn das Bildungsniveau weltweit rasch gesteigert wird, wächst die Weltbevölkerung nur mehr leicht und sinkt dann bis zum Ende des Jahrhunderts sogar unter den heutigen Wert!


Positive Narrative. Dass das Erzählen einer positiven Geschichte freilich oft nicht ganz einfach ist, zeigt ein anderes Beispiel: In einer dieses Wochenende in „Nature Climate Change“veröffentlichten Studie haben IIASA-Forscher nachgewiesen, dass Effizienzforschung beim Energieverbrauch viel mehr positive Effekte hat als Verbesserungen bei der Energieversorgung. Die Realität ist aber anders: Seit 1974 flossen in die Effizienzsteigerung weltweit 38 Milliarden Dollar Forschungsmittel. Klingt auf den ersten Blick nach viel, ist es aber nicht im Vergleich zu Forschungen im Bereich fossile Energien (55 Mrd. Dollar) oder Atomspaltung (194 Mrd. Dollar). Sogar in die Kernfusion flossen mit 42 Mrd. Dollar mehr Mittel als in die Effizienzforschung.


Glaubenssysteme. So erschreckend diese Zahlen sind, sie können dennoch die Basis für eine optimistische Story sein. Im „Global Energy Assessment“ (GEA), der bislang umfassendsten Studie zur weltweiten Energieversorgung, haben rund 500 Forscher unter Leitung des IIASA herausgefunden, dass eine leistbare Energieversorgung für alleMenschen machbar ist – und gleichzeitig die globale Erwärmung mit zwei Grad begrenzt wird, sich die Luftqualität und damit die Gesundheit verbessern und die Wirtschaft davon profitiert. Die Entwicklung einer „green economy“ hat in den Augen des Studienleiters und IIASA-Vizedirektors Nebojša Nakičenović ein ähnlich hohes Potenzial für die Transformation der Wirtschaft und als Wachstumstreiber wie seinerzeit die Agrarrevolution oder die industrielle Revolution.

Wie bringt man nun solche Ergebnisse in die Öffentlichkeit, v.a. in die Politik – ohne alarmistische Narrative zu bedienen? Viele Forscher vertraten bei der Konferenz die Ansicht, dass man die Widerstände gegen Reformen nur dadurch überwinden könne, dass man die Glaubenssysteme der Menschen verändert – also das, was unhinterfragt für wahr gehalten wird. Das ist z.B. bei der Pockenimpfung gelungen, die zur Ausrottung dieser Krankheit geführt hat. Ein allgemeines Rezept dafür kennt aber niemand. Kabat denkt daher laut darüber nach, am IIASA verstärkt die psychologische Komponente zu erforschen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2012)

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