Der Körper zeigt die Wahrheit, nicht das Gesicht

29.11.2012 | 18:34 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Bei der Einschätzung der Gefühlslage anderer verlassen sich Beobachter auf den Ausdruck, den der Körper bietet. Allerdings bemerken sie das nicht und meinen, sie urteilten nach dem Gesicht.

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Wenn man wissen will, wie es einem anderen geht, dann schaut man dorthin, wo – von unzähligen Muskeln – alles geschrieben ist, ins Gesicht. So hält es der Laie, so halten es die Wissenschaften, die sich mit der Wahrnehmung von Emotionen beschäftigen. Aber schon Theodor W. Adorno ist aufgefallen, dass das professionelle Lächeln von Models oft kaum unterscheidbar ist vom schmerzverzerrten Gesicht von Folteropfern, und die Psychologie hat bemerkt, dass positive Emotionen wie Freude und negative wie Pein im Gehirn von den gleichen Zentren mit den gleichen Botenstoffen verarbeitet werden.

Und Samy Molcho und seine Kollegen von der Pantomime haben immer schon gewusst, dass auch und vor allem der Körper spricht, und das in den entscheidenden Momenten, bei Höhepunkten der Emotion, die von einem Betrachter rasch eingeschätzt werden müssen, weil sie bzw. ihre Träger bedrohlich werden könnten. Diese Weisheit wird nun auch im Psychologenlabor bestätigt: Hillel Aviezer (Princeton) hat Testpersonen Bilder von Tennisspielern gezeigt, direkt nach der Entscheidung des Spiels, der Sieger im Triumph, der Verlierer bitter.

Die Bilder kamen in drei Varianten: Einmal wurde nur das Gesicht gezeigt, das andere Mal nur der Körper, dann beides zusammen. Wenn nur das Gesicht zu sehen war, versagte die Urteilskraft der Betrachter, sie ordneten Sieger und Verlierer falsch zu; war hingegen nur der Körper zu sehen, kam das richtige Urteil, beim Bild von Körper plus Gesicht natürlich auch.

 

„Illusorischer Gesichtseffekt“

In der nächsten Runde manipulierten die Experimentatoren, sie montierten Köpfe von Gewinnern auf Körper von Verlierern und vice versa. Die Macht der Körper war größer, auch strahlendste Siegergesichter wurden den Verlierern zugerechnet, wenn sie deren Körper hatten. Und das galt nicht nur für die Sieger/Verliererpose, es zeigte sich auch in anderen Bereichen, etwa bei der Einschätzung von Trauer (Gesichter/Körper auf einer Beerdigung), Freude (über eine neue Wohnungseinrichtung), Vergnügen (an einem Orgasmus) und Schmerz (beim Piercing). Immer entschied der Körper über die Beurteilung der Art der Emotion, nur bei deren Stärke überwog das Gesicht.

Aber die Beurteilenden empfanden es selbst ganz anders: Sie gaben immer an, nach dem Gesicht geurteilt zu haben (Science, 338, S.1225). Wo dieser „illusorische Gesichtseffekt“ herkommt, ist ebenso unklar wie die Ursache der gesamten Urteilsbildung. Die vermutet Aviezer darin, dass die Gesichtsmuskulatur in allen ihren Feinheiten eher für feinere Regungen zuständig ist und bei gröberen „unscharf“ wird. Dann hilft sich der Betrachter damit, dass er sich ersatzweise aus das verlässt, was der gesamte Körper zum Ausdruck bringt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2012)

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